Tedros Adhanom Ghebreyesus bei einer WHO-Pressekonferenz zum Coronavirus. REUTERS/Denis Balibouse
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Im Kampf gegen das Coronavirus WHO-Chef Tedros steht vor der Herausforderung seines Lebens

Das Coronavirus überschattet alles, was Tedros Adhanom Ghebreyesus aufbauen wollte. Um die Epidemie zu stoppen, muss er ans Epizentrum. Doch das liegt in China.

Mitten im schwersten Ebola-Ausbruch, den das Land je erlebt hat, besucht Tedros Adhanom Ghebreyesus am 2. Januar Bunia, eine Stadt im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation hatte Silvester in der Region verbracht, ein Zeichen der Solidarität mit den Gesundheitsarbeitern, die dort bis heute nicht nur ein tödliches Virus bekämpfen, sondern auch immer wieder Opfer von Gewalt werden.

Nun sollte er mit dem Helikopter nach Uganda fliegen, um den Premierminister Ruhakana Rugunda zu treffen. Doch es gab ein Problem.

Am Tag zuvor war eine Gruppe von Impfhelfern angegriffen worden. Ein junger Kongolese aus der Gruppe, Charles Lwanga-Kikwaya, war von einem großen Stein am Kopf getroffen worden. Sein Zustand war schlecht, sagt Jeremy Farrar, der Tedros auf der Reise begleitete.

Farrar leitet den Wellcome Trust, eine der größten Stiftungen der Welt, aber er ist gelernter Neurologe und hatte Lwanga-Kikwaya an dem Morgen untersucht. „Es war klar, dass er sterben würde, wenn wir ihn nicht herausbringen“, sagt er.

Doch der Pilot des Helikopters wollte im Krisengebiet keine Umwege machen. Seine Anweisungen waren klar: Tedros als VIP musste zu seinem Staatsbesuch nach Uganda geflogen werden. Nach einer angespannten Diskussion und zahlreichen Telefonaten gab der Pilot schließlich nach und stimmte zu, Lwanga-Kikwaya und die drei internationalen Besucher in das nächstgelegene Krankenhaus zu fliegen.

„Tedros ist stur. Das braucht man bei einem Anführer“

„Es war interessant, Tedros’ Stil zu beobachten“, sagt Mike Ryan, Leiter des WHO-Programms für gesundheitliche Notfälle, der ebenfalls anwesend war. „Er hat einfach immer wieder ruhig und entschlossen gesagt: ,Nein, wir müssen diesen Mann mitnehmen’. Diese Fähigkeit, hartnäckig, aber respektvoll zu sein“. „Er ist stur“, sagt Farrar. „Das braucht man manchmal bei einem Anführer.“

[In Frankreich gibt es einen ersten Todesfall durch das Coronavirus. Verfolgen Sie die Entwicklungen hier im Newsblog.]

Lwanga-Kikwaya überlebte und kehrte einige Wochen später wieder zur Arbeit zurück. Tedros sagt, er habe die Konfrontation als Test gesehen: „Du kannst dich nicht um das Wohl von Millionen Menschen sorgen, wenn du dich nicht um das Wohl eines Menschen sorgst, der vor deinen Augen stirbt.“

Jetzt steht Tedros vor einer viel größeren Herausforderung: ein tödliches Virus, dass sich von China aus rasant ausbreitet. Am 30. Januar erklärte Tedros den Ausbruch des Coronavirus, inzwischen SARS-CoV-2 getauft, zum internationalen Gesundheitsnotfall. Damals gab es weniger als 8000 bestätigte Fälle, inzwischen sind es mehr als 60.000 in 25 Ländern. Flugverbindungen sind gestrichen worden, Kreuzfahrtschiffe unter Quarantäne gestellt und in großen Teilen Chinas ist der Alltag zum Erliegen gekommen.

Viele Forscher glauben, dass sich das Virus auf der ganzen Welt ausbreiten wird. Es hat das Potenzial, Millionen Menschen zu infizieren – mit Auswirkungen auf Wirtschaft und Politik auf der ganzen Welt.

