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Kimberlé Crenshaw bei ihrem Auftritt Ende April 2019 in Berlin. Foto: Heinrich-Böll-Stiftung/Mohamed Badarne
© Heinrich-Böll-Stiftung/Mohamed Badarne

Kimberlé Crenshaw Die Erfinderin der Intersektionalität in Berlin

30 Jahre Intersektionalität: Die US-Juristin und feministische Vordenkerin Kimberlé Crenshaw wird in Berlin gefeiert.

Diskriminierung funktioniere wie eine Verkehrskreuzung, schrieb die junge afroamerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw 1989 in einem Artikel für das „Legal Forum“ der University of Chicago. Aus allen vier Richtungen kommt Verkehr. Er kann mal in die eine Richtung fließen, mal in die andere. Geschieht ein Unfall, kann ein Verkehrsteilnehmer dafür verantwortlich sein oder mehrere, die aus verschiedenen Richtungen kamen. Genauso sei es mit der Diskriminierung einer schwarzen Frau. Sie kann sexistisch als Frau diskriminiert werden, rassistisch als Schwarze oder gleichzeitig als Schwarze und als Frau. Mit dieser simplen Analogie war die Intersektionalität geboren, die seither eine der zentralen analytischen Kategorien in der Critical Race Theory und den Gender Studies geworden ist.

30 Jahre später drängen sich hunderte von Menschen im Foyer der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin und stürmen kurz darauf die Treppen hoch. Sie alle wollen einen Platz im Saal ergattern, um Kimberlé Crenshaw sprechen zu hören. Das Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie feierte am Sonntagabend den Geburtstag der Intersektionalität mit einer Gala zu Ehren von Crenshaw. Viele der Berliner Gäste sind selbst von Mehrfachdiskriminierung betroffen. Schwarze Frauen, Frauen mit Behinderung oder trans Personen of Color. Bei dem großen Ansturm ist nicht für alle Platz, das Gunda-Werner-Institut zeigt die Veranstaltung parallel auf drei großen Leinwänden im Livestream.

Shermin Langhoff: Solidarität, kein Mitleid

„Noch vor dreißig Jahren wäre es undenkbar gewesen, eine Gala zu veranstalten, in der wir eine schwarze Frau feiern“, freut sich Emilia Roig vom Center for Intersectional Justice, dem Crenshaw als Präsidentin vorsteht und das die Veranstaltung gemeinsam mit dem Gunda-Werner-Institut organisierte. Dann hält Shermin Langhoff, die Intendantin des Maxim-Gorki- Theaters, eine leidenschaftliche Rede für einen echten Wandel hin zu mehr Gerechtigkeit. Ihre Mutter, die aus der Türkei eingewandert ist und jahrelang in deutschen Fabriken geschuftet und Steuern gezahlt hat, habe in Deutschland nicht einmal das kommunale Wahlrecht bekommen, erzählt sie.

Bei Intersektionalität gehe es um die Verteilung von Ressourcen, um Zugänge und Rechte. „Wir brauchen kein Mitleid, wir brauchen Solidarität“, sagt Langhoff unter Applaus und Zurufen. Dabei gelte es auch, sich gegen Angriffe von rechts und aus der Mitte der Gesellschaft zu wehren, die sich von „hyper-sensiblen Minderheiten“ in ihrer Sprachfreiheit bedroht fühlen.

Nach den Vorreden ist es Zeit für den Star des Abends. Kimberlé Crenshaw ist extra aus Los Angeles angereist, wo sie als Professorin lehrt. Crenshaw erinnert sich in ihrer Rede an ein prägendes Erlebnis aus ihrer Zeit als afroamerikanische Jura-Studentin in Harvard. Gemeinsam mit zwei männlichen, ebenfalls schwarzen Kommilitonen ging sie eines Abends auf eine Party einer alteingesessenen Vereinigung von Harvard, bei der traditionellerweise nur weiße Männer Mitglied waren.

Sie ging durch die Hintertür - und lernte eine Lektion

Mit ihren Kommilitonen hatte sie sich vorher abgesprochen, auf keinen Fall rassistische Diskriminierung hinzunehmen. Als sie dort ankamen, erfuhr Crenshaw, dass sie zur Hintertür hineingehen sollte, da nur Männer durch die Vordertür das Haus betreten dürften. Crenshaw erwartete den Protest ihrer Freunde angesichts dieser Ungerechtigkeit. Doch sie waren als Männer von dieser Diskriminierung nicht betroffen und hielten es nicht für nötig, ihre Kommilitonin zu verteidigen. „Ich wünschte ich wäre weggerannt“, sagt Crenshaw ihrem Berliner Publikum. Doch damals ging sie zur Hintertür hinein – und lernte eine wichtige Lektion.

