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Nahaufnahme eines Nashornbullen Foto: AFP PHOTO / Tony KARUMBA
© AFP PHOTO / Tony KARUMBA

Kinderwünsche und Umsiedelungen für Nashörner Alternativen zum Aussterben

Intensive Schutzbemühungen könnten die Nashörner retten. Moderne Bedrohungen erfordern moderne Gegenmaßnahmen.

„Die Nashörner sind plump gebaute, ungeschlachte Dickhäuter von ziemlich bedeutender Größe“, schrieb der Zoologe Alfred Brehm in seinem „Illustrierten Thierleben“ aus den 1860er Jahren. „Jeder einzelne Leibesteil erscheint eigentümlich und absonderlich“. Viele Passagen aus dem Tierlexikon des Zoologen sind überholt, aber die Beschreibung passt auf die fünf noch existenten, urtümlich anmutenden Arten der Nashörner.

Doch die Tiere sind keine Auslaufmodelle der Evolution, sondern bedrohte Arten mit Funktionen in ihren Ökosystemen. Ihre Bestände leiden unter Erscheinungen unserer Zeit: der illegalen Jagd auf das Horn und der Zerstückelung ihrer Lebensräume. Dabei werden ohnehin kleinen Populationen in Splittergruppen mit teilweise so wenigen Individuen geteilt, dass sie den Fortbestand der Art nicht mehr mit Nachwuchs sichern können.

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Nashornschutz geht über das Aufstellen bewaffneter Leibwächtergarden und den Schutz der Lebensräume hinaus. Erhaltungszucht in zoologischen Gärten und auf Wildtierfarmen sichert Bestände in menschlicher Obhut. Für die Erhaltung wilder Nashörner werden Tiere in früheren Lebensräumen angesiedelt oder Tiere aus für sie unsicheren Gebieten umgesiedelt. Und man greift zu den Mitteln modernster Fortpflanzungsmedizin. Alle Maßnahmen sind nötig. Die Frage ist, ob sie ausreichen.

Ein bewaffneter Ranger hält von einem Beobachtungsposten Ausschau. Foto: Patrick Eickemeier Vergrößern
Die Rangerteams im Gebiet der Moru Kopjes in der Serengeti sind gut ausgestattet. © Patrick Eickemeier

Kälberwunsch für das Nördliche Breitmaulnashorn

„Nashörner sind sehr erfolgreiche Säugetiere, aber völlig schutzlos gegen Menschen“, sagt Markus Hofmeyr, Tierarzt und Direktor der Schutzorganisation „Rhino Recovery Fund, Wildlife Conservation Network“. Als ausgewachsene Tiere haben Nashörner keine natürlichen Feinde, aber Kugeln und Schlingen seien sie nicht gewachsen. „In der modernen Welt müssen wir uns darum kümmern, dass sie überleben“, sagt Hofmeyr.

Es gibt Hoffnung, sogar für das Nördliche Breitmaulnashorn. Diese Unterart wurde in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet in Ostafrika durch Wilderei ausgerottet. Es gibt heute nur noch zwei Kühe, Najin und Fatu, in einem Gehege in Kenia. Der letzte Bulle, „Sudan“, ist im Jahr 2018 gestorben. Das Nördliche Breitmaulnashorn kann nur fortbestehen, wenn es gelänge per künstlicher Befruchtung für Nachwuchs zu sorgen. Damit nicht genug. Beide Kühe kommen als Muttertiere selbst nicht in Frage. „Sie sind schon seit Jahren unfruchtbar, keine Chance, dass sie ein Kalb austragen“, sagt Thomas Hildebrandt vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW).

Der Veterinärmediziner ist weltweit anerkannter Experte für Fruchtbarkeitsfragen bei Wildtieren. Die Entnahme von Sperma von wilden Elefantenbullen, bildgebende Verfahren für den Einsatz am Großtier und auch die Eizellentnahme von Nashornkühen: Hildebrandts Team entwickelt Technologien und bringt nötiges Spezialwissen mit, auch für das vom Bundesforschungsministerium geförderte Projekt BioRescue. Die beteiligten Institutionen vermeldeten kürzlich Erfolge, gleich vier: Im März und April wurden per Reagenzglasbefruchtung so viele weitere Embryonen des Nördlichen Breitmaulnashorns erzeugt.

