Studierende der Geisteswissenschaften müssen sich häufig für ihre Fachwahl rechtfertigen. Foto: Thilo Rückeis
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Relevante Literaturwissenschaft Twittern statt Taxifahren

Von Relotius bis #MeToo: Literaturwissenschaftler zeigen, wie relevant ihr Fach für aktuelle Debatten ist. An sechs Unis fanden dazu Seminare statt.

Hatte Heinrich von Kleist prophetische Fähigkeiten? Der Dichter liefert in seiner Erzählung „Unwahrscheinliche Wahrhaftigkeiten“ eine Kritik des Storytelling im Journalismus – zweihundert Jahre vor dem Skandal um Claas Relotius. Kleist lässt in der Erzählung einen Offizier auftreten, der einem Kreis von Zuhörern drei Geschichten erzählt. Immer wieder beteuert er, dass er sie selbst kaum glauben könne, doch die Wahrscheinlichkeit sei eben „nicht immer auf Seiten der Wahrheit“. Er nutzt so die Unglaubwürdigkeit als Beleg der Realität seiner abstrusen Geschichten. Mit Erfolg: Sein Publikum glaubt ihm.

Menschen wollen spannende, sensationelle Geschichten hören und sind dafür bereit, auch Unglaubwürdiges als wahr anzuerkennen, schreibt der Literaturwissenschaftler Sandro Zanetti im Onlinemagazin „Geschichte der Gegenwart“. Hierfür bedarf es lediglich detaillierter Hinweise auf Daten und Orte sowie öffentlich dargestellte Zweifel des Erzählers selbst. Relotius bediente sich beider Taktiken, um seine erfundenen Geschichten für den „Spiegel“ (und in zwei Fällen auch für den Tagesspiegel) glaubhaft zu machen. Oft betonte er in seinen „Reportagen“, wie unwirklich, ja literarisch das Erzählte wirke – obwohl es alles wahr sei. Zanettis Fazit: Wir alle müssen mehr Literatur lesen, um der eigenen Geschichtengläubigkeit kritisch zu begegnen.

Zanettis Text ist ein Beispiel für #RelevanteLiteraturwissenschaft. Dieses Hashtag hat eine Gruppe von Literaturwissenschaftlern vor etwa anderthalb Jahren auf Twitter ins Leben gerufen, um zu zeigen, wie ihre Disziplin eine Rolle in öffentlichen Debatten spielen kann. In diesem Frühjahr ist aus dem Hashtag ein Seminar geworden, das parallel an den Unis Paderborn, Trier, Bonn, Leipzig, Greifswald und Wien stattfand. Auf Twitter konnten Studierende und Dozierende der verschiedenen Unis nach den Seminaren weiter diskutieren.

So etwas hat die deutsche Literaturwissenschaft noch nie gesehen

„Mich reizt es, an der Schnittstelle von Literatur und Gesellschaft zu stehen“, sagt Silke Horstkotte. Sie ist Privatdozentin am Institut für Germanistik der Uni Leipzig und eine der teilnehmenden Wissenschaftlerinnen. Ihr Schwerpunkt ist Gegenwartsliteratur, was eine Beschäftigung mit aktuellen Debatten bereits beinhalte. Das Seminar war für sie und ihre Kolleginnen etwas vollkommen Neues, das auch die eher konservative deutsche Literaturwissenschaft bisher noch nicht gesehen hat. „Viele wissen gar nicht genau, was dieses Twitter eigentlich ist“, sagt Horstkotte lachend.

Eine der zentralen Aufgaben der Seminare war es, die Vorwürfe der Irrelevanz, die sich geisteswissenschaftliche Fächer gefallen lassen müssen, zu entkräften. Gerade die Studierenden, die keine Lehrkräfte werden wollen, würden ständig mit dem Klischee des taxifahrenden Germanisten konfrontiert, erzählt die Dozentin. Silke Horstkotte entgegnet solchen Vorurteilen damit, dass sie in ihrer Forschung Fragen von großer gesellschaftlicher Relevanz behandelt: Wie verändert sich die Einstellung zu Religion momentan? Was heißt es, ein Geschlecht zu haben? Wie wollen wir uns an die Shoah erinnern?

Letztere Frage betrifft etwa Takis Würgers Roman „Stella“, der Anfang des Jahres die Feuilletons bewegte. Das Buch basiert auf der Lebensgeschichte der realen historischen Person Stella Goldschlag, die als Jüdin zur SS-Mittäterin wurde. In den zahlreichen Zerrissen vermischten sich ästhetische und ethische Kritikpunkte, auch Diskurse der kulturellen Aneignung spielten dabei eine Rolle: Wer darf welche Geschichten erzählen? All das diskutierte Horstkotte mit den Studierenden des Seminars „Relevante Literaturwissenschaft“.

Wie verändert Digitalisierung das Lesen und Schreiben?

