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Ein Porträtbild von Geraldine Rauch, die im Atrium eines modernen Bürogebäudes steht. Foto: privat
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Neue Präsidentin der TU Berlin "Ich wünsche mir viele Runden für einen offenen Dialog"

Die Mathematikerin Geraldine Rauch wird Präsidentin der Technischen Universität Berlin. Im Interview spricht sie über ihre Pläne, Wertschätzung und Exzellenz.

An der Charité hat Geraldine Rauch noch voll zu tun, aber im Interview wirkt die frisch gewählte künftige Präsidentin der Technischen Universität Berlin zugewandt und konzentriert. Die 39-Jährige ist Mathematikerin und Leiterin des Instituts für Biometrie und Epidemiologie der Charité. Dort ist sie auch Prodekanin für Lehre. Am 1. April 2022 tritt sie als TU-Präsidentin an, durchgesetzt hat sich sich bei einer Gremienwahl am Mittwoch - mit 31 von 61 Stimmen. Amtsinhaber Christian Thomsen unterlag mit 21 Stimmen.

Plötzlich Präsidentin, Frau Rauch: Viele nicht nur an der TU sind überrascht, dass schon der erste Wahlgang am Mittwoch ein klares Ergebnis gebracht hat. Sie auch?
Die Möglichkeit stand im Raum, aber es war auch noch an vielen Stellen unsicher und es hätte anders ausgehen können. Insofern bin ich auch überrascht – freudig überrascht.

Konnten Sie ein bisschen feiern?
Ich habe mit meinem Team und einigen Studierenden angestoßen, coronakonform, mit Abstand und im kleinen Kreis.

Welche Signale erreichen Sie aus der Universität? Hat der amtierende Präsident schon angerufen und seine Unterstützung angeboten?
Ich habe viele Glückwünsche erhalten und viele haben mir Respekt ausgesprochen, dass ich das als externe Bewerberin, als
völlig unbeschriebenes Blatt, geschafft habe. Christian Thomsen hat mir direkt nach der Wahl gratuliert und weitere Gespräche werden wir bis April sicher noch führen.

Erstsemester-Begrüßung zum Semesterstart im Jahr 2020 mit dem Schriftzug TU Berlin als Skulptur und zwei gestikulierenden Moderator:innen. Foto: Felix Noak/TUB Vergrößern
Geraldine Rauchs "erstes Semester" an der TU Berlin beginnt am 1. April 2022. © Felix Noak/TUB

Im April treten Sie an. Was planen Sie als erste Initiative?
Schon vor dem Amtsantritt müssen wir konkrete Pläne machen, was die nächsten und wichtigsten Schritte sind. Dazu gehören sicher die inneren Prozesse und die Verwaltung. Beginnen müssen wir etwa mit den Problemen bei der Personaleinstellung, da ist ja auch schon eine externe Unternehmensberatung dran. Ich werde mich umgehend über den Stand der Dinge informieren und erste Schritte der Umsetzung einleiten. Zentral sind auch die verzögerten Berufungen und Immatrikulationen.

Lesen Sie auch unseren Bericht vom Wahltag an der TU: Mit absoluter Mehrheit im ersten Wahlgang

An der Modernisierung der Verwaltung und der IT wird schon seit Jahren gearbeitet. Was können Sie besser machen, etwa bei der Einführung von SAP als neues Softwaresystem?
Dass die Prozesse nicht gut laufen, liegt nicht nur an den veralteten IT-Systemen. Es gibt multiple Ursachen, teilweise ist auch ausschlaggebend, wie viele Menschen und Entscheidungsträger an einem Prozess beteiligt sind. Nach dem, was ich mir über die SAP-Einführung habe berichten lassen, ist ein großes Problem der Change-Prozess, der auch etwas mit den Mitarbeitenden macht. Sie müssen angehört und geschult werden. Vielleicht wurde da auch einfach zu viel auf einmal versucht.

Sie wollen eine neue Kultur der Wertschätzung einführen. Das wird von Belegschaften oft gefordert und von Chefs eher selten umgesetzt. Wie wollen Sie‘s anpacken?
Ich wünsche mir viele Runden, in denen man in einen offenen Dialog treten kann, zum Beispiel sollten wir mit den Dekaninnen und Dekanen eher gesprächsorientiert als informationsbasiert zusammenarbeiten. Und ich stelle mir vor, dass wir einmal im Jahr einen Jahresretreat machen, wo Vertreter:innen aller Statusgruppen und auch der Studierenden zusammenkommen. Außerdem braucht die TU ein Intranet, in dem man direkt berichten und sich informieren kann.