Hildebrandt leitete die Entnahme von Eizellen des jüngeren Weibchens Fatu an. Im Labor wurden diese mit gefrorenem Sperma vom verstorbenen Bullen Suni befruchtet. „Wir haben ungefähr 300 Milliliter eingefrorenes Sperma von vier verschiedenen Bullen“, sagt Hildebrandt – ein Vorrat, der für viele Reagenzglasbefruchtungen ausreicht. Derzeit lagern neun lebensfähige Embryonen des Nördlichen Breitmaulnashorns in flüssigem Stickstoff, teilte das Konsortium mit. Es sollen noch mehr werden.

Geplant ist, die Embryonen Leihmüttern der südlichen Unterart einzusetzen, die dann Nördliche Breitmaulnashörner zur Welt bringen könnten. Der kürzlich minimal invasiv sterilisierte Breitmaulnashorn-Bulle Owuan soll dabei helfen und durch sein Verhalten günstige Momente in den Zyklen der potenziellen Leihmütter anzeigen. Dass er selbst als Erzeuger zum Zuge kommt, musste ausgeschlossen werden. Die Leihmütter sollen die wertvollen Embryonen des Nördlichen Breitmaulnashorns austragen.

Najin und Fatu könnten dann wieder eine weitere wichtige Aufgabe übernehmen. „Sie sollen das soziale Wissen der Nördlichen Breitmaulnashörner an die Kälber weitergeben“, sagt Hildebrandt. Es sei etwa davon auszugehen, dass die nördliche Unterart ihre eigenen Lautäußerungen habe. Auch die gilt es zu erhalten. Die Kälber sollen nach der Säugephase mit den beiden Kühen zu echten Nördlichen Breitmaulnashörnern heranwachsen.

Die Zukunft des Sumatra-Nashorns ist ungewiss

Doch bis zur Geburt der ersten Kälber und dann weiter zum Aufbau einer fruchtbaren Zuchtpopulation ist es ein weiter Weg. Und neben der schwierigen Finanzierung gibt es auch biologische Hindernisse wie mangelnde genetische Vielfalt. Es ist Schulbuchwissen: wenn sich nah verwandte Tiere paaren, können erblich bedingte Gesundheitsprobleme auftreten.

Beim asiatischen Sumatra-Nashorn, der ursprünglichsten aller Nashornarten, wurde dies nachgewiesen. „In den letzten Jahrzehnten wurde ihre Regenwaldlebensräume großflächig in Palmölplantagen umgewandelt“, berichtet Hofmeyr. Außerdem werden sie von Wilderern gejagt. Zwei verbliebene Bestände der Art leben auf den indonesischen Inseln Borneo und Sumatra, insgesamt wahrscheinlich weniger als 50 Tiere, sagt Hildebrandt: „Da sind wir schon nahe an der Katastrophe.“ Eine weitere Population auf der Malaiischen Halbinsel gilt mittlerweile als ausgestorben.

Sumatra-Nashörner sind die ursprünglichste der heute existenten Arten. Foto: Rasmus Gren Havmøller Vergrößern
Sumatra-Nashörner sind die ursprünglichste der heute existenten Arten. © Rasmus Gren Havmøller

Ein Forschungsteam um Johanna von Seth und Nicolas Dussex von der Universität Stockholm hat genetische Proben von 16 Tieren aus allen drei Beständen untersucht. Außerdem analysierten sie historisches Material von fünf weiteren Tieren, um die genetischen Auswirkungen der drastischen Bestandsabnahme im vergangenen Jahrhundert beurteilen zu können. „Zu unserer Überraschung fanden wir relativ wenige Anzeichen von Inzucht und große genetische Vielfalt in den Populationen auf Borneo und Sumatra“, sagt von Seth. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht.

Berichte über den schlechten Gesundheitszustand einiger der Überlebenden und ausbleibende Fortpflanzungserfolge hatten Anlass zur Sorge gegeben. Für die Population der Malaiischen Halbinsel weist die Untersuchung nach, dass Inzucht dort stark zugenommen hatte. Es traten auch genetisch bedingte Gesundheitsprobleme auf, was auch den beiden verbleibenden Populationen nun bevorstehen könnte.

Bislang scheint Inzucht jedoch noch nicht so häufig aufzutreten, wie es die kleine Populationsgröße vermuten lässt. Die Forschenden führen das darauf zurück, dass die Zahl der sich fortpflanzenden Tiere erst seit relativ kurzer Zeit so gering ist. Das sei eine gute Nachricht für das Schutzmanagement der verbleibenden Populationen, aber keine Entwarnung. „Wenn die Populationen nicht größer werden, besteht ein hohes Risiko“, warnt Koautor Dussex. Die Wissenschaftler:innen schlagen vor, den Austausch von Genen zwischen Borneo und Sumatra zu unterstützen, indem Tiere umgesiedelt werden oder auch hier künstliche Befruchtung zum Einsatz kommt: mit den Spermien von Bullen von der einen Insel Nachkommen auf der anderen zu zeugen.

