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Schnitzer. Die Shigir-Stele offenbart Fehler der klassischen Paläanthropologie. Foto: mauritius images / UtCon Collection / Alamy
© mauritius images / UtCon Collection / Alamy

Kunst aus der Kälte Ein Fund im Ural könnte die Menschheitsgeschichte umschreiben

Eine Stele aus einem Torfstich ist älter als vermutet. Der Befund wirft ein neues Licht auf Kunst und Kultur dort, wo man sie bislang nicht erwartete.

Es ist ein Merksatz, den auch Virologen derzeit gern anbringen: Abwesenheit von Evidenz ist nicht Evidenz von Abwesenheit. Etwas einfacher ausgedrückt: Wenn man etwas nicht findet, bedeutet das nicht, dass es nicht existiert. Bei einem Erreger kann das zum Beispiel heißen, dass er, auch wenn es noch keinen Nachweis dafür gibt, längst in problematischer Weise mutiert sein kann.

Unter Forschenden allgemein ist der Satz schlicht eine Warnung, sich stets auch daran zu erinnern, dass man manches, was vielleicht wichtig ist, vielleicht einfach noch nicht weiß.

Sehr frühe Kunst und Kultur

Das gilt vor allem dort, wo es offensichtlich besonders schwer ist, „Evidenz“ zu finden, etwa in der Paläontologie.

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Gegenüber der New York Times sagte nun der Paläoanthropologe João Zilhão von der Universität Barcelona wieder einmal genau diesen Satz. Er sagte ihn, weil es jetzt eben doch jene Evidenz für etwas gibt, was eine seiner Meinung nach sehr einseitige Ur- und Frühgeschichtsforschung lange Zeit für undenkbar hielt: kulturell, künstlerisch, spirituell-religiös hochentwickelte menschliche Gesellschaften bei Jägern und Sammlern vor mehr als 10.000 Jahren. Er sagt, es sei nun sogar an der Zeit, die Ur- und Frühgeschichte umzuschreiben.

Der Kopf des Idols. Foto: T. Terberger Vergrößern
Der Kopf des Idols. © T. Terberger

Grund dafür ist nicht einmal ein neuer Fund, sondern ein ziemlich alter – aber ein neuer Befund dazu. Dieser stammt von einer Forschungsgruppe um den Göttinger Professor für Ur- und Frühgeschichte Thomas Terberger (siehe Interview unten). Er und seine Kolleginnen und Kollegen haben nichts anderes gemacht, als von ein paar Stücken Lärchenholz das Alter mit den besten verfügbaren Methoden zu bestimmen. Ergebnis der Messungen per Beschleunigungs-Massenspektrometrie: 12 100 Jahre.

Aus altem Holz geschnitzt

Aus jenem Holz ist das so genannte Shigir-Idol, das 1890 in einem Torfstich im Ural unweit des russischen Jekaterinburg gefunden wurde. Als Jäger und Sammler es dort benutzten, war es insgesamt möglicherweise mehr als fünf Meter lang, beziehungsweise hoch: eine Stele mit zahlreichen abstrakten Mustern verziert. Sie zeigt zudem acht menschliche Gesichter, eines davon ganz oben, mit geöffnetem Mund und, wie Terberger der „Times“ sagte, recht angsteinflößend dreinblickend.

Derart altes Holz guterhalten zu finden und auch auf Torfstecher vor anderthalb Jahrhunderten zählen zu können, die seine Besonderheit erkennen, ist der sprichwörtliche Lottogewinn mit Superzahl.

Die neue Datierung der Stele, die lange Zeit auf ein Alter von etwa 9500 Jahren beziffert wurde, legt vor allem eines nahe: Um das Ende der letzten Eiszeit herum, ganz ohne Landwirtschaft und Sesshaftwerdung und weitab von den Gegenden, in denen bislang Jahrtausende später erst der Ursprung einer komplexen Kultur für möglich gehalten wurde, hat es genau das gegeben.

Was fehlt, sind genügend Nachweise, weil die Zeugnisse dafür in Gegenden, in denen es viel Holz gab, schlicht meist aus Holz waren und in den allermeisten Fällen längst verrottet sind. Sie sind damit, wie Zilhão sagt, „archäologisch unsichtbar“.

Allzu menschliche Kultur

Ähnliches gilt für Zeugnisse von Kunst und Kultur der Neandertaler. In den letzten Jahren hat es auch hier Funde gegeben, die die alte Sicht des plumpen und dem „modernen“ Menschen schlicht kognitiv unterlegenen Urmenschen-Cousins als nicht mehr haltbar erscheinen lassen.

