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Fast drei Millionen Menschen studieren mittlerweile an deutschen Hochschulen. Foto: imago/Future Image
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Niveauverfall an Hochschulen? Warum wir Zugangstests an den Universitäten brauchen

Bundesweite Eignungstests könnten dafür sorgen, dass Hochschulbildung gerechter wird. Dabei geht es nicht um neue Zugangshürden, meint unser Kolumnist.

Die Hochschulen haben heute eine Million Studierende mehr als vor 20 Jahren, aber die soziale Schieflage hat der Boom nicht beseitigt. Haben die eigenen Eltern studiert, liegen die Chancen auf ein Studium immer noch fast viermal so hoch, wie wenn man aus einer Nicht-Akademikerfamilie stammt. Es kamen also mehr Arbeiterkinder an die Uni, vor allem aber kamen noch mehr Kinder von Ärzten, Journalisten, Juristen oder Lehrern.

Wenn man von einer Gleichverteilung von Intelligenz und Talenten unabhängig von der Herkunft ausgeht, müssten die Begabungsreserven der Akademikerfamilien allmählich ziemlich erschöpft sein, um es freundlich auszudrücken. 

Man könnte auch sagen: Wer an den Hochschulen einen Niveauverfall beklagt, wer eine Rückbesinnung auf nichtakademische Berufswege fordert, sollte sich zuallererst mal anschauen, wie viele für ein Studium in Wirklichkeit ungeeignete Akademikerkinder mittlerweile auf den Campi unterwegs sein dürften.

Wobei diese, und das ist nun wirklich faszinierend, einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil mitbringen gegenüber jenen Studienanfängern aus den sogenannten „bildungsfernen Elternhäusern“: Oft haben sie von Kind an den Habitus und die Umgangsformen gelernt, um an den Hochschulen nicht aufzufallen. Und wenn ihnen das Studieren noch so schwerfällt, bekommen viele von zu Hause die Unterstützung, die sie brauchen, um irgendwie durchzukommen.

Man muss also schon sehr genau hinschauen. Wie viel einfacher ist es da, über die sehr sichtbare Gruppe offenbar überforderter Erstakademiker in den Hörsälen zu resümieren. So wird gleichzeitig der Mangel an Klempnern, Elektrikern und Co. beklagt – und zwischen beiden Phänomenen ein Zusammenhang hergestellt. Wer fordert schon, dass mehr Akademikerkinder Wasserleitungen legen oder Sicherungskästen einbauen sollten?

Zugangstests böten große Chance für Hochschulforschung

Ein wirklich gerechter Zugang zu den Hochschulen abhängig von Intelligenz und Eignung ließe sich womöglich über die flächendeckende Einführung fachbezogener und standardisierter Eingangsprüfungen an den Hochschulen erreichen. Mit Tests, die nicht Wissen abfragen, nicht Habitus und Paukdisziplin belohnen, sondern die vorhandenen, zur Disziplin passenden Problemlösungskompetenzen erfassen.

Ein Porträtbild von Jan-Martin Wiarda. Foto: Privat Vergrößern
Unser Kolumnist Jan-Martin Wiarda. Auf seinem Blog www.jmwiarda.de kommentiert er aktuelle Ereignisse in Schulen und Hochschulen. © Privat

Es geht nicht darum, neue Zugangshürden aufzubauen. Wo man sich ohne Numerus Clausus einschreiben kann, sollte das auch künftig möglich sein. Allerdings nach der verpflichtenden Teilnahme am Test, dessen Ergebnisse dann wichtiges Feedback und Fingerzeig sein könnten. Dort allerdings, wo es einen NC gibt, sollten die Ergebnisse der Prüfungen neben die Abiturnote als obligatorische Zugangsvoraussetzung treten.

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Nebenher böten die flächendeckenden Eingangsprüfungen eine große Chance für die Hochschulforschung: Es gäbe endlich einen repräsentativen Überblick über die Kompetenzen von Studienanfängern, nach Bildungsbiographien aufgefächert. Und die Hochschulen wüssten besser, wo sie ansetzen müssten, um soziale Hürden zu überwinden.

Manche Fächer setzen bereits auf innovative Auswahltests

Würden bei den Tests nicht genau dieselben Verzerrungen auftreten, weil wiederum die Akademikerkinder sich besser darstellen und mit dem Prüfungsstress leichter umgehen können? Nicht, wenn die Tests wirklich gut gemacht sind. 

Und so illusorisch all das klingen mag, so weitab der Realität ist es nicht: Die Hochschulforschung hat in der Messung von Studienkompetenzen enorme Fortschritte gemacht. International sind fachbezogene, standardisierte Eignungstests weit verbreitet, in Deutschland gibt es seit langem sogenannte Online-Self-Assessments. Und je nach Fach, etwa in der Psychologie, sind bereits ganz neue innovative Auswahltests entwickelt worden.

Sie für jeden Studiengang und obligatorisch zu haben, bleibt sicher eine mittelfristige Vision. Aber warum nicht? Langfristig sind auch die ambitionierten Empfehlungen, die der Wissenschaftsrat jetzt zur Hochschulbildung im 21. Jahrhundert vorgelegt hat. Eine gute Gelegenheit für eine lange überfällige Grundsatzdebatte.

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