Inzwischen ist klar: China teilt nicht alle Informationen

Als Tedros sein Amt am 1. Juli 2017 antrat, tat er das mit ehrgeizigen Zielen: Die WHO reformieren, die Rolle der Wissenschaft bei Entscheidungen stärken, die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit hervorheben und einer Milliarde mehr Menschen Zugang zu Gesundheitsversorgung verschaffen. Die Epidemie des neuen Coronavirus wird all diese Prioritäten überschatten, sagt Ashish Jha, Experte für Weltgesundheit an der Universität Harvard.

Wie Tedros die Krise meistert, werde nicht nur darüber entscheiden, wie er selbst bewertet wird, sondern auch die Organisation, die er leitet. „Das hier ist der Augenblick. Wie die Dinge sich in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln, wird einen massiven Einfluss darauf haben, wie die Welt auf die WHO blickt.“

Doch die Krise bringt Tedros auch in eine „fast unmögliche Position“, sagt Lawrence Gostin, der das O’Neill Institute for National and Global Health Law an der Georgetown University in Washington D.C. leitet. Will Tedros, dass China mit der WHO kooperiert, Daten teilt und sich beraten lässt, kann er es sich nicht leisten, die empfindliche chinesische Regierung zu vergrätzen.

Dabei ist inzwischen klar, dass das Land zu Beginn des Ausbruchs nicht alle Informationen geteilt hat – und es möglicherweise immer noch nicht tut. „Die WHO war noch nie mit einer Epidemie konfrontiert, die sich so schnell entwickelt und das in einem Land, das so mächtig und in vielerlei Hinsicht so verschlossen ist“, sagt Gostin.

„Die WHO befindet sich mitten in einem Hurricane“

Und die Epidemie kommt zu einem Zeitpunkt, der für die WHO ohnehin schwierig ist. Das Budget der Organisation hat mit ihren Aufgaben nicht Schritt gehalten, Falschinformationen über Impfstoffe verbreiten sich online in Windeseile, und führende Politiker leugnen noch immer den Klimawandel, der die Weltgesundheit in den kommenden Jahren massiv beeinflussen könnte.

Gleichzeitig stehen multilaterale Organisationen wie die WHO in der Kritik von Nationalisten und Populisten. „All die globalen Trends stehen gegen das, wofür die WHO gegründet wurde“, sagt Gostin. „Die WHO befindet sich mitten in einem Hurricane.“

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Tedros’ erste Erinnerungen an die WHO stammen aus einer hoffnungsvolleren Zeit. Er wuchs in Asmara auf, das damals zu Äthiopien gehörte und heute die Hauptstadt Eritreas ist. In den Straßen sah er Plakate für die WHO-Kampagne zur Ausrottung der Pocken, die 1980 schließlich gelang.

Tedros studierte Biologie, arbeitete im Gesundheitswesen und erhielt schließlich ein Stipendium der WHO, um an der London School of Hygiene and Tropical Medicine zu studieren. Er promovierte zu Malaria, kehrte nach Äthiopien zurück und stieg schnell zum Gesundheitsminister auf.

In seiner Amtszeit von 2005 bis 2012 baute er ein Netzwerk von mehr als 40.000 Gesundheitsarbeiterinnen in ländlichen Gebieten auf, die etwa Malariamittel ausgeben, Kinder impfen oder schwangere Frauen betreuen. Die Todesfälle durch Aids, Malaria und Tuberkulose gingen in dieser Zeit um die Hälfte zurück. Nach vier Jahren als Außenminister Äthiopiens kandidierte Tedros 2017 mit Unterstützung der Afrikanischen Union für das Amt des Generaldirektors der WHO und gewann deutlich.

Tedros ist bereit, Risiken einzugehen

Im Dezember 2019 spricht Tedros in seinem geräumigen Büro im 7. Stock des WHO-Gebäudes in Genf über die erste Hälfte seiner Amtszeit. Das Ebolavirus breitet sich damals wieder aus und Mitarbeiter der WHO werden in der Demokratischen Republik Kongo angegriffen. „Das wichtigste ist jetzt Sicherheit“, sagt Tedros.

