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In Krisenzeiten hat Hetze Konjunktur. Das FGZ erforscht den gesellschaftlichen Zusammenhalt - und was ihn in Gefahr bringt. Foto: picture alliance / dpa
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Neues Forschungsinstitut zum gesellschaftlichen Zusammenhalt Die Polarisierung der Gesellschaft verstehen

In Krisenzeiten nehmen Spannungen zu. Das interdisziplinäre "Forschungsinstitut gesellschaftlicher Zusammenhalt" beginnt seine Arbeit zur richtigen Zeit.

Dass Gesellschaften heute an Zusammenhalt verlieren, kann im politischen und sozialwissenschaftlichen Gegenwartsdiskurs als eine ständig wiederholte Binsenweisheit gelten. Die in unruhigen Zeiten stets hochkochende Polarisierung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und Milieus wird aktuell auch in der Corona-Krise sichtbar, in der antisemitische Verschwörungsideologen gegenöffentliche Trutzburgen bilden.

Welche tieferen Ursachen aber hat die gesellschaftliche Desintegration? Und wie lässt sich sozialer Zusammenhalt stärken?

Solchen Großfragen widmet sich das neu gegründete „Forschungsinstitut gesellschaftlicher Zusammenhalt“ (FGZ), das nach anderthalbjähriger Aufbauphase am 1. Juni offiziell seine Arbeit aufnimmt. Das FGZ, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zunächst für vier Jahre lang gefördert werden soll, stellt einen dezentralen und multidisziplinären Wissenschaftsverbund dar, in dem sich elf verschiedene Hochschul- und Forschungseinrichtungen aus west- und ostdeutschen Bundesländern einbringen. Die Unis in Bremen, Leipzig und Frankfurt am Main koordinieren die Forschungsprojekte.

Thematische Bandbreite, regionale Vielfalt

Von den Berliner Universitäten ist mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung die TU vertreten. Sie hat im Rahmen der Grand Challenges Initiative der Berlin University Alliance (BUA) einen multidisziplinären Cluster zum Thema „Social Cohesion“ gegründet – und wurde nun dem FGZ assoziiert.

Nicht nur die thematische und methodische Bandbreite, sondern vor allem auch die regionale Vielfalt solle den Charakter der Einrichtung prägen, erklärte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) am Mittwoch in Berlin. „Das Institut verbindet verschiedene Akteure und Perspektiven, die sonst vielleicht nicht zusammengefunden hätten“.

Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler sind genauso dabei wie Soziologen, Politik- und Geschichtswissenschaftler. Gerade vor dem aktuellen Hintergrund einer Verrohung der gesellschaftlichen Debatte und der starken Konjunktur von Hass, Hetze und Sündenbockdenken in der Corona-Krise sei die Politik auf Erkenntnisse einer vielfältig ausgerichteten Grundlagenforschung angewiesen, sagte Karliczek.  

Eine heikle Vorgeschichte

Dass das bereits seit 2017 geplante „Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ seinerzeit im Verdacht stand, der TU Dresden als rechtskonservativer Thinktank zugeschlagen zu werden, ist nur noch eine Fußnote der Gründungsgeschichte. Der damalige sächsische Generalsekretär der CDU und heutige Ministerpräsident Michael Kretschmer hatte im Nachklapp der Flüchtlingskrise auf die Gründung eines solchen Instituts gedrängt.

Damals stand die Migrationsfrage im Zentrum. Zum Anlass wurde seinerzeit der Umstand erklärt, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen das politische System nicht mehr anerkennen würden. Als Personalie war unter anderen der zuweilen als „Pegida-Versteher“ bezeichnete Politikwissenschaftler und „Werteunionist“ Werner Patzelt im Gespräch.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek stellt das FGZ in Berlin vor. Zugeschaltet waren die Vorstandsmitglieder Nicole Deitelhoff, Olaf Groh-Samberg und Matthias Middell. Foto: obs Vergrößern
Bundesforschungsministerin Anja Karliczek stellt das FGZ in Berlin vor. Zugeschaltet waren die Vorstandsmitglieder Nicole Deitelhoff, Olaf Groh-Samberg und Matthias Middell. © obs

Das jetzige Institut hat mit dem damaligen Projekt nichts mehr gemeinsam. Weder ist das CDU-Mitglied Patzelt an Bord, noch gibt es eine thematische Verengung auf die Felder Migration und Integration.   

Zunächst einmal müsse man unter der Bündelung der Kräfte aller Geistes- und Sozialwissenschaften ergründen, wie der populäre Begriff des „Sozialen Zusammenhalts“ überhaupt wissenschaftlich gefasst werden könne, sagte der Leipziger Historiker und Direktor des Instituts Matthias Middel. Was bedeutet sozialer Zusammenhalt und was ist seine Voraussetzung? Welche Umstände gefährden ihn? Und welche Vorstellungen und Variationen von gesellschaftlichem Zusammenhalt treten in verschiedenen Zeiten auf?

Diskursverrohung ist kein Coronaphänomen

Bislang gebe es 83 Projekte, die sich an den einzelnen Standorten sowie in standortübergreifenden Kooperationen mit diesen Fragen auseinandersetzen, erklärte der Bremer Soziologe Olaf Groh-Samberg. So sei auch bereits ein konkretes Forschungsprojekt zur Corona-Krise im Aufbau: „Hier interessiert uns vor allem, welche langfristigen Auswirkungen die Pandemie auf Globalisierung und internationale Vernetzung haben wird.“ Gleichzeitig müsse man die Corona-bedingte innergesellschaftliche Polarisierung in den Blick nehmen.

Die Frankfurter Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff machte deutlich, dass Polarisierung und Diskursverrohung keine „Corona-Phänomene“ seien, die Pandemie sich aber als Verstärker offenbare. „Krisen sind Phasen extremer Unsicherheit, in der Menschen nach Stabilität und Eindeutigkeit suchen.“

So seien Verschwörungstheorien für viele deshalb attraktiv, weil sie ins Chaos ein System einschrieben, sagte Deitelhoff. Dabei gehe es Verschwörungsideologen nicht um eine kritische Debatte und den Austausch von Argumenten – eine Form gesunden demokratischen Streits –, sondern um feste Identitäten und entlastende Spaltungen in Gutes und Böses. 

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