Gedämpfte Euphorie. Der Start ins Wunschfach mag noch begeistern. Mit der einsetzenden Alltagsroutine schwindet die Freude jedoch. Es kann anspornen, sich sein Ziel lebhaft vor Augen zu führen, sagt die Psychologin Brigitte Reysen-Kostudis. Foto: imago/Jochen Tack
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Motivation im Studium „Mir fehlt einfach die Selbstdisziplin“

Keine Lust zum Lernen: Tipps zur Selbstmotivation von Brigitte Reysen-Kostudis, psychologische Studienberaterin an der FU Berlin.

Frau Reysen-Kostudis, Sie helfen Studierenden bei der Selbstmotivation. Warum ist der Mensch nicht von selbst zu etwas motiviert, das er sich doch ausgesucht hat – nämlich zu studieren?

Die Entscheidung für ein Studienfach lag oft nicht unbedingt in der Hand der Studierenden. Manchmal hat der Abischnitt einfach nicht für das Wunschfach gereicht. Andere Studierende haben sich falsche Vorstellungen vom Studium gemacht und sind enttäuscht. Wieder andere waren am Anfang voller Begeisterung für ihr Wunschfach, aber dieses Gefühl lässt dann häufig nach – das ist wie in einer Beziehung, wenn nach der ersten Verliebtheit der Alltag einkehrt. Die unausweichliche Routine und manche Anpassungsleistungen bei der Bewältigung von Schwierigkeiten, die Enttäuschungen mit sich bringen, können die Euphorie des Beginns stark dämpfen.
Und dann?

Nur wenn es gelingt, diese Herausforderungen im positiven Sinn zu meistern, und dadurch nicht zuletzt einen Gewinn an Lebensqualität zu erfahren, bleibt die Motivation erhalten. Auftauchende Probleme sind normal, sollten nicht gleich der Grund sein, beispielsweise ein ganzes Studium hinzuwerfen. Stattdessen sollte man sich kontinuierlich fragen: „Was hat geklappt? Was ist gut?“ – aber auch „Was hat nicht gut funktioniert?“ und dann etwaige Fehler korrigieren.

Ist fehlende Motivation mit Bequemlichkeit oder gar Faulheit verwandt?

Nein. Es gibt Menschen, die sich zu ihrer Faulheit bekennen, die sogar einen Lustgewinn in ihrem Nichtstun sehen, sich damit bewusst gegen äußere Ansprüche abgrenzen. Die Studierenden, die zu mir kommen, sagen oft: „Mir fehlt einfach die Selbstdisziplin.“ Sie schämen sich dann ihrer vermeintlichen Faulheit, verzweifeln daran. Das ist dann kein Lustgewinn, sondern eine innere Herabsetzung der eigenen Person. Die Lösung bei solch einer Problematik kann eine Analyse der Mechanismen sein, die zum Verlust des Antriebs geführt haben.

Im Winter ist es dunkel und kalt, wenn der Wecker klingelt. Wie motivieren Sie sich, das Bett trotzdem zu verlassen?

Ich habe eine gute Morgenroutine für mich gefunden. Wenn der Wecker klingelt, stehe ich auf, mache mir eine Tasse Milchkaffee und drehe schon mal die Heizung im Bad auf. Dann setze ich mich nochmal zehn Minuten ins Bett, trinke Kaffee und gucke durch meine Notizen für den Tag. Jeder und jede sollte viele Wege ausprobieren, um die richtige Routine für sich zu finden.

Sie sprechen sogar von der „Kunst der Selbstmotivation“. Es ist also keine triviale Sache?

