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Eine Frau in Tel Aviv bekommt eine Impfung. Foto: REUTERS/Ammar Awad
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Israel im Kampf gegen Delta Neue Daten zur Impfstoff-Wirksamkeit – was bedeuten sie?

Israel meldet eine sinkende Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffs gegen die Delta-Variante. Experten warnen vor vorschnellen Schlüssen.

In Israel nimmt die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus wieder zu. Das israelische Gesundheitsministerium verzeichnete am Sonntag 334 Personen, die positiv getestet wurden. Eine so hohe Zahl war in dem Land zuletzt im Frühjahr beobachtet worden, als die Infektionswelle der Wintermonate abklang. Die Impfkampagne in Israel ist weit fortgeschritten. Rund 56 Prozent der Bevölkerung sind vollständig mit dem mRNA- Impfstoff von Biontech und Pfizer geimpft, mehr als 60 Prozent haben zumindest eine Dosis erhalten.

Der größte Teil der Neuinfektionen stehe im Zusammenhang mit der Deltavariante des Coronavirus, teilte das Ministerium am Montagabend mit. Unter den Infizierten sind auch Geimpfte. Das Ministerium korrigierte daher die zuvor angenommenen Werte für die Schutzwirkung des mRNA-Impfstoffs nach unten: Seit dem 6. Juni betragen sie für eine Verhinderung der Ansteckung und für Erkrankungen mit Symptomen jeweils nur noch etwa 64 Prozent.

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Im Februar hatte das Ministerium noch mitgeteilt, der Impfstoff verhindere Corona-Erkrankungen zu 95,8 Prozent und das Auftreten von Symptomen wie Fieber und Atembeschwerden zu 98 Prozent. Krankenhausaufenthalte, schwere Erkrankungen und Todesfälle würden fast vollständig zu rund 99 Prozent verhindert.

In der bislang größten Studie mit rund 1,2 Millionen Teilnehmenden, die zwischen Dezember vergangenen Jahres und Februar 2021 durchgeführt worden war, wurde eine Schutzwirkung von 94 Prozent gegen symptomatische Erkrankungen festgestellt. Das heißt unter den knapp 600.000 geimpften Teilnehmenden wurden 94 Prozent weniger Fälle mit Symptomen festgestellt als unter den knapp 600.000 Ungeimpften.

Jugendliche sollen zügig geimpft werden

„Die Vergleichbarkeit der beiden Gruppen ist immer eine Herausforderung für solche Studien“, kommentierte Marc Lipsitch, von der Harvard School of Public Health die Ergebnisse. Die Herangehensweise der Autoren erlaube jedoch „ein enormes Vertrauen in die Schlussfolgerungen“.

Zahlen von Infektionen wurden in der Studie nicht erhoben, aber es wurde eine Effektivität der vollen Impfung von 92 Prozent ermittelt, mit der schwere Erkrankungen verhindert wurden. Diese Zahl wurde jetzt vom Gesundheitsministerium fast exakt bestätigt: Die Impfung verhindere schwere Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte zu 93 Prozent.

Das ist die gute Nachricht. Nur ein kleiner Teil der neu Erkrankten muss im Krankenhaus behandelt werden und nur wenige sterben an den Folgen der Infektion. Die Zahl der schwer an Covid-19 Erkrankten ist in Israel bislang nur leicht auf 35 angestiegen und der letzte Todesfall im Zusammenhang mit dem Virus wurde vor zwei Wochen registriert.

„Diese Zahlen muss man noch etwas mit Vorsicht betrachten"

Charité-Experte Leif Erik Sander warnt nach diesen neuen Daten vor zu schnellen Schlüssen. „Diese Zahlen muss man noch etwas mit Vorsicht betrachten. Es ist methodisch schwierig in einem solchen Setting wie in Israel mit niedrigen Inzidenzen und lokalen Ausbrüchen die genaue Effektivität der Impfung zu bestimmen“, teilte Leif Erik Sander mit. Daten aus Großbritannien deuteten darauf hin, dass der Impfschutz kurz nach der zweiten Dosis nur geringfügig reduziert sei bei Delta - verglichen mit der bisher vorherrschenden Alpha-Variante.

Dass der Immunschutz mit der Zeit etwas nachlasse, sei allerdings auch denkbar, erklärte Sander. In Israel sei sehr früh geimpft worden. Dass vor allem der Schutz vor einer Weitergabe des Virus mit der Zeit nachlassen könnte, wird schon länger befürchtet - er gilt als weniger langlebig als der Schutz des Geimpften selbst. „Man muss also die Zahlen weiter genau beobachten“, so Sander.

