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Klare, offene und transparente Kommunikation ist wichtig, um ohne Panikmache oder Verharmlosung zu informieren. Foto: AFP
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Kommunizieren in der Corona-Krise „Wer Infos zurückhält, weckt Misstrauen“

Im Epidemiefall kann falsche Kommunikation schweren Schaden anrichten. Was jetzt zu sagen ist, erklärt die Public-Health-Expertin Amena Ahmad.

Die Medizinerin Amena Almes Ahmad (48) ist Professorin für Public Health an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Sie erklärt, wie die Corona-Epidemie auch mit guter Krisenkommunikation bekämpft werden kann.

Wie beurteilen Sie die Lage angesichts des sprunghaften Anstiegs der Infektionen in Italien im Hinblick auf notwendige Maßnahmen in Deutschland und andere europäische Länder, Frau Ahmad?
Was die Sache in Italien erschwert, ist, dass man die Infektionskette nicht identifizieren konnte. Daher wurden Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen wie das Abriegeln von Orten, in denen Infektionscluster aufgetreten sind, oder das Schließen von Schulen und Absagen von Großveranstaltungen. Damit soll eine Ausbreitung in andere Regionen und Länder verhindert werden. Ob das erfolgreich ist, muss abgewartet werden.

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Das Risiko für die Bevölkerung anderer europäischer Länder durch Covid-19 wird vom European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) bislang als „niedrig bis moderat“ eingeschätzt, auch wenn es zu Infektionsclustern kommen sollte. Für ältere Personen, die Vorerkrankungen haben, wird das Risiko etwas höher eingeschätzt, sodass diese Personen besonders geschützt werden sollten.


Was passiert, wenn die Eindämmung nicht mehr gelingen sollte?
Dann greift eine Strategie der Abmilderung, die „mitigation strategy“, um die Ausbreitung von Infektionen so weit wie möglich zu verlangsamen. Wenn Sie sich den Verlauf einer Epidemie als Grafik auf einer Zeitachse vorstellen, dann ergibt sich das Bild einer Glocke. Am Anfang sind die Fallzahlen gering, dann schnellt die Zahl ziemlich steil nach oben und am Ende fällt sie wieder ab.

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Wenn man die Ausbreitung von Infektionen durch Eindämmung nicht mehr im Keim ersticken kann, dann versucht man, die Kurve möglichst flach zu halten und in die Breite zu ziehen, also zeitlich zu strecken. Zum einen, um die Kapazitäten des Gesundheitssystems möglichst wenig zu überlasten. Zum anderen auch, um „in den Frühling zu kommen“, weil manche Erreger bei wärmerem Wetter weniger verbreitungsfreudig sind.


Worin besteht die „mitigation strategy“?
Die Bevölkerung wird über vorbeugende Maßnahmen aufgeklärt entsprechend der standardisierten Prozesse der Weltgesundheitsorganisation WHO, der ECDC, des Robert-Koch-Instituts (RKI) und kommunaler Gesundheitsbehörden. Das beinhaltet etwa Telefon-Hotlines für die Bevölkerung wie auch gezielte Informationen an die Medien zur Vorbeugung etwa durch regelmäßiges und gründliches Händewaschen, die Nies-und-Husten-Etikette sowie Abstandhalten von Personen mit Erkältungssymptomen.

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Solche Menschen sollen sich auch nicht beim Hausarzt oder im Krankenhaus ins volle Wartezimmer setzen, sondern dort anrufen. Bei sehr hohem Patientenaufkommen wird in Krankenhäusern „triagiert“. Das heißt, eine Einstufung der Patienten nach Schweregrad wird vorgenommen, um die notwendige medizinische Hilfeleistung zu priorisieren.


Schon vor dem Covid-19-Ausbruch wurde über Kapazitätsgrenzen in Krankenhäusern, Lieferengpässe bei Medikamenten und Mangel an Pflegekräften diskutiert. Ist man vor diesem Hintergrund auf eine Pandemie hinreichend vorbereitet?
Deutschland ist mit seinen Krankenhauskapazitäten relativ gut aufgestellt: Es gibt etwa acht Betten pro tausend Einwohner. Das ist mehr als in anderen europäischen Ländern. Im Notfall muss dann auch schnell Kapazität für die schweren Fälle bereitgestellt werden, also Plätze auf der Intensivstation und Beatmungsgeräte für Patienten mit schwerer Lungenentzündung. Aber nicht jeder Infizierte wird ein schwerer Fall. Das ist eher die Minderheit.


Wie sollte eine bevorstehende Pandemie in der Öffentlichkeit kommuniziert werden, ohne Panikmache und Verharmlosung?
Klare, offene und transparente Kommunikation ist wichtig – auch wenn es hier zu schlimmeren Fällen kommen sollte. Man sollte gesicherte Informationen nicht zurückhalten, das würde nur Misstrauen wecken. Für eine solche Kommunikation brauchen wir Medienexperten, also Leute, die in der Lage sind, die Fachsprache der Wissenschaftler für die Bevölkerung zu übersetzen. Man könnte etwa im Fernsehen vor den Abendnachrichten einen Informationsclip senden, um die wichtigsten Informationen an ein breites Publikum weiterzuleiten.


Wie ist es mit Informationen per Handy?
Im Rahmen unseres europäischen Forschungsprojektes „Effective Communication in outbreak management“ (E-com) haben wir eine App entwickelt, die dem Nutzer anhand seiner GPS-Daten eine Reihe wichtiger Informationen anzeigt. Etwa welche Ärzte und Krankenhäuser es in seiner Nähe gibt, wie die Nummer der zuständigen Telefon-Hotline lautet, wie viele Infizierte es bereits in seiner Umgebung gibt und gegebenenfalls, wo man sich impfen lassen kann. Die offiziellen Daten könnten Institutionen wie das Bundesgesundheitsministerium liefern. Ziel einer solchen App und des ganzen Projekts E-com, das von der Europäischen Union gefördert wird, ist es, die öffentliche Kommunikation im Fall einer Pandemie in Europa zu verbessern.

Die Medizinerin Amena Almes Ahmad (48) ist Professorin für Public Health an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Foto: HAW Vergrößern
Die Medizinerin Amena Almes Ahmad (48) ist Professorin für Public Health an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. © HAW


Warum wird die App noch nicht eingesetzt?
Bisher gab es glücklicherweise kein Ereignis, dass den Einsatz erfordert hätte. Zudem muss die App regelmäßig mit aktuellen Daten versorgt werden, um sie für die Bevölkerung relevant zu machen und die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten. Außerdem existiert eine Vielzahl an unterschiedlichen Apps, sodass es schwer ist, das gezielte Interesse der Bevölkerung auf eine App zu lenken.


Es gibt bereits Apps, die die Bevölkerung vor Katastrophen warnen, etwa „KatWarn“ oder „Nina“, könnte man dort nicht einfach die Informationen zum Coronavirus einspeisen?
Auch die müsste man erst einmal bekannter machen.

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