Fünf Personen an Stehtischen in einem überdachten Atrium eines historischen Gebäudes. Foto: Felix Noak/TU Berlin Vergrößern
Das TU-Triell, in dem sich drei Kandidat:innen Ende November 2021 vorstellten, in der Mitte: Geraldine Rauch, rechts von ihr Christian Thomsen. © Felix Noak/TU Berlin

Das klingt alles nach einer an sich selbstverständlichen Unternehmenskultur, aber die gab es bisher nicht in der Form an der TU?
Wir werden uns gleich zu Beginn anschauen, welche Kommunikationswege es an der TU schon gibt und was fehlt, was wir nutzen oder auch nur umbauen können. Was ich mir dringend wünsche, ist die regelhafte Etablierung von Personalgespräche mit den Mitarbeitenden, auf die diese ein Anrecht haben – ebenso wie auf Weiterbildung und Weiterqualifikation. Dies werden wir in eine neue Führungskultur integrieren. Es geht zum Teil auch darum, zu den Menschen hinzugehen, sich bei ihnen zu bedanken und ihre Nöte anzuhören. Da es an der TU ganz viele Menschen gibt, muss man auch das strategisch planen, damit niemand vergessen wird.

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Eine große Herausforderung, die ebenfalls keinen Aufschub erlaubt, ist die Sprecherrolle der Berlin University Alliance, die Sie als TU-Präsidentin sofort übernehmen müssen. Was muss passieren, damit die BUA mehr Fahrt aufnimmt?
Die BUA braucht vor allem eine Governance-Struktur, die Prozesse vereinfacht. Auch funktionieren in der BUA viele Dinge im Kleinen noch nicht so reibungslos. Wir brauchen klare Zuständigkeiten, damit die alltägliche Arbeit einfacher gelingt. Da die BUA noch nicht so alt ist, ist das einfach der nächste Schritt und keine Kritik.

Wie sieht es mit der Forschung in der BUA aus?
Wir liegen vor einer neuen Exzellenzrunde, und es wird eine neue Grand Challenge definiert, ein übergreifendes Forschungsthema für alle Universitäten. Es ist wichtig, dass wir einige Themen in den Ring werfen, für die die TU steht. Ich habe Ideen, es geht auch darum, große gesellschaftliche Entwicklungen anzugehen, Themen wie Klimawandel, Verkehrswende, Energiewende. Aber das ist natürlich eine gemeinsame Entscheidung der BUA-Partner.

Sie haben gesagt, bei den großen gesellschaftlichen Fragen komme an der TU keiner vorbei. Beanspruchen Sie damit auch eine Führungsrolle für die TU unter den Berliner Unis?
Nein, die Berliner Universitäten stehen auf Augenhöhe und müssen gemeinsam wirken. Da ist nicht eine besser oder im Vordergrund. Mir geht es darum, die Profilbildung der TU voranzubringen, das ist auch für unsere Sichtbarkeit wichtig.

Die gesamte Berliner Hochschulpolitik ist im Umbruch: zwei bis drei neue Uni-Präsident:innen, eine neue Senatorin und eine neue Staatssekretärin. Sehen Sie auch Risiken in diesem kompletten Neuanfang?
Die Wissenschaft Berlins machen nicht nur die Senatorin und die Präsident:innen aus, sondern die Hochschulen in ihrer Gesamtheit. Es wäre vermessen zu sagen, das hängt nur an vier oder fünf Personen. In jedem Neuanfang stecken Chancen. Risiken gibt es immer – egal ob es ein Neuanfang ist oder ob man an dem Bestehenden festhalten will. 

Es gibt politisch auch inhaltlich viele Großbaustellen wie etwa die umstrittene Novelle des Hochschulgesetzes. Was wollen sie landespolitisch als erstes erreichen?
Die Schwierigkeiten des Hochschulgesetzes wurden an vielen Stellen deutlich genannt. Es ist allerdings überfällig, dass wir uns mit dem Thema Kettenverträge im Mittelbau beschäftigen. Das ist unsere zentrale Pflicht, das war mir ein Anliegen, das ich schon vor dem Hochschulgesetz hatte und das auch meine Mitarbeitenden betrifft. Eine gute Lösung wird da nicht einfach. Das wird von Fach zu Fach unterschiedlich sein, weil Fächer auch finanziell unterschiedlich aufgestellt sind. Ich glaube, letztlich wollen alle Akteure das Gleiche: mehr Dauerstellen im Mittelbau. Und dafür werde ich mich auch einsetzen.

Wie stehen Sie zur Verfassungsklage, die die ehemalige HU-Präsidentin eingereicht hat?
Die TU hat sich nicht angeschlossen und ich unterstützte das. So oder so werden wir aber juristische Auslegungen des Gesetzes brauchen – nicht um dagegen vorzugehen, sondern um neue Dauerstellen zu schaffen.

Was werden Sie an der Charité vermissen und worauf freuen Sie sich so richtig an der TU?
In allererster Linie werde ich mein großartiges Institut mit den Kolleg:innen vermissen. Es ist ja aber nicht so weit weg, 20 Minuten mit dem Fahrrad, da komme ich sicher ab und an vorbei. An der TU nehme ich die Menschen als unglaublich kreativ wahr, mit einem großen Willen, etwas zu gestalten. Sie kommen mit Ideen, das ist ein unheimlicher Schatz. Ich freue mich darauf, mit allen an der TU zusammenzuarbeiten.

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