Langsam verschwindet der Krebs

Immuntherapie gegen Krebs Die entfesselte Abwehr

CTLA-4 ist nicht der einzige Kontrollpunkt auf den Killerzellen, der als Bremse wirkt (siehe Grafik). Es gibt viele weitere. Auch PD-1 – kurz für: progammierter Zelltod (programmed death) – unterbindet gewöhnlich ungewollte Immunreaktionen. Tumoren nutzen das, sie legen mit einer Täuschung die T-Zellen kurz vor ihrem Ziel in Ketten. Neue Wirkstoffe blockieren entweder die Kontaktstelle an der T-Zelle (PD-1) oder die am Tumor (PD-L1). So wie die Antikörper, die alle zwei Wochen für eine Stunde ins Blut von Georgios Kessesidis tröpfeln und die Fesseln seiner Killerzellen lösen.

„Zuerst ging das Wasser in der Lunge zurück, ich konnte wieder atmen“, sagt er. Nun verschwindet langsam der Krebs. „Das zeigt, dass das Abwehrsystem den Tumor als Feind erkennt und bekämpft“, erklärt Dirk Jäger, sein Arzt. Kein Fieber, kein Haarausfall, keine Übelkeit plagen den Patienten. Im Vergleich zur Chemotherapie ginge es ihm gut, sagt Kessesidis. Tatsächlich zeigen Studien bisher, dass die PD-1 und PD-L1-Antikörper verträglicher als alle Alternativen sind. Wohl weil sie direkt am Tumor ansetzen, glauben Experten.

Vier von fünf Patienten helfen die neuen Therapien nicht

Bislang wurden drei Checkpoint-Therapien in den USA zugelassen – im Schnellverfahren. Nur sechs Tage statt mehrerer Wochen benötigte die amerikanische Zulassungsbehörde FDA im Juni letzten Jahres, um dem PD-1-Hemmer Nivolumab von BMS das Okay zu geben. Auch die Wirkstoffe von Merck und Roche bekamen „Durchbruch-Zulassungen“. Weil die Wirkung in kurzer Zeit überzeugend war, verzichtete man aus ethischen Gründen auf eine Kontrollgruppe. Eine große Studie der Phase III, die über Jahre das Schicksal von mehr als 100 Teilnehmern dokumentiert, steht noch aus. „Dabei tritt die Frage nach den Langzeitfolgen bei derart tödlichen Krebsarten in den Hintergrund“, sagt Stefan Endres, Leiter der klinischen Pharmakologie an der Universität in München. Das könnte sich ändern, wenn mehr Patienten Immuntherapien bekommen.

Ungeklärt ist auch die Frage, warum sie bei vier von fünf Patienten versagen. Unter Hochdruck suchen Mediziner und Wissenschaftler nach Zeichen, die vorhersagen, ob eine Therapie wirkt. Erste Hinweise finden sie inzwischen bei der Arglist der Tumoren. Schafft es die Geschwulst, T-Zellen erst gar nicht zu sich vordringen zu lassen, läuft die Immuntherapie ins Leere. Das trifft immerhin auf etwa 50 bis 60 Prozent der Tumoren zu. Nun versuchen Ärzte, mit Strahlen- oder Chemotherapie beziehungsweise einer Kombination zweier Immuntherapien den Tumor so zu verwunden, dass er selbst Killerzellen anlockt. „Vielleicht erreichen wir mit solchen Kombinationen, dass die Hälfte oder mehr Patienten über eine lange Zeit auf die Therapie ansprechen“, sagt Hautkrebsspezialist Mohr.