Und auch ein anderes Virus beschäftigt ihn. Am Tag zuvor ist die Schätzung der Maserntoten für 2018 erschienen: 144.000 Tote, ein Anstieg von 14 Prozent gegenüber 2017. Und das bei einer Krankheit, für die es einen günstigen, wirksamen Impfstoff gibt. Tedros macht dafür vor allem die Fehlinformationen verantwortlich, die sich in sozialen Netzwerken verbreiten. „Das ist eine Krise und Facebook und Twitter und andere Social-Media-Unternehmen müssen das wirklich verstehen.“

„Du kannst dich nicht um das Wohl von Millionen Menschen sorgen, wenn du dich nicht um das Wohl eines Menschen sorgst“, sagt WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus (2. von rechts), nachdem er einen Mitarbeiter ausfliegen ließ. Foto: Lindsay Mackenzie/WHO Vergrößern
„Du kannst dich nicht um das Wohl von Millionen Menschen sorgen, wenn du dich nicht um das Wohl eines Menschen sorgst“, sagt WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus (2. von rechts), nachdem er einen Mitarbeiter ausfliegen ließ. © Lindsay Mackenzie/WHO

Tedros ist in der ersten Hälfte seiner Amtszeit bereit gewesen, Risiken einzugehen. Und nicht nur bei seinen zwölf Reisen zum Ebola-Ausbruch. Doch das hat ihm nicht nur Erfolge beschert. Kurz nach seinem Amtsantritt verkündete er etwa, dass Robert Mugabe, langjähriger Diktator Zimbabwes, ein Gesundheitsbotschafter für die WHO werden sollte.

Der Vorschlag sei von afrikanischen Staaten gekommen, sagt Tedros. Mugabe, der im September 2019 gestorben ist, wird bis heute von manchen als Freiheitskämpfer verehrt. Es sei lediglich ein Vorschlag gewesen. Doch nach einem internationalen Aufschrei, nahm Tedros den Vorschlag zurück.

„Die Frage ist nicht ob, sondern wann“

Auch seine Reform der Organisation ist intern auf viel Kritik gestoßen. Ein Schritt, der allerdings gelobt wird, ist das Einsetzen einer Chef-Wissenschaftlerin. „Das ist ein wirklich wichtiges Signal“, sagt Ilona Kickbusch, eine globale Gesundheitsexpertin am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf.

„Die Wissenschaft ist das Fundament für alles, was wir hier tun“, sagt Soumya Swaminathan, eine indische Kinderärztin, die diese Rolle übernommen hat. Sie sagt, ihre Abteilung werde sich darauf konzentrieren, Forschungslücken zu identifizieren. Sie hat Ausschüsse eingerichtet, die sich etwa mit der Ethik der neuen Genom-Editierung und der Rolle künstlicher Intelligenz in der Medizin befassen sollen.

In dem Gespräch im Dezember betont Tedros, dass im Hintergrund immer die Gefahr schwebt, dass es zum Ausbruch einer Infektionskrankheit kommt. „Die Frage ist nicht ob, sondern wann“, sagt er. Er kann nicht ahnen, dass sich im Süden Chinas bereits ein Virus vermehrt und von Mensch zu Mensch ausbreitet, das zur größten Herausforderung seiner Amtszeit werden wird.

Zwei Monate später ist die WHO im Krisenmodus. Tedros und seine wichtigsten Berater treffen sich täglich, um die jüngsten Entwicklungen zu diskutieren. Journalisten aus der ganzen Welt wählen sich in die Pressekonferenzen ein, meist mit Tedros selbst hinter dem Mikrofon.

Der Kampf gegen Ebola habe ihn eine klare Strategie gelehrt, sagt er bei einem dieser Briefings: Die Krankheit eindämmen, sie an der Quelle bekämpfen und verhindern, dass sie sich anderswo ausbreitet. „Wir müssen uns auf das Epizentrum konzentrieren“, sagt Tedros.

Er überschüttet Chinas Regierung mit Lob

Doch das Epizentrum liegt in China und das erschwert die Aufgabe der WHO. Tedros hat sich sichtlich bemüht, die chinesische Regierung nicht zu kritisieren. Am 28. Januar flog er nach Peking, um den Präsidenten Xi Jinping zu treffen und überschüttete die Regierung mit Lob für ihre Anstrengungen im Kampf gegen die Krankheit – obwohl sie Wochen gewartet hatte, ehe Behörden die Öffentlichkeit über den Ausbruch informieren durften.

Tedros sagt, sein Besuch in China habe drei wichtige Ergebnisse erzielt: Das Virus an seiner Quelle mit aller Härte zu bekämpfen, Daten zu teilen und eine Expertengruppe der WHO ins Land zu lassen.

