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Dieses Kieselstein-Werkzeug ist deutlich älter als die auf der Münze abgebildete, mittlerweile auch nicht mehr junge Dame. Foto: WTSWW
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Hasen, ein Eiland, ein Versteck In Wales machen Kaninchen einen bedeutenden archäologischen Fund

Die Insel Skokholm ist - wenn überhaupt - eher für ihre Seevogelkolonien bekannt. Das ändert sich jetzt. Und wieder spielen Tiere die Haupttrolle.

Die Geschichte der Wissenschaft und Technologie ist voll von Tieren, die bei wichtigen Entdeckungen und Entwicklungen hilfreich waren. Dazu gehören unter anderem Kanarien- und sonstige Vögel, die in Bergwerken als Messgeräte für gefährliche Gase genutzt wurden, Teilchenbeschleuniger reinigende Frettchen, Fliegen als Genetik-Modellorganismen und Hunde, die alles Mögliche, inklusive Krankheiten bei Menschen, erschnüffeln können.

Kaninchen als Helfer bei Ausgrabungen von Ur- und Frühmensch-Artefektan sind weniger verbreitet, obwohl es durchaus schon einige Berichte über durch solche und andere im Graben versierte Tiere zutage geförderte Funde gibt.

Ein Eiland mit vielen Nestern

Auf der walisischen Insel Skokholm hat jetzt jedenfalls ein einzelnes oder eine Gruppe Kaninchen in Eigeninitiative auf beeindruckende Weise klargemacht, wie nützlich diese Gattungsgruppe aus der Tierfamilie der Hasen sein kann. Es grub – oder sie gruben – ein paar ziemlich interessante Steinzeit-Artefakte aus.

Skokholm liegt gut drei Kilometer vor der südlichen Küste von Pembrokeshire und gehört dem Wildlife Trust von Süd- und Westwales. Die unter Naturschutz stehende Insel ist bekannt für ihre Zehntausende zählenden Seevogel-Kolonien. Menschen wohnen dort derzeit nur zwei: Richard Brown und Giselle Eagle, die als Parkwächter arbeiten.

Alles geritzt: Die Scherbe ist aus der Bronzezeit, die bronzefarbene Münze aber nicht, sie dient nur als Maßstab. Foto: WTSWW Vergrößern
Alles geritzt: Die Scherbe ist aus der Bronzezeit, die bronzefarbene Münze aber nicht, sie dient nur als Maßstab. © WTSWW

Dass die Insel aber nicht immer so dünn von Menschen besiedelt war, dafür fanden die beiden an einem Märztag dieses Jahres deutliche Hinweise unweit ihrer Unterkunft: Vor einem Kaninchenbau im Schutz eines Felsvorsprungs habe ein auffällig rechteckiger, glattgeschliffener Stein gelegen, vermeldete kürzlich der Süd- und westwalisische Wildlife Trust.

Alter Kiesel

Die beiden machten Handyfotos. Es folgte eine E-Mail-Kette, die auf Skokholm begann und über den Archäologen Toby Driver von der Royal Commission, der auf der Nachbarinsel Skomer bei Ausgrabungen mitgearbeitet hatte, letztlich bei dem Experten für prähistorische Steinwerkzeuge Andrew David endete.

Der erkannte die Bedeutung des Fundes schnell: „Die Fotos zeigten eindeutig einen spätmittelsteinzeitlichen angeschrägten Kieselstein“, wird David auf der Website der Trusts zitiert. Solche Werkzeuge seien von Jägern und Sammlern vor etwa 6000 bis 9000 Jahren vermutlich für die Bearbeitung von Robbenfellen und zur Zubereitung von Lebensmitteln wie etwa Schalentieren“ verwendet worden. Obwohl diese Art von Werkzeugen an Küstenorten auf dem Festland von Pembrokeshire und Cornwall sowie in Schottland und Nordfrankreich bekannt sei, „ist dies das erste Beispiel aus Skokholm und der erste eindeutige Beweis für die spätmittelsteinzeitliche Besiedelung der Insel“.

Ein Scherbenhaufen, ein Grabhügel

Die beiden Naturschützer Giselle und Richard, nun offenbar vom Grabungsfieber gepackt, behielten jene Grabung – also den Kaninchenbau – im Auge. Sie fanden in den nächsten Tagen dort noch mehr Dinge, für die die Kaninchen in ihrem Haushalt offensichtlich keine Verwendung hatten. Darunter war ein zweites mittelsteinzeitliches Kieselwerkzeug, aber auch große Keramikscherben, die aus denselben Kaninchenlöchern geworfen worden waren.

Am 19. März schrieben die beiden in einem Blogeintrag, schon die erste solche Scheibe, die sie fanden, habe „auch für unsere sehr ungeschulten Augen ziemlich alt ausgesehen“. Jody Deacon von der Abteilung für prähistorische Archäologie am „Amgueddfa Cymru“, dem walisischen Nationalmuseum in Cardiff, bestätigte diesen Eindruck. Ein großes Fragment etwa stamme höchstwahrscheinlich aus einem dickwandigen, oben mit eingeschnittenen Linien verzierten Topf.

Schichten Geschichte

Bei ihm könne es sich um den Rand einer frühbronzezeitlichen Vasenurne handeln. Solche Urnen, gefüllt mit der Asche aus Feuerbestattungen, stammten in dieser Region normalerweise aus der Zeit zwischen 2100 und 1750 vor Christus.

Solche etwa 3750 Jahre alten Funde seien zwar in Westwales keine Seltenheit. Der Fund sei jedoch der erste seiner Art, der von einer der westlichen Pembrokeshire-Inseln stamme.#

Offenbar haben die Kaninchen ihren Bau jedenfalls an einer wirklich für eine Hausstandsgründung sehr geeigneten Stelle angelegt. Denn die Funde legen nahe, dass genau jener Ort auf der Insel über Jahrtausende auch von Menschen intensiv genutzt wurde: „Es scheint“, so Toby Driver, „dass wir es mit einem frühbronzezeitlichen Grabhügel zu tun haben, der über einem Siedlungsort von Jägern und Sammlern aus der Mittelsteinzeit errichtet wurde.“ Der Platz sei eindeutig seit Jahrtausenden besiedelt.

Jetzt wollen auch Menschen graben

Heute steht dort die Hütte der Parkwächterin und des Parkwächters. Diese beiden werden aber dort möglicherweise bald ein wenig Platz machen müssen. Denn ein Team von Archäologinnen und Archäologen ist für später im laufenden Jahr bereits angekündigt – wenn die Pandemiesituation es zulässt. Man wisse von Luftaufnahmen, dass es auf Skokholm Überreste einiger prähistorischer Siedlungen geben sollte, „obwohl noch nie eine ausgegraben wurde“, so Driver.

Pläne, sich gegenüber den ausnahmsweise nichts versteckenden, sondern etwas findenden Hasentieren erkenntlich zu zeigen, sind bislang nicht bekannt. Im Gegenteil. Wenn dort richtige Ausgrabungen starten, dürfte deren Ruhe wohl ziemlich gestört werden.

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