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Knie-Operationen, wie hier in einer Münchener Klinik, werden Corona-bedingt derzeit verschoben, die Patienten können die Wartezeit jedoch sinnvoll nutzen, sagen Ärzte. Foto: Sven Hoppe/dpa/picture-alliance
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Kein Handlungsdruck, wenn die Schmerzen beherrschbar sind Wie man aktiv auf die verschobene Hüft-OP wartet

Operationen zum Einsatz künstlicher Knie- und Hüft-Gelenke werden in der Corona-Pandemie oft aufgeschoben. Ärzte raten, was in der Zwischenzeit zu tun ist.

Herr M. hatte Glück: Das neue Jahr begann für ihn mit einer Operation, bei der dem 75-Jährigen ein neues Hüftgelenk eingesetzt wurde. Gleich im Anschluss kam er in eine Reha-Klinik. Weniger zur „Erholung“, sondern vor allem zum Training, bei dem er sich auch Bewegungsabläufe abgewöhnte, die sich durch die schmerzhafte Arthrose eingeschliffen hatten. Schon im Sommer konnte er wieder an einer mehrtägigen Wanderung mit Freunden teilnehmen.

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Keine Selbstverständlichkeit in diesem durch die Corona-Pandemie bestimmten Jahr: Vor allem Patienten, deren Gelenkersatz-Operation für das Frühjahr geplant war, mussten damit vielfach länger als geplant warten, weil in den Krankenhäusern Kapazitäten für Patienten mit einer Covid-19-Infektion frei gehalten wurden.

Selbstverständlich seien auch in dieser Zeit Menschen operiert worden, die sich nach einem Sturz den Schenkelhals gebrochen hatten, oder solche, bei denen eine Nekrose des Hüftkopfs diagnostiziert wurde, berichtet der Braunschweiger Orthopädie-Chefarzt Karl-Dieter Heller, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik anlässlich des bevorstehenden (Online-)Kongresses seiner Fachgesellschaft.

Insgesamt sei aber die Anzahl der Eingriffe im Frühjahr und Frühsommer auf 20 Prozent des Üblichen reduziert gewesen. Im Herbst sei dann tatsächlich viel aufgeholt worden, versichert Heller.

„Wenn die Schmerzen beherrschbar sind, kann man zuwarten“

Trotz umfänglicher Test-Aktivitäten und massiver Hygienevorkehrungen in den Kliniken fragen sich jedoch inzwischen erneut viele Menschen mit einer Arthrose im Hüft- oder Kniegelenk, ob sie mit einem solchen Eingriff nicht lieber warten sollten – etwa, bis es eine Impfung gibt. Einige Krankenhäuser haben Pandemie-bedingt zudem erneut weniger Kapazitäten für Operationen.

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Was kann man tun, um die Zeit zu überbrücken, wenn man mit einer solchen Operation warten will oder muss? Weil eine Arthrose in einem Hüft- oder Kniegelenk sich meist allmählich entwickelt, gibt es üblicherweise keinen akuten Handlungsdruck. „Prinzipiell kann man sagen: Wenn die Schmerzen beherrschbar sind, kann man zuwarten“, erläutert Heller.

Eine "Oxford-Schlittenprothese" ersetzt hier das Kniegelenk. Solche Operationen werden derzeit oft aufgeschoben, um die Kliniken zu entlasten aber auch um die Patienten nicht unnötig dem Risiko einer Coronainfektion auszusetzen. Foto: imago/Michael Weber Vergrößern
Eine "Oxford-Schlittenprothese" ersetzt hier das Kniegelenk. Solche Operationen werden derzeit oft aufgeschoben, um die Kliniken zu entlasten aber auch um die Patienten nicht unnötig dem Risiko einer Coronainfektion auszusetzen. © imago/Michael Weber

Die Entscheidung zum Eingriff wird immer individuell und gemeinsam mit dem Patienten getroffen. In einer Leitlinie hat die Fachgesellschaft schon im Jahr 2018 zusammengetragen, was an wissenschaftlicher Evidenz und fachlichem Konsens zur Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für einen Kniegelenks-Ersatz besteht.  Am Montag erscheint die entsprechende Leitlinie zum Einsatz künstlicher Hüftgelenke.

Gelenke mit Gehhilfen entlasten

Dort wird auch aufgeführt, was Betroffene und ihre Ärzte vor einem Eingriff – und in manchen Fällen auch: stattdessen – tun können. So kann man das Gelenk mit Stöcken, Gehstützen oder auch speziell gepufferten Schuhabsätzen entlasten.