]Ich spreche von „Kunst“, weil ich damit die kreativen Aspekte meine. Ich schaffe ja etwas und konstruiere mein Leben. Es geht nicht nur darum, einen Plan zu erstellen und sich dann an ihn zu halten. Dagegen werden sich schnell Widerstände entwickeln. Vielmehr muss auch unser Lustzentrum angesprochen werden. Ich muss merken, dass ich besser lebe, wenn ich meinen Plan einhalte und dass ich meinem Ziel näherkomme. Oft fordere ich Studierende auf, sich auszumalen, wo sie in zehn Jahren stehen wollen. Da kommen dann Bilder, die eine enorme Kraft haben: Die Studierenden stellen sich vor, eine Familie zu haben oder einen Job, zu dem sie wirklich gerne gehen. Die Emotionen sind wichtig, um das Ziel zu erreichen.

Eine Prüfung oder eine Hausarbeit kann sich wie ein Gebirge vor einem auftürmen. Die Neigung besteht, andere vermeintlich wichtige Tätigkeiten wie Staubsaugen vorzuziehen. Wie ist das zu vermeiden?

Wer seine Prioritäten analysiert, kommt sich schnell selbst auf die Schliche: Man benutzt das Staubsaugen nur, um nicht lernen zu müssen. Dann hilft es, das Staubsaugen im Tagesplan auf den Nachmittag zu legen, wenn die Konzentration sowieso schon nachlässt. Manche sagen auch, sie putzen die Wohnung, weil sie dabei mehr Erfolgserlebnisse haben als beim Lernen. Dann wäre es wichtig, das Lernen so zu gestalten, dass man am Abend ein Erfolgserlebnis hat: etwa, indem man die Kapitel abhakt, die man gelesen oder wiederholt hat.

Schlechte Noten oder nicht bestandene Prüfungen können dazu führen, dass Studierende sich nun erst recht nicht mehr motivieren können – mit der Folge weiterer schlechter Noten. Wie lässt sich der Teufelskreis durchbrechen?

Schlechte Noten demotivieren erst mal. Aber wenn man nachvollziehen kann, was schiefgelaufen ist, kann man daraus lernen und verkraftet sie. Wenn man aber langfristig Misserfolg hat, sollte man sich fragen, ob man das Richtige studiert.

Manche Menschen sagen über sich, dass sie unter Zeit- und Prüfungsdruck am meisten schaffen. Andere können sich unter Druck vor Angst nicht konzentrieren. Gibt es also je nach Naturell auch unterschiedliche Strategien der Selbstmotivierung?

Wichtig ist, das richtige Maß beim Planen zu finden. Manche kommen zu mir und sagen, sie können mit der Bachelorarbeit erst anfangen, wenn sie angemeldet sind. Das ist aber zu spät. Sie sollten also schon vor der Anmeldung ihre Fragestellung klären und Material sammeln, selbst wenn sie mit dem Schreiben erst nach der Anmeldung anfangen.

Sich selbst motivieren zu können, ist das eine. Aber was können die Lehrkräfte an der Uni dazu beitragen, damit die Studierenden gar nicht erst so unmotiviert sind?

Gerade in den ersten Semestern sollten die Professoren und Dozierenden klar erklären, was sie erwarten und viel Feedback geben. Gerade bei Referaten passiert das zu wenig. Dabei sind Referate wichtig, weil man dabei nicht nur übt, sein Wissen zu präsentieren, sondern auch sich selbst. Das wird im späteren Berufsleben immer wieder verlangt. Doch oft wird an der Uni nicht besprochen, was an dem Referat gut war und was sich verbessern ließe. Es fehlt eine Lernkultur. Es wäre gut, wenn die Seminare statt Frontalunterricht mehr eine Werkstattkultur hätten.

Lässt sich Selbstmotivation im Lauf des Lebens so einüben, dass sie irgendwann kaum noch einer Anstrengung bedarf?

Wenn ich in der Vergangenheit gelernt habe, dass sich die Mühe lohnt, wird es leichter, sich zu motivieren. Auch hilft Lebenserfahrung dabei, den Blick aufs Wesentliche zu richten, Ziele zu hinterfragen und Aufgaben auch mal abzulehnen, wenn sie einem nicht liegen. Man kann nicht in allem gut sein. - Die Fragen stellte Anja Kühne.

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