Eizellentnahme bei einer Nashornkuh Foto: Rio The Photographer Vergrößern
Fatu ist das jüngere Weibchen der beiden noch lebenden Nördlichen Breitmaulnashörner. Sie spendete Eizellen für künstliche Befruchtungen. © Rio The Photographer

Doch solche Maßnahmen könnten für viele der Tiere zu spät kommen. Auch der Plan, verbliebene Tiere einzufangen und in Zuchtstationen unterzubringen muss nicht aufgehen. „Die Tiere zusammenzubringen heißt nicht, dass sie sich vermehren“, sagt Hofmeyr.

„Wir gehen davon aus, dass viele der Tiere schon unfruchtbar sind“, erklärt Hildebrandt. Da sie sich so selten fortpflanzen konnten, setze bei den Weibchen hormonbedingt etwas ein, das als asymmetrisches sexuelles Altern bezeichnet wird. Es bilden sich Tumoren und Zysten im Genitaltrakt, sodass sie nicht mehr trächtig werden oder Kälber austragen können. „Wir finden das bei Wildtieren, denen die Partner fehlen“, sagt Hildebrandt. „Das Risiko ist groß, dass die Sumatra-Nashörner in den nächsten Jahren aussterben werden“, sagt Hofmeyr. Die verbliebenen Tiere könnten zu wenige sein, um den Fortbestand der Art zu sichern.

Genetische Vielfalt ist nicht alles

Die eingeschränkte Fortpflanzungsfähigkeit könnte ein größeres Problem sein als der Verlust genetischer Vielfalt. Zum einen können selbst kleine Restbestände genetisch divers sein, wie jetzt beim Sumatra-Nashorn nachgewiesen. Und die Anzahl punktuell unterschiedlicher Erbanlagen ist in den erhaltenen Zellkulturen von zwölf Nördlichen Breitmaulnashörnern größer als in der gesamten Population Südlicher Breitmaulnashörner. Deren heutiger Bestand wird auf bis zu 18.000 Tiere geschätzt. Aber Anfang des 20. Jahrhunderts waren es aufgrund von Bejagung wahrscheinlich nur noch etwa 30 Tiere, von denen alle heute lebenden abstammen.

Doch auch ein schlanker Stamm des Stammbaums muss kein Problem sein. „Es gibt genetische Anlagen, die die Gesundheit des Individuums beeinträchtigen“, erklärt Hidebrandt. Dazu müssten sie aber von Vater und Mutter geerbt werden. Solange eine Version der im Zellkern jeweils doppelt vorliegenden Erbinformation anders ausgeprägt ist, muss keine Beeinträchtigung auftreten. „Erst wenn diese Heterozygotie verloren geht, zwei gleiche Allele eines Gens mit negativen Auswirkungen zusammenkommen, können die frühkindliche Sterblichkeit, Missbildungen und Tumorwachstum zunehmen“, sagt der Veterinärmediziner. Wenn zwei gleiche Allele zusammenkommen, die die Gesundheit nicht beeinträchtigen, fehlen den Nachkommen der Tiere Anpassungsmöglichkeiten an veränderte Bedingungen. „Sie sind aber völlig gesund“, sagte Hildebrandt.

Das Projekt BioRescue will die erhaltene genetische Vielfalt der Breitmaulnashörner so gut ausnutzen wie möglich. Dazu sollen Zellen aus den erhaltenen Kulturen in einen frühen Entwicklungszustand zurückversetzt werden, um sie dann zur Entwicklung zu Keimzellen, Ei- oder Samenzellen, zu bringen. „Daran arbeiten unsere Stammzellexperten in Japan und hier in Berlin mit Hochdruck“, sagt Hildebrandt. Das Verfahren soll wertvolle Zutaten für die Zucht einer anpassungsfähigen Gründerpopulation Nördlicher Breitmaulnashörner liefern. Man brauche Ingenieurswissen und biologisches Verständnis. „Aber der entscheidende Aspekt ist Hochachtung vor dem Tier“, sagt Hildebrandt.

Der Neue aus dem Ngorongoro-Krater

Dass das Comeback vom Rande des Aussterbens gelingen kann zeigt auch die Geschichte der Spitzmaulnashörner des Serengeti-Ökosystems in Tansania. Dort waren Nashörner Anfang der 1990er Jahren bis an die Grenze der Ausrottung gewildert worden. Wahrscheinlich haben nur zwei Weibchen in einem Teil inmitten des Serengeti-Nationalparks überlebt: Moru. Vielleicht, weil sie sich zwischen den Felsformationen dort gut verstecken konnten. Außerdem konnten Tiere am überschaubaren Boden des an die Serengeti angrenzenden Ngorongoro-Kraters beschützt werden.