Ganz wichtig ist dafür aber auch die eigene Muskulatur. „Die Belastung des Kniegelenks ist um ein Vielfaches erhöht, wenn die Oberschenkelmuskulatur schwach ist“, gibt Stephan Kirschner zu bedenken, Direktor der Klinik für Orthopädie der St. Vincentius-Kliniken in Karlsruhe. Bewegung verbessere zudem die Versorgung des Knorpels mit Nährstoffen, die tägliche Dehnung des Gelenkes verhindere, dass es steif wird.

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Angesichts des Verlusts von Gelenkknorpel, von Entzündungen, Schwellungen und Gelenkergüssen ist das aber leichter gesagt als getan. Um auch nur annähernd so wie vor einer schweren Arthrose körperlich aktiv sein zu können, ist es in vielen Fällen nötig, die Schmerzen mit Medikamenten zu bekämpfen, vor allem mit nicht-steroidalen Entzündungshemmern wie Diclofenac und Ibuprofen. Studien zeigen allerdings, dass nur 60 Prozent der Betroffenen vor dem Eingriff Schmerzmittel und nur  43 Prozent die ebenfalls wichtige Physiotherapie oder Physikalische Anwendungen verordnet bekommen haben.

Was die Injektionen betrifft, die bei einer fortgeschrittenen Arthrose oft eingesetzt werden, so kommt, wie Kirschner erläutert, alles auf den individuellen Fall an. „Arthrose ist ja ein Sammelbegriff.“ Habe ein Patient wenig Einschränkungen bei der Bewegung, aber zum Beispiel einen Gelenkerguss, dann könne Cortison helfen, stehe dagegen die Steifigkeit des Gelenks im Vordergrund, dann seien Hyaluron-Injektionen zu erwägen. Aber auch angereicherte eigene Blutplättchen kommen heute zur Behandlung infrage. „Die Wirksamkeit ist Studien zufolge vergleichbar mit der von Hyaluron, und beides ist kombinierbar.“

Vorbereiten auf die OP: Übergewicht abbauen, das Rauchen einstellen

Eines lohnt sich nach Ansicht der Experten auf jeden Fall, wenn ein Eingriff geplant ist, aber aufgeschoben werden muss: Sich gesundheitlich gut auf die Operation vorzubereiten.

In der neuen Leitlinie zum Einsatz künstlicher Hüftgelenke findet sich dafür eine Checkliste. Als klassische beeinflussbare Risikofaktoren für Komplikationen nach einer Gelenkersatz-OP gelten Übergewicht, Rauchen, schlecht eingestellter Diabetes und chronische Entzündungen, zum Beispiel auch an Zähnen und Zahnfleisch. Übergewicht ist übrigens auch ein Risikofaktor dafür, dass eine Arthrose am Knie entsteht, für die Hüfte lasse sich dieser Zusammenhang allerdings nicht so klar erkennen, berichtet Kirschner.

Und wenn die Operation glücklich überstanden ist? Auch dann gilt heute die klare Aufforderung, körperlich aktiv zu sein, wie Carsten Perka betont, der Ärztliche Direktor des Centrums für Muskuloskeletale Chirurgie an der Charité. Neben Walken, Wandern, Schwimmen, Skilanglauf und Fahrradfahren sei durchaus auch Joggen oder alpines Skilaufen erlaubt – wenn man damit schon Erfahrung hat.

In der Charité habe es in den letzten Jahren keinen einzigen Eingriff gegeben, bei dem ein künstliches Gelenk ausgewechselt werden musste, weil es sich sportbedingt gelockert hätte. Welche Art eines Kunstgelenks gewählt wird, hängt dabei auch von der in Zukunft gewünschten Belastung und Beweglichkeit ab.

Während im Frühjahr zwei Drittel der Patienten, bei denen bereits eine klare Entscheidung zur Operation gefallen sei, von sich aus abgesagt oder den Eingriff schon konkret auf den Herbst  verschoben hätten, tue das derzeit trotz hoher Infektionszahlen nur jeder Zehnte, berichtet Heller. „Die Patienten realisieren, dass die Pandemie noch längere Zeit andauern wird und damit ein Aufschieben bei geringem Risiko keine Option darstellt.“

Herr M., der sie bereits hinter sich hat, hofft derzeit, dass er in diesem Winter wieder in die Berge fahren und auf seine Langlaufskier steigen kann.

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