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Einzelne Wohneinheiten, die aus Holz und Glas bestehen, werden mit einem Kran von oben auf ein entstehendes Haus gesetzt. Foto: Getty Images/Maja Hitij
© Getty Images/Maja Hitij

Plädoyer für ein neues Bauen der Zukunft Runter vom Holzweg

Was wäre wirklich klimaneutral? Der Ingenieur Werner Sobek liefert verlässliche Daten zur Umwelt- und Baupolitik – und fordert einen radikalen Systemwechsel.

Er hat als Ingenieur das Sony Center in Berlin gebaut, den Thyssenkrupp Aufzugtestturm in Rottweil, das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart, das WM-Stadion in Sao Paulo, das Nationalmuseum in Katar und Hochhäuser in aller Welt. Werner Sobek arbeitete dabei jeweils mit den namhaftesten Architekten, hat Preise und Ehrendoktortitel gesammelt.

Was bewegt einen der erfolgreichsten Tragwerksplaner, mit Großbüro in Stuttgart und zwölf Standorten von New York bis Dubai, die Arbeit an innovativen Tragwerken, die Erforschung neuer Baumaterialien und smarter Konstruktionsweisen seinen Nachfolgern am Lehrstuhl und im Büro zu überlassen und sich der Forschung zuzuwenden?

Sobek hat festgestellt, dass es Wichtigeres zu tun gibt. Bei der Entwicklung energiesparender Bauweisen und Nullenergiehäuser hat er den Blick stets aufs Ganze gesucht und erkannt, dass umweltbezogene Daten und Fakten, mit denen allgemein gearbeitet und argumentiert wird, häufig falsch sind.

Es fehlt an Verknüpfungen, an Bewertungen, an der konsequenten Interpretation der verfügbaren Daten. Und er hat festgestellt, dass die besorgniserregenden Erkenntnisse der Wissenschaft nur höchst unzureichend in die politische Öffentlichkeit kommuniziert werden.

Seine Thesen legt Sobek jetzt in einem Buch dar

In einem unlängst ersten Band einer geplanten Trilogie – „non nobis – über das Bauen in der Zukunft“ (avedition, 292 Seiten, 49 Euro) – legt Sobek jetzt seine Forschungsergebnisse vor, in leicht lesbarer Form und in zeitgemäß plakativem Layout. Werner Sobek wäre nicht lösungsorientierter Ingenieur, würde er nicht pragmatisch, zumindest für den Baubereich, auch Konsequenzen, Handlungsanweisungen, Rezepte anbieten, die dann in zwei weiteren Bänden folgen sollen.

Ein Hochhaus, dessen Fassade und weitere Bauteile aus Holz bestehen. Foto: imago images/Wolfgang Simlinger Vergrößern
In der Wiener "Seestadt Aspern" entstand unlängst das höchste hölzerne Gebäude Österreichs. © imago images/Wolfgang Simlinger

Wo sich andere passende Zahlen herausgreifen und damit messianisch politisch oder populistisch argumentieren, behält Sobek den kühlen Blick des Wissenschaftlers. Wer zum Beispiel verkündet, mit Holzbau könne man die Treibhausgasemissionen des Bauwesens weitgehend einsparen, macht einen Denkfehler, denn mit Holz kann man weder Fundamente aller Art noch Brückenköpfe, Autobahnbrücken, Schleusen, ICE-Tunnel oder U-Bahnen bauen.

Auch ist Holzanbau, das rechnet Sobek vor, keineswegs der unproblematische Königsweg, sein Effekt an CO2-Einsparung weitaus geringer als von Umweltpolitikern herbeigeredet.

Sobek konzentriert sich auf das Klima und die Treibhausgasemissionen und bezieht alle Umweltfaktoren auf diesen Aspekt. Zwei Jahre lang trug er Daten und Fakten über Weltbevölkerung und Erderwärmung, globale Materialverfügbarkeit, Ressourcenverbrauch, Energieverbrauch regional und weltweit zusammen.