Es gebe keine selbstverständliche Solidarität unter schwarzen Menschen, genau so wenig, wie weiße Feministinnen sich selbstverständlich auch für Frauen of Color einsetzen, sagt Crenshaw. Bestimmte Gruppen, etwa schwarze Männer im Kampf gegen Rassismus oder weiße Frauen im Kampf gegen Sexismus würden uneingeschränkte Solidarität von schwarzen Frauen erwarten, ohne selbst etwas für sie zu tun oder sie überhaupt als diskriminierte Gruppe wahrzunehmen. „Asymmetrische Solidarität“ nennt Crenshaw das.

Eine Ungerechtigkeit, die nicht nur in sozialen Bewegungen, sondern auch in der Rechtsprechung zu beklagen war und ist. Ausgangspunkt für Crenshaws bahnbrechenden Text von 1989 war ihre Frustration über das US-amerikanische Recht, das für schwarze Frauen keinen Platz zu haben schien. Als eines ihrer Fallbeispiele führte sie in ihrem Text den Fall „DeGraffenreid v. General Motors“ von 1976 an. Emma DeGraffenreid verklagte gemeinsam mit anderen schwarzen Frauen General Motors wegen Diskriminierung, da die Autobauer keine schwarzen Frauen einstellten.

Crenshaws Initiative "Say Her Name"

Das Gericht wies die Klage mit der Begründung ab, dass General Motors sowohl weiße Frauen als auch schwarze Männer einstellen würde. Daher liege weder Geschlechterdiskriminierung noch rassistische Diskriminierung vor. Es sei schwarzen Frauen nicht erlaubt, verschiedene Arten der Diskriminierung zu addieren und die neue Kategorie „schwarze Frauen“ zu erschaffen, so das Gericht. Crenshaw fragte sich, wie es zu derartigen Leerstellen kommen konnte.

Mit dem Konzept der Intersektionalität wollte sie zeigen, dass strukturelle Diskriminierung vielschichtig und komplex ist. Ein Beispiel dafür ist auch ihre Initiative „Say Her Name“, die sich mit Polizeigewalt gegen schwarze Frauen in den USA beschäftigt. 60 Prozent der schwarzen Frauen, die von der Polizei getötet wurden, seien dabei unbewaffnet gewesen, führt Crenshaw auf. Doch die weiblichen Opfer von rassistischer Polizeigewalt werden im öffentlichen Diskurs oft unsichtbar gemacht zugunsten der männlichen Opfer. „Wir müssen verschiedene Geschichten erzählen. Unsere Geschichten“, sagt die Juristin.

Mit ihrer Kritik an der eindimensionalen Bekämpfung von Diskriminierung macht sich auch vor einem schwarzen Präsidenten nicht halt. So kritisierte sie 2014 Barack Obamas Programm „My Brother’s Keeper“, das jungen Männern of Color zu mehr Aufstiegschancen verhelfen sollte, Frauen und Mädchen of Color dabei aber ignorierte.

Warnung vor einem oberflächlichen Verständnis von Diversity

Die neue Popularität von Intersektionalität, die sich auch bei der Berliner Veranstaltung bemerkbar machte, betrachtet Crenshaw durchaus kritisch. „Wenn ein Konzept populär wird, wird es oft gentrifiziert“, erklärt Crenshaw. „Menschen werden ausgeschlossen.“ So sei Intersektionalität keineswegs mit einem oberflächlichen Verständnis von Diversity gleichzusetzen. Es gehe vielmehr darum, analytisch über Identität und ihr Verhältnis zu Macht nachzudenken. Intersektionalität sei „eine Art, zu sehen, zu denken und zu handeln“, sagt Crenshaw in Berlin. Soziale Kategorien wie Gender, Race, Klasse oder sexuelle Orientierung müssten nicht isoliert voneinander, sondern stets in ihren Wechselwirkungen analysiert werden. Dabei müsse weitergekämpft werden, bis Feminismus nicht nur weiße Frauen und antirassistische Kämpfe nicht nur schwarze Männer anspreche.

Politische Widerrede zu leisten und sich gegen die Mächtigen aufzulehnen sei angesichts der Vorkommnisse in Sri Lanka, Neuseeland oder Charleston so wichtig wie nie zuvor, sagt Kimberlé Crenshaw. „Widersetzt euch dem Druck, mit allen klarkommen zu müssen“, fordert sie ihr Publikum auf. Das sei nicht immer einfach, gibt die Professorin zu. Doch nach ihrem Erlebnis auf der Party in Harvard hatte sie sich eine Sache versprochen: Nie wieder würde sie klein beigeben und eine Hintertür benutzen.

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