Am vergangenen Sonntagabend, nachdem er eine erste Gruppe von drei Experten am Flughafen von Genf verabschiedet hatte, spricht Tedros am Telefon und verteidigt sein Lob Chinas. „Wir sind dankbar für das, was sie machen“, sagt er. „Sie tun das nicht nur für ihr eigenes Land, sondern auch für den Rest der Welt.“

Es werde später Zeit sein, zu untersuchen, ob alles, was die Regierung getan habe, angemessen gewesen sei. „Wir wollen jetzt nicht mit Schuldzuweisungen anfangen. Wir können China nur sagen, dass alle Maßnahmen dem Problem angemessen sein sollten und das haben sie uns zugesichert.“

Nicht alle stimmen damit überein. So hat China zwischenzeitlich ganze Städte abgeriegelt und effektiv Millionen Menschen unter Quarantäne gesetzt – eine Maßnahme, von der viele Experten glauben, dass sie im Kampf gegen das Virus wenig hilft und die Menschenrechte verletzt.

Tedros selbst mahnt zur Geduld

„Ich bin absolut überzeugt davon, dass die Maßnahmen angeprangert werden sollten, sowohl für ihre Menschenrechtsverletzungen wie auch für ihren sehr überschaubaren Nutzen“, sagt Alexandra Phelan, eine Menschenrechtsanwältin am Center for Global Health Science and Security der Georgetown University. Die Kooperation mit China sei so entscheidend, dass sie verstehe, warum Tedros das nicht öffentlich ansprechen wolle. „Aber ich mache mir Sorgen darüber, was das für die Zukunft bedeutet.“

Einige gehen noch weiter. Eine Online-Petition, die Tedros zum Rücktritt auffordert, hat mehr als 300.000 Unterschriften gesammelt. Jha stimmt der Kritik nicht zu. „Ich glaube nicht, dass es hilfreich gewesen wäre, in dieser Sache aggressiv gegen China vorzugehen“, sagt er. „Ich denke, Tedros hat China ziemlich meisterhaft gedrängt und sich mit China auseinandergesetzt.

Farrar sagt, China habe sich in einer schwierigen Situation bisher gut geschlagen, aber das Land sollte schnell mehr epidemiologische Daten und Virussequenzen veröffentlichen. „Für mich sind das die beiden großen Lücken, denn diese beiden ermöglichen es, die Epidemie zu verfolgen“, sagt er.

Tedros selbst mahnt zur Geduld. Die Situation in China habe das Land überwältigt. „Wir bekommen manche Informationen, andere Informationen bekommen wir vielleicht nicht“, sagt er. „Aber wir verstehen das.“

Sein Bruder starb. Er glaubt: an Masern

Im Oktober 2018 wurde Tedros auf der Bühne des Weltgesundheitsgipfels in Berlin zum dritten der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG 3) befragt, die die Vereinten Nationen für 2030 ausgegeben haben: „Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern“. Tedros begann über Hassab al Karim zu sprechen, einen Jungen, den er einige Tage zuvor in einer Klinik in Khartum im Sudan kennengelernt hatte.

Hassab war dort wegen einer rheumatischen Herzerkrankung operiert worden. „Dieser 13-jährige Junge hätte nicht einmal ein paar Jahre überleben können. Aber ich glaube, er ist jetzt hoffnungsvoll, dass er bis ins Erwachsenenalter und darüber hinaus überleben wird“, sagte Tedros. Als er beschrieb, wie Hassab ihn angelächelt habe, schwankte seine Stimme und er hielt einige Momente inne. „Für mich“, sagte er und wischte sich die Tränen weg, „für mich ist Hassab al Karim SDG 3.“

Es war nicht das erste Mal, dass Tedros in der Öffentlichkeit geweint hat, und einige Beobachter verspotten diese Gefühlsausbrüche. Für andere ist genau das seine Stärke: dass er sich selbst als Chef einer internationalen Bürokratie, die Milliarden von Menschenleben berührt, des einzelnen Schicksals bewusst ist. Es fällt ihm ebenso leicht mit Medizinstudenten oder Patienten zu sprechen wie mit Staatschefs. Er erwähnt häufig seinen Bruder, der jung starb. Tedros glaubt: an Masern. Dieser Verlust habe ihn gelehrt, Individuen zu sehen, wenn er eine Todesstatistik liest, sagt er.

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