Die Ur- und Frühgeschichte des oder der Menschen scheint jedenfalls komplexer zu sein, als es in den Büchern steht – und Kultur und Kunst älter und weiterverbreitet als lange angenommen.

Der Abwesenheit von Evidenz versuchen etwa in Russland Paläoanthropologen durch gezielte Suche, unter anderem in ganz ähnlichen Torfstichen zu begegnen. Mikhail Zhilin von der russischen Akademie der Wissenschaften und Co-Autor der neuen Studie, die in „ Quaternary International“ erschienen ist, ist einer von ihnen. Der „New York Times“ sagte er, eine ganz andere Abwesenheit sei für Leute wie ihn das größte Problem: die Abwesenheit ausreichender finanzieller Mittel für Grabungen.

IINTERVIEW MIT THOMAS TERBERGER

Thomas Terberger Foto: privat Vergrößern
Thomas Terberger © privat

Herr Terberger, als wie „sicher“ würden Sie Ihre neue Datierung des Schigir-Holzidols einschätzen, und warum?

Im vorliegenden Fall haben wir einen systematischen Ansatz gewählt: Wir haben das Objekt untersucht und aus den 159 Jahrringen kontrolliert eine Serie von Proben für Radiokarbondatierungen entnommen. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Daten aus dem innersten Bereich der Skulptur offensichtlich nicht von Maßnahmen zur Erhaltung des Objektes nach seiner Auffindung (v.a. mit Wachs) betroffen ist und daher diese Daten die verlässlichsten Ergebnisse liefern mit dem publizierten Alter von  mehr als 12.000 Jahren! Unsere Interpretation wird von den Scientific Community geteilt, zumal die Ergebnisse zu weiteren Argumenten passen.

 

Ist es theoretisch möglich, dass das Holz zwar entsprechend alt ist, aber konserviert war und viel später bearbeitet wurde?

Die Bearbeitung eines Altfundes passt nicht zu den Spuren auf der Oberfläche des Stückes. Das Stück wurde in frischem Zustand bearbeitet, denn bei einem Altfund mit weicher Oberfläche wären die Muster nicht so klar abgesetzt und akkurat ausgeführt.

 

Welche Bedeutung hat der Befund Ihrer Meinung nach hinsichtlich des Narrativs und der Interpretation der Ur- und Frühgeschichte, insgesamt bzgl. des zeitlichen Rahmens, und regional?

Der Fund zeigt, dass unser Bild von der Steinzeit bzw. der Alt- und Mittelsteinzeit sehr stark durch die Erhaltungsbedingungen beeinflusst bzw. eingeschränkt  wird. So wie die Entdeckung  der ältesten Jagdwaffen an der Fundstelle Schöningen in Niedersachsen in den 1990er Jahren unsere Vorstellungen des Menschen vor ca. 300.000 Jahren völlig verändert haben, zeigt die Skulptur aus dem  Shigir Moor eine uns unbekannte, monumentale, Seite der „Kunst“ vor über 12.000 Jahren.

 

Was bedeutet das hinsichtlich unserer Sicht auf diese Zeit und ihre Menschen?

Wir neigen dazu, steinzeitliche Gesellschaften zu unterschätzen und unsere heutigen  „Leistungen“ zu überschätzen. Archäologische Forschung kann der Gesellschaft helfen, sich in dieser Hinsicht zu erden. Und: Neugier sowie Forschung sind wichtig und spannend. Spaß an Wissen und Forschung  sollte man den Kindern schon in der Schule intensiv vermitteln!

 

Wo muss man suchen, um mögliche weitere alte oder sogar ältere Artefakte zu finden, wo gibt es Bedingungen, die entsprechende Konservierung als möglich erscheinen lassen?

Es bedarf eines feuchten Milieus in Mooren oder ähnlichen Ablagerungen, die durch Erosion oder Erdarbeiten aufgeschlossen werden. Nicht ohne Grund wurde im vorliegenden Fall der Fund am Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt, als der Goldabbau im Shigir Moor noch mit der Hand erfolgte. Es bedarf neben außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen eben auch einer Abbauweise von solchen Ablagerungen, die eine Entdeckung erlauben.

 

Könnte man ähnliche Funde auch in Deutschland erwarten?

Insbesondere dort, wo in Niederungen, Mooren und Gewässern Bodeneingriffe erfolgen, sollte immer mit Funden gerechnet werden. Denken Sie etwa auch an die steinzeitlichen Pfahlbauten im Voralpenland oder die außergewöhnlichen Überreste der Bronzezeit aus dem Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern. Solche Fundstellen können immer wieder überraschende Fenster in die Vergangenheit  öffnen.

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