Grundsätzlich sei anzunehmen, dass es durch die Delta-Variante häufiger zu sogenannten Durchbruchinfektionen - also Infektionen bei Geimpften - und auch zur Weitergabe des Virus durch Geimpfte kommen könne, bekräftigte Sander. Er hob jedoch hervor, dass sich sowohl in Israel als auch in Großbritannien zeige, dass die Impfung „sehr gut vor schweren Krankheitsverläufen schützt“.

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Der Virologe Alexander Kekulé sieht die Meldungen über eine geringere Wirksamkeit des Impfstoffs Pfizer/Biontech gegen die Delta-Variante gelassen. „Das ist nichts, weswegen wir jetzt alle in Panik geraten müssen“, sagte er dem Sender MDR Aktuell. Es sei völlig klar, dass die Impfstoffe gegen neue Varianten nicht die gleiche Wirksamkeit erzielten wie gegen Ursprungsvarianten. „Ich bin wirklich der Meinung, wir müssen uns da entspannen und sagen, okay, das sind halt die Impfstoffe, die wir haben. Auch bei einem geringeren Impfschutz ist das Immunsystem in einer besseren Ausgangslage als ohne Impfung.

Kekulé betonte, dass die israelische Wirksamkeitsstudie noch nicht veröffentlicht und die Daten möglicherweise vorläufig seien. Zudem gebe es andere Studien etwa aus England, die eine Wirksamkeit von 88 Prozent gegen die Delta-Variante ergeben hätten.

In Israel stellt man sich nun die Frage nach der weiteren Entwicklung. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung in Israel sind noch gar nicht geimpft. Sie sind nicht vor den potenziell lebensbedrohlichen Folgen der Ansteckung geschützt. Da sich zudem auch Geimpfte anstecken können und man davon ausgehen muss, dass sie das Virus auch weitergeben können, könnte dem Land eine neue Infektionswelle bevorstehen.

In Israel sollen jetzt verstärkt Jugendliche geimpft werden, um der zunehmenden Verbreitung der Deltavariante des Coronavirus zu begegnen. Foto: Jack Guez/AFP Vergrößern
In Israel sollen jetzt verstärkt Jugendliche geimpft werden, um der zunehmenden Verbreitung der Deltavariante des Coronavirus zu begegnen. © Jack Guez/AFP

Aufgrund der lange niedrigen Fallzahlen waren in Israel Infektionsschutzmaßnahmen gerade erst aufgehoben worden. Nun wurden als erste Maßnahmen die Maskenpflicht in Innenräumen wieder eingeführt und es sollen verstärkt Jugendliche geimpft werden. Viele der zuletzt Infizierten sind nach Angaben des Ministeriums jüngere Menschen. Es gilt die Bevölkerungsgruppe besser zu schützen und so weit möglich auch als Überträger der Krankheit auszuschließen.

Long Covid nach leichter Erkrankung

Die zuerst in Indien nachgewiesene Deltavariante B.1.617.2 verdrängt auch in Deutschland andere Varianten des Coronavirus. Sie gilt aufgrund ihrer Mutationen als ansteckender. Dafür sprechen Studien von Übertragungen innerhalb von Haushalten und von Übertragungen durch Infizierte, die noch keine Symptome zeigen.

In Israel und anderen Ländern wie Großbritannien werden auch Geimpfte infiziert und erkranken symptomatisch. Das spricht dafür, dass die Deltavariante den Antikörpern teilweise entkommen kann, die das Immunsystem nach einer Impfung hervorbringt. Es ist zu einem Teil aber auch zu erwarten, da der Impfschutz nicht 100 Prozent beträgt. Eine Schutzwirkung von über 60 Prozent ist positiv zu bewerten: die Mehrheit der Geimpften wird nicht erkranken.

Bei der Mehrheit der Geimpften sind daher auch keine Folgeerscheinungen der Infektion zu erwarten. Lang fortbestehende gesundheitliche Einschränkungen wie Atembeschwerden, Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, Erschöpfung und verminderte Konzentrationsfähigkeit werden als „Long Covid“ bezeichnet.

Das Krankheitsbild kann auch junge Menschen betreffen, die nur mild an Covid-19 erkrankt waren und nicht im Krankenhaus behandelt wurden, berichteten norwegische Forschende im Fachjournal „Nature Medicine“. Bei mehr als der Hälfte der jungen Erwachsenen bestanden Symptome auch noch ein halbes Jahr nach der Infektion fort. Vor allem Erschöpfung hält häufiger lange an als bei anderen Viruserkrankungen, fand das Forschungsteam. Es forderte daher, das Infektionsgeschehen bestmöglich zu kontrollieren und die Bevölkerung durchzuimpfen. (mit dpa)

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