Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Das Unternehmen Bioscientia, eines der größten Labore in Deutschland, hilft mit Sequenzer-Automaten bei der Suche nach Corona-Mutanten. Foto: Andreas Arnold/dpa
© Andreas Arnold/dpa

Mutation B117 wird gefährlicher Forschungsteam weist verminderte Impfstoffwirkung nach

Die Virusmutante B117 hat eine neue Mutation entwickelt. Antikörper aus dem Blut von Geimpften können diese neuerliche Variante weniger gut neutralisieren.

Die in Großbritannien entdeckte Sars-CoV-2-Variante B117 hat sich offenbar weiterentwickelt. Eine zusätzliche Mutation mindert die Schutzwirkung des Covid-19-Impfstoffs von Biontech ein Stück weit, zeigen erste Experimente britischer Forscher. 

B117 ist inzwischen bekannt als eine Variante des Sars-CoV-2-Virus, die fast zwei Dutzend Mutationen in verschiedenen Genen des Erregers angehäuft hat, allein acht im Bauplan für das S-Protein, dem “Stachel”, mit dem das Virus an menschliche Zellen andockt, um dann das infektiöse Erbgut einzuschleusen.

Einige dieser Mutationen (etwa “N501Y”) tragen offenbar dazu bei, dass das Virus ansteckender ist, etwa 35 bis 50 Prozent, verschiedenen Schätzungen und Berechnungen zufolge. Jedenfalls geht das gehäufte Auftreten von B117 mit starken, exponentiellen Anstiegen von Neuinfektionen in England, Irland und jüngst Portugal einher, wo nur noch rigorose Lockdown-Maßnahmen die Welle stoppen konnten. 

Antikörper versagen teilweise gegen die E484K-Mutation

Mittlerweile haben wir auch eine Ahnung davon, wie häufig B117 in Deutschland ist, zumindest in Köln. Dort wurden die Proben aller positiv Getesteten, 880 in der vergangenen Woche, auf die Varianten hin überprüft: 80 davon, also neun Prozent, waren B117-Viren, 42 (fünf Prozent) entsprachen der “südafrikanischen” Variante B1351.

Diese Anteile auf ganz Deutschland hochzurechnen wäre zum jetzigen Zeitpunkt spekulativ. Doch plausibel sind sie, da in Dänemark, wo viel mehr Viruserbgut sequenziert wird als in Deutschland, bei bereits 20 Prozent der Neuinfizierten B117 entdeckt wird. 

Die erstmals in Südafrika entdeckte Variante B1351 wird vor allem mit Sorge beobachtet, weil sie eine charakteristische Mutation im S-Protein, dem für die Infektion wichtigen “Stachel”, hat: “E484K”. Die Antikörper aus dem Blutserum von Menschen, die mit dem Biontech-Vakzin geimpft wurden, können Viren (oder künstliche Viruskonstrukte) mit dieser E484K-Mutation nicht mehr so gut neutralisieren.

Oder anders gesagt: Man braucht mehr Serum Geimpfter, mehr ihrer Antikörper, um Viren mit dieser Mutation unschädlich machen zu können.

[Mehr zum Thema: Angst vor Corona-Mutanten - was man jetzt über die neuen Virusvarianten wissen muss]

Außerhalb des Labors bedeutet das: Die Impfstoffe schützen zwar immer noch ziemlich sicher vor einer schweren Erkrankung und Tod durch Covid-19, eine Infektion mit Virusvarianten, die diese Mutation tragen, oder leichte Erkrankungen könnten sie aber womöglich nicht immer verhindern. Genaue Untersuchungen dazu stehen aber noch aus. 

Grund zur Sorge ist das durchaus, Grund zur Panik nicht

Die gute Nachricht ist, dass die B1351-Variante aus Südafrika in Deutschland noch nicht sehr verbreitet zu sein scheint. Grund zur Entwarnung ist das aber keineswegs. Denn die genannte “E484K”-Mutation ist längst in Europa.

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In Großbritannien, wo B117 seit mindestens 20. September kursiert, hatte das Virus viel Zeit und bei jeder Neuinfektion Abermillionen von Möglichkeiten, zu mutieren. Und bei einigen B117-Viren passierte zufällig die E484K-Mutation, so wie in Südafrika. Die Mutation selbst ist Zufall, doch dass sie sich sowohl in Südafrika als auch in Großbritannien durchgesetzt hat, ist ein Hinweis darauf, dass sie den Viren offenbar einen Überlebensvorteil verschafft.

Das Stachelprotein kann dadurch wohl noch besser an menschliche Zellen (den wichtigen ACE-2-Rezeptor) andocken (siehe Bild im Tweet). Das bedeutet, in England kursiert nun eine sowohl ansteckendere als auch ein Stück weit gegen den Biontech-Impfstoff resistente Mutante “B117+E484K”.

Das Laborteam von Ravi Gupta von der Universität Cambridge hat bereits im Labor überprüft, ob diese Variante der Variante tatsächlich widerstandsfähiger gegen den Biontech-Impfstoff ist als B117 selbst. Die Forscherinnen und Forscher bauten dafür künstliche Viren (Pseudoviren), die das charakteristische, bereits mit acht Mutationen veränderte Stachelprotein von B117 und zusätzlich die E484K-Mutation trug.

Die Antikörper aus den Seren von 23 Geimpften zeigten einen “substantiellen Verlust an Neutralisierungsaktivität” im Vergleich zu Viren ohne E484K-Mutation, schreiben die Forscher in einer noch nicht begutachteten, vorläufigen Veröffentlichung (hier als PDF).

Grund zur Sorge ist das durchaus, Grund zur Panik nicht. Es war und ist zu erwarten, dass sich die Viren an den Menschen anpassen, also Viren mit solchen Mutationen bessere Chancen zur Vermehrung bekommen, deren Stachelprotein bestmöglich menschliche Zellen infizieren kann.  

Oder solche Mutationen, die es dem Virus erlauben, sich auch in Geimpften oder zuvor Erkrankten zumindest zeitweise zu vermehren und weitergegeben zu werden. Wirklich gefährlich wird es, wenn das Spiel von Mutation und Selektion zu Viren führt, die den Impfschutz komplett unterlaufen können.

Aber wichtig zu wissen ist: Noch schützen alle zugelassenen Impfstoffe mit hoher Wahrscheinlichkeit und sehr wirksam vor einer schweren Corona-Erkrankung oder einem Covid-19-bedingten Tod. Einen Anlass, sich nicht oder irgendwann “später” impfen zu lassen, gibt es auch mit diesen neuen Nachrichten nicht, im Gegenteil: Je früher viele Menschen geimpft sind, umso weniger Viren zirkulieren und umso weniger neue Virusmutanten mit neuen Eigenschaften können entstehen. Deshalb ist die Pandemie auch nicht vorbei, wenn nur Deutschland oder die EU geimpft sind, sondern erst, wenn das Virus weltweit keine Möglichkeit mehr bekommt sich zu vermehren und zu mutieren.

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