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Drei Schüler machen an einem Tisch ihre Hausaufgaben. Foto: Frank Leonhardt/picture alliance / dpa
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Update Nationaler Bildungsbericht Fehlende Lehrkräfte, wirkungsloser Ganztagsunterricht

Wer soll die vielen Schüler besser unterrichten? Der Bildungsbericht birgt schwere Hausaufgaben. Positiv: Berufsschulen führen Schulabbrecher zum Erfolg.

In den Kitas fehlen bis 2025 rund 72.500 Fachkräfte und an den Schulen 65.600 Erzieher:innen für die Gestaltung des Ganztags bis 2029. Bei den Lehrkräften für die allgemeinbildenden Schulen fehlen 17.300 Köpfe bis 2030, bei den beruflichen Schulen sind es 13.200.

Der Mangel an pädagogischen Fachkräften ist ein zentraler Befund des neunten Nationalen Bildungsberichts, der am Donnerstag in Berlin veröffentlicht wurde.

„Die Frage des Personalbedarfs ist eine der drängendsten“, sagt Kai Maaz, geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation und Sprecher der Autor:innengruppe von „Bildung in Deutschland 2022“. Maaz sieht „Verteilungskämpfe“ um Fachkräfte voraus: „Wenn wir sagen, für den Bildungsbereich brauchen wir in den kommenden Jahren 200.000 zusätzliche Kräfte, sagt die Industrie: Wir brauchen 200.000 Mechatroniker.“

Schwerpunkt des diesjährigen Bildungsberichts, den das Bundesbildungsministerium und die Kultusministerkonferenz bei einem Konsortium von fünf Bildungsforschungsinstituten und bei den Statistischen Ämtern von Bund und Ländern in Auftrag geben, ist eine Analyse zum Bildungspersonal. Andere Bereiche des seit 2006 alle zwei Jahre erscheinenden Berichts sind Trends bei der Bildungsbeteiligung und -abschlüssen, Bildungsungleichheiten und der Stand der Digitalisierung.

Die weiteren zentralen Befunde stehen jeweils in einem Zusammenhang mit dem großen Personalbedarf auf fast allen Bildungsstufen – und mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Länger in der Schule

Ein bitterer Befund des vorhergehenden Bildungsberichts von 2020 lautete: Die Quote derjenigen, die die Schule ohne jeglichen Abschluss verlassen, war leicht gestiegen – auf 6,8 Prozent mit Stand 2019, im Jahr darauf kam sogar noch ein Prozentpunkt dazu. Doch dann knickt die Kurve erfreulich nach unten ab: Im ersten Coronajahr lag der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss bei 5,9 Prozent.

Das könne an „vereinfachten Prüfungsmodalitäten“ in der Pandemie liegen, vermuten die Bildungsforschenden, oder – ebenfalls coronabedingt – am verlängerten Schulbesuch wegen unsicherer Zeiten. Erstmals im Bildungsbericht enthalten ist indes ein Wert, der den noch immer dramatischen Anteil der unter 18-Jährigen ohne Hauptschulabschluss weiter relativiert: Im Alter von 20 Jahren sind nur noch 1,5 Prozent ohne Abschluss.

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Kai Maaz, geschäftsführender Direktor des DIPF und Sprecher der Autor:innengruppe des Nationalen Bildungsberichts. © Promo

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Offenbar sind die beruflichen Schulen hier die Rettung für viele: Wer keinen Ausbildungsplatz findet, geht dort in die „Warteschleife“ und schafft nach frustrierenden Misserfolgen an der Sekundarschule einen Neustart in Richtung Schulabschluss. Doch auch an den Berufsschulen fehlt es massiv an Lehrkräften. Gesucht wird insgesamt nach Strategien, mehr Lehramtsstudierende und Quereinsteiger:innen an die Unis zu bringen, im Studium und später möglichst in Vollzeit im Beruf zu halten.

Ganztag und Bildungsungleichheit

Um längere Schulzeiten geht es auch bei den Ganztagsangeboten, sie sollen dazu beitragen, familiär und sozial bedingte Bildungsungleichheiten durch mehr Unterricht und soziale Aktivitäten am Nachmittag auszugleichen. Doch beim Ausbau hakt es: So besuchen 54 Prozent der Grundschulkinder ganztägige Angebote, der Bedarf der Eltern liegt aber bei 63 Prozent.