Neben Fragen der Textethik spielt auch #MeToo eine Rolle. Berit Glanz, Skandinavistin an der Uni Greifswald, besprach mit ihren Studierenden den Vergewaltigungsfall an der Schwedischen Akademie, der dazu führte, dass im letzten Jahr kein Literaturnobelpreis vergeben wurde. Wie Digitalisierung das Lesen und Schreiben verändert, war ebenfalls Thema der Seminare, genau wie die Frage, welche Texte eigentlich Teil literarischer Kanons sind und warum.

Das Projekt „Relevante Literaturwissenschaft“ ist ein Plädoyer für mehr Interdisziplinarität. Silke Horstkotte wundert sich über die Grenzen, die zwischen philologischer und kulturwissenschaftlicher Germanistik gezogen werden. „Das ist eine Frage des grundsätzlichen Fachverständnisses.“ Natürlich müsse man den Text erst einmal sichern und verstehen. Doch dann komme es eben auch auf die Kontexte an – das seien zwei Seiten einer Medaille.

Dass der Titel der Seminare auch provokant aufgefasst werden könne, hätten die Wissenschaftlerinnen nicht antizipiert. „Wir wollten die Literaturwissenschaft kämpferisch als relevantes Fachgebiet ankündigen“, sagt Horstkotte. Sie habe es interessant gefunden, dass sich einige Kollegen und Kolleginnen von dem Titel angegriffen fühlten.

Wie Menasse argumentierte schon Thomas Mann

Gibt es also auch irrelevante Literaturwissenschaft? „Relevanz ist etwas Relationales“, sagt die Wissenschaftlerin. Natürlich gebe es auch in der Germanistik Grundlagenforschung, die dann wiederum für andere Untersuchungen relevant werden kann. „Auch ältere Texte können in einem neuen Kontext neue Relevanz gewinnen.“ Horstkottes Überzeugung: Wissenschaftler an der Uni sind aus öffentlichen Mitteln finanziert und sollten erklären können, was sie machen und warum sie es machen. Was nicht heiße, dass alles ökonomisch verwertbar sein muss. „Das ist der große Unterschied zwischen Relevanz und Nützlichkeit.“

Um aktuelle Debatten über Wahrheit, Fiktion und Moral zu durchleuchten, lohnt sich ein Blick durch die Linse der Literaturwissenschaft. Auch der Fall Robert Menasse wurde im Seminar diskutiert. Der Autor hatte dem Europapolitiker Walter Hallstein Worte in den Mund gelegt, die seine eigene Vision von Europa stützten. „Was kümmert mich das ‚Wörtliche’, wenn es mir um den Sinn geht“, sagte Menasse der Zeitung „Die Welt“.

Dass sich schon Thomas Mann derartiger Argumente bediente, führt der am Projekt teilnehmende Germanist Johannes Franzen von der Uni Bonn in einem Text für den Blog „54books“ aus. Thomas Mann ließ Goethe in seinem Roman „Lotte in Weimar“ einen fiktiven Monolog über die Deutschen halten, der 1946 während der Nürnberger Prozesse von dem britischen Hauptankläger zitiert wurde, als wäre er real gewesen. Später schrieb Mann auf, warum er das Falschzitat verteidigt habe: „Doch verbürge ich mich dafür, daß, wenn Goethe nicht wirklich gesagt habe, was der Ankläger ihm in den Mund gelegt, er es doch sehr wohl hätte sagen können (…)“

Das Seminar kam gut an bei den Studierenden

Franzen dekonstruiert diese Argumentationen von Menasse und Mann: „Eine Fälschung ist eine Fälschung und lässt sich auch nicht durch das vage literaturtheoretische Konstrukt einer ‚höheren Wahrheit' rechtfertigen.“ Postfaktisch können nicht nur rechte Ideologen sein, sondern auch wohlmeinende Europafreunde oder Gegner des NS-Regimes. Thomas Mann jedoch habe im Gegensatz zu Menasse die erfundenen Goethe-Zitate nie als reale O-Töne außerhalb seines Romans verkaufen wollen.

Die Herstellung aktueller Bezüge kam bei den Studierenden sehr gut an, erzählt Silke Horstkotte. Die Seminare hätten gezeigt, dass ein großes Bedürfnis nach solchen Inhalten besteht, genauso wie nach der Verwendung sozialer Medien. Auch die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen habe großen Spaß gemacht. Normalerweise käme es nur in der Forschung zu Teamarbeit. In der Lehre hingegen kämpfe jeder für sich allein – bis jetzt.

„Wir sind die Speerspitze einer sich wandelnden Fachkultur“, sagt Horstkotte. Die Wissenschaftler hoffen, ihr Projekt fortzusetzen, auf Twitter und an der Uni. Weit in die Zukunft planen können sie jedoch nicht: Fast alle ihrer Stellen sind befristet. Auch so treffen Politik und Wissenschaft aufeinander.

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