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Auf einem Laptop ist ein Server für den Unterricht in "Geschichte 8 b" geöffnet, ein Jugendlicher loggt sich ein, zu sehen sind seine Hände. Foto: picture alliance/dpa
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Hürden für den Online-Unterricht Baden-Württembergs Schulcloud in der Sackgasse

Auch im Südwesten läuft es beim Distanzunterricht nicht rund. Moodle fällt vielerorts aus - und gegen die vom Land gewollte US-Alternative gibt es Protest.

Der Streit um die digitale Unterrichtsversorgung in Baden-Württemberg spitzt sich weiter zu. Am Montag fiel die open-source-Lernplattform „Moodle“ an Hunderten Schulen aus. Und am Dienstag nun protestierte die komplette Schulfamilie gegen Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) und die Cloud des US-Giganten Microsoft.

Das Land dürfe sich nicht in die Abhängigkeit einer Cloud begeben, die von einem Unternehmen oder einer fremden Regierung „in der Nutzung eingeschränkt oder gar abgeschaltet werden kann“, heißt es in dem Papier. Die Erklärung unsere-digitale.schule haben der Philologenverband und die GEW ebenso unterzeichnet wie Gymnasial- und Gemeinschaftsschuleltern, Schüler*innen, der Chaos-Computer-Club, der Verbraucherschutz und ein halbes Dutzend weiterer Organisationen.

Das Bundesland hat seit einigen Jahren Moodle als Lernmanagementsystem in Betrieb. Seit Kurzem lässt Eisenmann, die im März zur Ministerpräsidentin gewählt werden will, die Microsoft-Cloud testen. Dabei soll ermittelt werden, welche Daten über das Programm „MS 365“ an Microsoft und in die Vereinigten Staaten ausgeleitet werden.

Testlauf für Microsoft? Bitte nur virtuell

„Wir sind gegen diesen Testbetrieb“, sagte Lennard Indlekofer vom Landesschülerbeirat dem Tagesspiegel, „denn dann wären die Daten der Schüler ja bereits weg.“ Der Probelauf dürfe nur an einer virtuellen Schule mit fiktiven Schülern stattfinden. Microsoft zu nutzen, berge ein unabwägbares Risiko, sagte Indlekofer, der CDU-Mitglied ist.

[Einen Bericht über den Hackerangriff auf die bundesweite Schulcloud des Hasso-Plattner-Instituts lesen Sie hier]

Die Landesregierung habe Moodle sehenden Auges in die Überlastung rutschen lassen, kritisiert der Schülersprecher. „Die Ministerin hat die Sommerferien verschnarcht. Hätte sie sich nicht die ganze Zeit um Microsoft gekümmert, sondern konsequent Moodle weiterentwickelt, dann hätten wir jetzt ein funktionierendes System.“

Mehr Geld und Personal für Moodle gefordert

„In den letzten 40 Wochen haben wir bei Frau Eisenmann nichts an planvollem Vorgehen gesehen“, sagte auch Landeselternsprecher Michael Mittelstädt. Er könne nicht verstehen, dass man die Schulen zum Beginn des digitalen Unterrichts nicht besser vorbereitet habe. Die GEW-Vorsitzende Monika Stein kritisierte, dass der Start des Fernunterrichts nach den Weihnachtsferien von technischen Störungen geprägt war.

„Solange weiterhin rechtliche Bedenken gegen die Einführung von Microsoft 365 bestehen, braucht es dringend mehr finanzielle und personelle Ressourcen für die bereits vorhandenen Systeme wie Moodle.“

Eine Schülerin sitzt an ihrem Schreibtisch und schreibt in ein Schulbuch, vor ihr steht ein Tablet-Computer. Foto: imago images/Fotostand Vergrößern
Lösungsorientiert ist diese Grundschülerin, die mit Tablet und Schulbuch arbeitet. © imago images/Fotostand

Zu Beginn der Woche waren auch in weiteren Bundesländern die Lernmanagementsysteme für viele Schulen nicht erreichbar. Ein Störungsmelder sah den Schwerpunkt der Ausfälle jedoch in Baden-Württemberg. Ministerin Eisenmann widersprach. „Im überwiegenden Teil Baden-Württembergs, in der Größenordnung von 80 Prozent, hat es ohne Funktionsstörungen funktioniert“, sagte die Spitzenkandidatin der CDU.

In der Zwischenzeit wurde bekannt, dass das System Moodle erst am vergangenen Donnerstag neue Server geliefert bekam – nur wenige Tage vor Beginn des Fernlernens. Offenbar ist es den wenigen Technikern dann nicht gelungen, die Leistungsfähigkeit des digitalen Klassenzimmers bis Montag herzustellen.

[Lesen Sie auch unseren Bericht über vier Schulclouds, die sich in Berlin bewährt haben (Tagesspiegel plus): Die digitalen Klassenzimmer]

Zu Irritationen führte in diesem Zusammenhang ein Tweet des für die Clouds zuständigen Spitzenbeamten aus dem Bildungsministerium. Angesichts überlasteter Systeme könnte die Cloud des Hyperscalers Microsoft nun hilfreich sein, schrieb der Leiter des Bereichs Bildungsplattform im Ministerium. Hat das Land die Schwäche Moodles etwa in Kauf genommen, um Argumente für Microsoft zu gewinnen?

Alternativen stehen im eigenen Land bereit

Die Verengung auf die Alternative „funktionierendes, aber unsicheres Microsoft“ oder „wackliges, aber datenschutzkonformes Moodle“ erstaunt gerade in Baden-Württemberg. Im Land sind zwei große IT-Spitzenunternehmen, die in ganz Europa sichere Clouds bereit stellen – darunter die französische Regierung, für Siemens und das ZDF.

„Nextcloud und Ionos könnten innerhalb weniger Tage ein stabiles und erprobtes Office-System in der Ionos-Cloud aufsetzen“, sagte der Ionos-Vorstandsvorsitzende Achim Weiß dem Tagesspiegel. Ionos, einer der größten Anbieter von Clouds in Europa, hatte sich beim Land um die Einrichtung einer sicheren Schulcloud beworben – und keine Antwort erhalten.

„Eine solche Schulcloud würde den Ausfällen vorbeugen, die wir nach den Ferien bei vielen Lern-Plattformen gesehen hatten“, sagt Weiß.

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