Hinzu kommen Bildungsforscher Kai Maaz zufolge Qualitätsprobleme. Zwar sei das Ganztagsangebot insgesamt stark gewachsen. „Aber der Ganztag könnte mehr zur Kompensation von Lerndefiziten beitragen“, so Maaz.

Eine Schülerin arbeitet zu Hause am Esstisch an ihrem Laptop. Foto: imago images/Fotostand Vergrößern
Das Onlinelernen ist dem Nationalen Bildungsbericht zufolge nach dem Ende der Schulschließungen nicht nachhaltig in den Schulen angekommen. © imago images/Fotostand

Das gelte auch für die frühkindliche Bildung, wo seit 2010 zusätzlich 662.000 zusätzliche Kitakräfte eingestellt wurden, ein Plus von 75 Prozent. Die Expansion ging mit der bundesweiten Einführung von Bildungsplänen für die Drei- bis Sechsjährigen einher, doch diese seien in der großen Mehrzahl der Länder nicht verbindlich, beklagt Maaz.

Er vermisst ein Curriculum wie in Großbritannien, wo etwa der Zahlenraum bis 20 schon vor Schulbeginn vermittelt wird. Dafür mangele es hierzulande häufig an der Qualifikation oder Überzeugung der Kitakräfte, hier müssten die Anforderungen vereinheitlicht werden.

Auch die flächendeckenden Bildungsstandards in der Schule blieben „folgenlos“. Wenn ein Fünftel der Kinder in einer 2. Klasse noch Probleme mit bestimmten Lernanteilen habe, werde dennoch mit dem darauf aufbauenden Stoff weitergemacht. „Damit reproduzieren wir Bildungsungleichheit“, kritisiert Maaz.

Inwieweit die pandemiebedingten monatelangen Schulschließungen soziale Ungleichheiten noch verschärft haben – darüber kann der Nationale Bildungsbericht keine gesicherte Auskunft geben. Erste Befunde von Vergleichsarbeiten in den Ländern, nach denen etwa die Lesekompetenzen von Viertklässlern zwischen 2016 und 2021 gesunken sind, ließen sich „nicht allein auf die Pandemie zurückführen“ heißt es.

Vorabergebnisse des bundesweiten IQB-Ländervergleichs zu den Deutsch- und Mathematikleistungen von Viertklässlern werden Anfang Juli dieses Jahres veröffentlicht, kündigte Karin Prien, Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) und Bildungsministerin in Schleswig-Holstein, am Donnerstag bei der Vorstellung des Bildungsberichts an. Dann werde man mehr wissen.

Weniger in dualer Ausbildung, längeres Studium

Eine andere Pandemiefolge liegt auf der Hand: Im Bildungsbericht werden „starke Unsicherheiten an den Übergängen im Bildungssystem“ dafür verantwortlich gemacht, dass zwischen 2019 und 2021 sieben Prozent weniger Jugendliche eine berufliche Ausbildung begonnen haben. Zum einen stellten Betriebe im Gastgewerbe weniger Auszubildende ein, weil sie wegen Corona teilweise geschlossen waren. Zu anderen blieben Jugendliche lieber länger in der Schule, um die Pandemie abzuwarten. Oder sie entschieden sich für ein Studium.

Allerdings schreitet die Akademisierung nicht mehr weiter voran: Lag die Quote einer Alterskohorte, die ein Hochschulstudium aufnehmen, 2005 noch bei 31 Prozent, stieg sie zwischenzeitlich auf knapp über 50 Prozent – und ist zuletzt bei 47 Prozent „zum Stillstand gekommen“. Gleichzeitig sank die Zahl der Hochschulabsolvent:innen von 2019 auf 2020 um sechs Prozent. Den Grund vermuten die Bildungsforschenden in coronabedingt verlängerten Studienzeiten und aufgeschobenen Prüfungen.

Probleme bei der Digitalisierung

Der Digitalisierungsschub durch die Pandemie steht außer Frage, doch der Bildungsbericht stellt interessante Unterschiede fest. So brach der Kontakt zwischen Kitas, Eltern und Kindern oft ab, weil nur ein Drittel der Einrichtungen auf digitale Formate setzte.

