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Vor einem modernen Universitätsgebäude in Holzbauweise stehen blühende Kirschbäume. Foto: FU Berlin
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Exklusiv Nach Machtkampf an der FU Umstrittene Kanzlerin zunächst nicht mehr im Amt

Nach langem Hin und Her steht fest: Andrea Bör, die umstrittene Kanzlerin der Freien Universität, wird ihr Amt in den kommenden drei Monaten nicht wahrnehmen.

Andrea Bör, die umstrittene Kanzlerin der Freien Universität Berlin, wird ihr Amt zunächst nicht mehr wahrnehmen. Diese Nachricht ging am Mittwochnachmittag an alle Mitarbeitenden der FU - in Form einer E-Mail der Universitätsleitung.

"Auf Veranlassung der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung wird Kanzlerin Dr. Andrea Bör ihre Amtsgeschäfte an der Freien Universität Berlin mit sofortiger Wirkung für die kommenden drei Monate nicht wahrnehmen", heißt es in der Mail, die dem Tagesspiegel vorliegt.

Dies habe die Senatsverwaltung der Hochschulleitung am Mittwoch mitgeteilt. Die Unileitung werde die Mitarbeitenden informieren, "sobald sich zur weiteren Tätigkeit der Kanzlerin Frau Dr. Bör an der Freien Universität Berlin ein neuer Sachstand ergibt", heißt es weiter in der Mail.

Die Wissenschaftsverwaltung bestätigte den Vorgang auf Anfrage. „Für diese Entscheidung liegen zwingende dienstliche Gründe vor. Die Funktionsfähigkeit der Freien Universität muss erhalten werden. Da es sich um eine Personaleinzelangelegenheit handelt, bitte ich um Verständnis, dass wir dazu nicht ins Detail gehen können“, erklärte Laura Hofmann, Sprecherin von Wissenschaftssenatorin Ulrike Gote (Grüne).

Damit dürfte - zumindest vorerst - eine Ausnahmesituation in der Universitätsleitung beendet sein, die die FU über Monate erschüttert hat. Öffentlich wurde die Affäre um die FU-Kanzlerin im Oktober 2021 durch Recherchen des Tagesspiegels, nach denen Bör an allen Unigremien vorbei eine Personalagentur damit beauftragt hatte, Bewerber für das Amt des Präsidenten zu finden.

Die Präsidentschaftswahl stand für Februar 2022 an, bekannt war, dass der Amtsinhaber seit 2018, der Mathematiker Günter M. Ziegler, für eine zweite Amtszeit kandidieren wollte. Doch die Kanzlerin befand sich seit Längerem im Dauerclinch mit Ziegler - und machte sich ohne Wissen der dafür zuständigen Stellen auf die Suche nach einem Gegenkandidaten.

Zur Kandidatensuche ermuntert

Dabei hatte sie, wie sich auch durch Diskussionen in öffentlichen Sitzungen des Akademischen Senats der FU herausstellte, zumindest einen Teil der Professorengruppe Zieglers in diesem Gremium hinter sich. Der amtierende Präsident hatte das Vertrauen der Mehrheitsfraktion, der "Vereinten Mitte" verloren. Mitglieder der Gruppe sollen Bör zur Beauftragung der Headhunter zur Kandidatensuche ermuntert haben.

Nachdem die Intrige öffentlich geworden war, wurde der Auftrag an die Agentur zurückgezogen, zuvor soll allerdings bereits ein fünfstelliges Honorar aus dem FU-Haushalt geflossen sein. Das Vorgehen der Kanzlerin führte zu einer "Missbilligung" durch den Akademischen Senat, eine knappe Mehrheit der AS-Mitglieder sprach Bör sogar ihr Misstrauen aus.

[Lesen Sie auch diesen Artikel auf Tagesspiegel Plus zum Thema: Druck auf die Freie Universität wächst]

Vorgeworfen wurde Bör auch, Personalentscheidungen sowie die Digitalisierung der Verwaltung zu blockieren beziehungsweise zu boykottieren. Der Personalrat der FU beklagte ein komplettes Zerwürfnis mit der für Haushalt und Personal zuständigen Kanzlerin.

Disziplinarverfahren und Versuch des Abzugs aus der FU

Die Wissenschaftsverwaltung leitete Ende 2021 ein Disziplinarverfahren gegen Bör ein. Der damalige Wissenschaftssenator (und Regierende Bürgermeister) Michael Müller (SPD) ordnete kurz vor Weihnachten - als eine seiner letzten Amtshandlungen - den Abzug Börs aus der FU an. Geplant war eine Abordnung an die Senatskanzlei Wissenschaft und Forschung. Doch die wurde nach der Neuordnung der Senatsressorts Ende Dezember ausgesetzt.

Zwischenzeitlich hatte Klaus Hofmann-Holland, Erster Vizepräsident der FU und Mitglied der "Vereinten Mitte", persönlich eine interne Gegenkandidatur angemeldet, die er aber nach gut zwei Wochen wieder zurückzog. Zieglers Fraktion setzte nun auf eine externe Kandidatin, Beatrix Busse, Vizepräsidentin der Universität Köln. Bei der Wahl am 16. Februar unterlag sie Ziegler. Der Amtsinhaber wurde mit deutlicher Mehrheit für eine zweite Amtszeit wiedergewählt.

Früh war der Rücktritt der Kanzlerin gefordert worden, an der Universität und von Berliner Wissenschaftspolitikern. Bör selber hatte sich für ihr Vorgehen gegen Ziegler entschuldigt, ebenso wie Professor:innen aus der "Vereinten Mitte". An sich hat Bör die großen Zerwürfnisse in der Universität aber stets bestritten und ebenso, dass ihr Verhältnis zu Präsident Ziegler zerrüttet sei. . Einen Rücktritt hatte sie bis zuletzt abgelehnt, während der Wahl war sie im Urlaub.

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