Dann passierte etwas, dem der heute in der Serengeti lebende Bestand der Tiere seine Existenz verdankt. Ein Bulle, Rajabu genannt, verließ den Krater und machte sich auf den Weg in die Serengeti. Bis zu den Moru Kopjes sind es mehr als 100 Kilometer, die Rajabu in mehreren Tagen wanderte. Irgendwann nahm er Witterung der beiden verbliebenen Weibchen auf. Die Tiere paarten sich und 1995 wurde das erste Kalb seit Jahren gesichtet. Das Muttertier trägt seither den Namen „Mama Serengeti“.

Nashornbulle in der Landschaft der Moru Kopjes in der Serengeti Foto: Patrick Eickemeier Vergrößern
Spitzmaulnashornbulle David ist ein eher umgänglicher Vertreter seiner Art, Menschen sollten jedoch Abstand halten. © Patrick Eickemeier

„In den folgenden Jahren hat Rajabu definitiv mit Töchtern und Enkelinnen Nachwuchs gehabt“, berichtet Lorna Labuschagne, die mit ihrem Mann Rian das Serengeti-Schutzprojekt der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt leitet. Die Labuschagnes sind seit einigen Jahren wieder in der Serengeti tätig und sie waren damals dabei, als Tiere aus anderen Gebieten im Ngorongoro-Krater und nach der Geburt von Mama Serengetis Kalb auch in der Serengeti angesiedelt wurden.

„In Moru hat es also Inzucht gegeben, aber die heute dort lebenden Tiere sind gesund und pflanzen sich fort“, sagt Labuschagne. Neuzugänge aus anderen Populationen, frisches Material für den Genpool, hat die positive Entwicklung sicher unterstützt, auch wenn es über die Jahre nur wenige Tiere waren. Zahlenabgaben vermeiden die Naturschützer, um nicht die Aufmerksamkeit organisierter Wildererbanden auf sich zu ziehen.

Die Wilderei ist weiterhin die größte unmittelbare Bedrohung für die asiatischen und die afrikanischen Nashörner. Die Tiere werden wegen ihrer Hörner erlegt. Sie gelten zu Pulver gemahlen in der traditionellen asiatischen Medizin als so etwas wie ein Allheilmittel, ohne dass die Wirksamkeit erwiesen wäre. Für ein Kilogramm werden im illegalen Handel vor allem über Vietnam Preise um 50.000 Euro erzielt. Die Substanz ist daher auch als Statussymbol begehrt, etwa als geraspelte Zugabe zu einem Longdrink.

Die fliegenden Nashörner im südlichen Afrika

Ein Nashorn hängt an einem Hubschrauber. Foto: Markus Hofmeyr Vergrößern
Nashörner zu betäuben und kopfüber auszufliegen hat sich als besonders schonende Transportweise erwiesen. © Markus Hofmeyr

In Namibia, wo etwa ein Drittel des Bestandes der Spitzmaulnashörner lebt, hat sich eine pragmatische Methode etabliert, Tiere in Sicherheit zu bringen. Wo Nashörner nicht gut vor Wilderern geschützt werden können, werden sie ausgeflogen. Nashorntransporte sind mit großem Stress für die Tiere verbunden. „Und sie sind immer ein Risiko für die Tiere“, sagt Labuschagne. Im Serengeti-Ökosystem gibt es keine Zäune zwischen dem Nationalpark und den angrenzenden Schutzgebieten. Die Tiere können sich frei bewegen. „Das ist die bessere Variante“, sagt Labuschagne. Doch sie ist nicht überall möglich.

In Namibia werden gefährdete Nashörner daher betäubt und dann so fixiert, dass sie kopfüber an einen Helikopter gehängt werden können. Das ist kostspielig und Geld für Artenschutz oft knapp. Aber im unwegsamen Gelände sind Transporte in Lastern unmöglich oder zumindest sehr holprig und sehr langsam. Und es zeigt sich, dass die Tiere die Hubschrauberflüge besser überstehen. Die Sauerstoffsättigung ihres Blutes nimmt weniger stark ab und es treten keine beobachtbaren Nachwirkungen auf. „Im südlichen Afrika ist diese Transportweise jetzt üblich“, sagt Hofmeyr. Kopfüber an einem Hubschrauber zu hängen erweist sich als ein Weg in eine sicherere Zukunft der Nashörner.

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