Hinzu kamen Energiebilanzen der einzelnen Baustoffe von Beton bis Bambus, Emissionen beim Bauen von Produktion bis Entsorgung und Transportvorgänge. Sobek versuchte akribisch, sie zu verifizieren, zu korrelieren, zu bewerten und zu interpretieren. Sein Fazit: Die Statistiken sind oft lückenhaft, fehlerhaft oder tendenziös und werden von Politik und Wirtschaft fehlinterpretiert.

Bauwesen trägt nicht zu 40, sondern zu 55 Prozent zum CO2-Ausstoß bei

Ein Beispiel: Die seit zwei Jahrzehnten kolportierte Gewissheit, dass der Betrieb des Gebäudebestands 40 Prozent des Primärenergieverbrauchs verursache. Es sind zwar nur 38 Prozent, doch das Bauwesen ist in signifikant höherem Maß für den CO2-Ausstoß verantwortlich. Denn Herstellung der Baumaterialien, Transport, Bau, Abriss und Recycling sind mitzurechnen, und schon ist man einschließlich Tief- und Verkehrsbau bei 55 Prozent.

In Lagos stehen Menschen Schlange, um in einen Bus einzusteigen. Im Hintergrund sind Sammeltaxis zu sehen. Foto: Reuters Vergrößern
Bus, Sammeltaxi oder eigenes Auto? Niemand kann den Menschen in Schwellenländern die Teilhabe an Fortschritt und Lebensqualität verwehren, argumentiert Sobek. © Reuters

Mit Metastudien, aber auch durch Data-Mining und eigene Evaluierungen verfolgt Sobek das Ziel, Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik harte Daten zur Verfügung zu stellen, die konsequentes Handeln unausweichlich machen. Sobeks Credo: Die Menschheit hat kein Energieproblem, sie hat ein Problem mit den klimaschädlichen Emissionen.

Viele Daten deuten indes darauf hin, dass die Erderwärmung nicht mehr zu verhindern ist. Selbst wenn die Weltbevölkerung und die Verbesserung des Lebensstandards stagnieren würden, wäre der Emissionsanstieg nicht zu bremsen. Sieben Jahre weiter wie bisher, dann ist Schluss, dann ist der Temperaturanstieg unumkehrbar. Einen politischen Ausweg gibt es nicht, denn niemand vermag den Menschen in Schwellenländern die Teilhabe an Fortschritt und Lebensqualität zu verwehren. Das heißt, die Emissionen werden ungebremst steigen.

Erhaltung der Lebensgrundlagen als Ziel - nicht mehr Wohlstand

Von Zuversicht sind Sobeks Ausführungen nicht geprägt. Zu düster und unausweichlich ist das Bild unserer Welt in naher Zukunft. Der erste Band der Trilogie und auch seine Vorträge zum Thema entlassen das Publikum nicht eben in Feierlaune. Der notwendige Paradigmenwechsel laufe auf einen politisch-gesellschaftlichen Umsturz hinaus, folgert Sobek.

Der sei in einem kapitalistischen System nicht machbar. Nicht die Maximierung des Wohlstands des Einzelnen dürfe das Ziel sein, sondern die Erhaltung aller Lebensgrundlagen, der Biosphäre, der Natur.

Sobek folgend, könnten wir wissen, was zu tun ist. Die Industrieländer müssen einen radikalen Systemwechsel in der Art wie wir bauen und wie wir bauliche Infrastruktur nutzen, vornehmen. Man könnte den gesamten Katalog an Energiesparmaßnahmen durch einen Satz ersetzen: Das Emittieren von Treibhausgasen ist bei Herstellung, Betrieb und Abriss der gebauten Umwelt verboten. Unvermeidbare prozessbedingte Emissionen sind durch Kompensationsmaßnahmen auszugleichen. Dem ist nichts hinzuzufügen. Wir müssen uns „nur“ noch auf den Zeitpunkt verständigen.

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