Goldgräberstimmung in der Pharmaindustrie

Eine weitere rätselhafte Beobachtung: Menschen, deren Tumoren sich rasch verändern, profitieren eher von den Immuntherapien. Bisher gehörten bösartige Geschwulste mit großer genetischer Variabilität zu den gefährlichsten Krebsarten, denn sie fanden immer Wege, einer Therapie zu entkommen. Die Industrie ignorierte sie wegen mangelnder Erfolgsaussichten. Nun werden sie interessant. Analysten gehen von einem Markt von bis zu 35 Milliarden US-Dollar aus, zumindest wenn die Mittel nicht „zu gut“ wirken. Sie meinen, in den nächsten zehn Jahren würden 60 Prozent aller Patienten mit fortgeschrittenem Krebs mit den teuren Immuntherapien behandelt. Eine Vision, die die Gesundheitssysteme vor große Probleme stellen würde.

Grafik: Gitta Pieper-Meyer Vergrößern
© Grafik: Gitta Pieper-Meyer

Tatsächlich sei eine Goldgräberstimmung in der Pharmaindustrie ausgebrochen, sagt Ottmar Wiestler, Vorstandsvorsitzender des DKFZ. Pfizer etwa kooperiert mit dem Tübinger Unternehmen immatics. Hans-Georg Rammensee, Immunologe an der Universität Tübingen und Leiter der Firma, gelang das scheinbar Unmögliche: Er entwickelte eine therapeutische Impfung gegen Nierenkrebs, die dem Immunsystem beibringt, den Krebs künftig zu bekämpfen. Das Prinzip ist auf andere Tumorarten übertragbar (siehe Grafik). Der Impfstoff durchläuft derzeit die letzten Zulassungsstudien. Novartis arbeitet hingegen mit der Universität von Pennsylvania zusammen. Dort wurde im Jahr 2012 Medizingeschichte geschrieben. Ihre Helden sind ein Professor namens Carl June und ein neunjähriges Mädchen.

Emily starb fast an den Folgen der Therapie. Doch nun ist sie krebsfrei

Vor zwei Jahren war Emily dem Tod näher als dem Leben. Sie hatte Blutkrebs, eine Akute Lymphoblastische Leukämie. Jede Therapie versagte. Als es keine Hoffnung mehr gab, entschieden sich Emilys Eltern zu einem sehr riskanten Schritt: Sie ließen die Ärzte um Carl June die Abwehrzellen ihrer Tochter gentechnisch manipulieren. Im April 2012 wurden Emily Millionen T-Zellen entnommen. Im Labor schleusten die Forscher neue Gene in deren Erbgut ein. Sie ermöglichten es den Killerzellen, den Krebs zu bekämpfen, da sie nun jene Art weißer Blutkörperchen erkannten, die bei Leukämie entarten. Die so abgerichteten T-Zellen injizierten die Ärzte zurück in Emilys Blutbahn – ähnlich wie bei einigen hundert anderen Patienten. Den meisten hilft die Therapie. Einige gelten als geheilt.

Grafik: Gitta Pieper-Meyer Vergrößern
© Grafik: Gitta Pieper-Meyer

Trotzdem ist es nur ein Anfang. Denn die Nebenwirkungen wären Emily beinahe zum Verhängnis geworden. Die Serienkiller in ihrem Körper waren so aktiv, dass sie eine kaum kontrollierbare Entzündungsreaktion auslösten, einen Zytokinsturm. Neuartige Rheumamittel konnten die Selbstzerstörung gerade noch stoppen. Emily lebt seitdem krebsfrei.

Darf man also von einem Durchbruch sprechen? Für Patienten wie Georgios Kessesidis, Emily und andere mit Haut-, Lungen-, Nieren- und Blasentumoren ist das naheliegend. Die meisten Krebskranken durchleben aber das altbekannte Schema: Operation, Bestrahlung, Chemotherapie. Stefan Frings, Medizinischer Direktor bei Roche Deutschland, glaubt an den einen Erfolg der Immuntherapien. Doch auch er sagt: „Bis wir diese Patienten erreichen, und dafür gibt es keine Garantie, werden nicht zwei, sondern eher zehn Jahre vergehen.“

Zur Startseite