In der Erwachsenenbildung hinken die Volkshochschulen hinterher, im ersten Lockdown 2020 wurde nur ein Bruchteil der Kurse digital angeboten. Bei der beruflichen Weiterbildung konnten Stadtbewohner zu 33 Prozent digitale Angebote nutzen, in ländlichen Gebieten waren es nur 22 Prozent.

[Lesen Sie auch einen Bericht über die Probleme der Lehrkräftebildung in Berlin auf Tagesspiegel Plus (€): Ab 2023 soll der Absolventen-Knoten platzen]

An den Schulen vermisst Hauptautor Maaz eine „nachhaltige Digitalisierung“. So gelinge es bis heute kaum, „Lerngruppen mit besonderem Förderbedarf mit individualisierten digitalen Angeboten zu erreichen“. Das sei auch angesichts des Lehrkräftemangels problematisch.

Mehr Lehrkräfte braucht das Land

Zu den Zahlen, die den zusätzlichen Bedarf an Lehrkräften deutlich machen, gehört auch diese: Die Gruppe der unter Sechsjährigen ist gegenüber 2010 um 16 Prozent gewachsen, in den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen sind es sogar 25 Prozent. Und 40 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund.

Doch woher sollen die vielen Lehrerinnen und Lehrer für die Grundschulen kommen, um sie demnächst zu unterrichten, um soziale und Bildungsbenachteiligungen auszugleichen?

Aus Reaktionen von Ländervertretern auf den Bildungsbericht lässt sich eine Vielzahl dringend notwendiger Maßnahmen ableiten: Mehr Studierende müssen für das Grund- und Förderschullehramt, aber auch für die Berufsschulen begeistert und junge Gymnasiallehrkräfte für die Primarstufe qualifiziert werden, der Umstieg von anderen Studienabschlüssen muss erleichtert und an den Unis verankert werden.

Ein großes Problem sind auch Studienabbrüche im Lehramt – oder der Ausstieg während und kurz nach dem Referendariat. Helfen könnten frühere. längere und motivierende Praxisphasen im Studium.

Die Länder haben bereits Programme insbesondere für mehr MINT-Studierende angeschoben. 2023 soll dann zu einer Art Aktionsjahr werden – mit dem „Schwerpunkt Lehrkräftegewinnung“ bei der neuen KMK-Präsidentschaft und bei der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusminister.

Entscheidungen "jenseits der Ideologie" - und ohne Evaluation

KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU) und Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) dankten der Autor:innengruppe des Bundesbildungsberichts für die empirischen Ergebnisse, die den Status quo des Bildungssystems zeigten. Der Bericht helfe der Bildungspolitik, "Entscheidungen jenseits der Ideologie zu treffen", so Prien.

Etwas selbstkritischer klang Stark-Watzinger: "Wir brauchen diese Daten, weil wir wissen müssen, wo wir hingehen - und wie und wo wir das Geld einsetzen, um jungen Menschen Bildungschancen zu geben."

Beide Ministerinnen hoben Programme wie "Schule macht stark" für Schulen in sozialen Brennpunkten hervor, wenn es darum geht, soziale Disparitäten auszugleichen. Im Koalitionsvertrag sind zudem "Chancenbudgets" für solche Schulen vorgesehen und Mittel für mehr Sozialarbeitende, wie Stark-Watzinger hervorhob.

Prien gab aber zu, dass es "noch erheblichen Nachholbedarf" gibt. So sei es auch beim vom Bund mit zwei Milliarden Euro finanzierten "Aufholen nach Corona". Prien sieht Bedarf an zusätzlicher Förderung über dieses Schuljahr hinaus - und damit für mehr Geld vom Bund. Darauf ging Stark-Watzinger bei der Pressekonferenz nicht ein, ließ aber eine leichte Unzufriedenheit mit den Ländern durchblicken: "Im Aufholprogramm ist viel Initiative drin, aber erreicht es seine Ziele?"

Das Programm lief vor einem Jahr an - ohne wissenschaftliche Begleitstudie, um die Effekte bei den Schülern zu messen. Prien bedauerte das und erklärte, schnelle Hilfe in den Schulen sei vorrangig gewesen. "Zukünftig aber müssen wir Evaluationen von vornherein beauftragen."

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