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Die Corona-Fallzahlen in Großbritannien nehmen zu. Dadurch steigt auf die Zahl der Patienten in Krankenhäusern. Foto: Louisa Gouliamaki/AFP
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Großbritannien nach dem „Freedom Day“ Deutliche Zunahme der Corona-Patienten – bleiben die Öffnungen bestehen?

In Großbritannien steigen nicht nur die Fallzahlen, sondern auch die Klinikeinweisungen deutlich. Die Entwicklung ist aus gleich zwei Gründen beunruhigend.

Die Aufhebung der meisten Corona-Restriktionen war noch gar nicht in die Tat umgesetzt, als Berater der britischen Regierung schon die mutmaßliche Notwendigkeit neuer Restriktionen in den Raum stellten.

Bereits in drei Wochen könne es wieder nötig sein, Maßnahmen wie die Masken- oder Abstandspflicht einzuführen. Voraussetzung dafür: Die Zahl der Klinikeinweisungen müsste das erwartete Level übersteigen. Die Wissenschaftler sollen dem „Guardian“ zufolge Premier Boris Johnson bereits vor dem „Freedom Day“ am vergangenen Montag darauf vorbereitet haben, Anfang August aktiv zu werden.

Bis Ende August könnte die Zahl der täglichen Klinikeinweisungen als Folge der Lockerungen auf bis zu 2000 ansteigen, so die Berater. Der führende Berater Johnsons, Chris Whitty, hatte sogar unlängst gesagt, dass sich die Zahl der Hospitalisierten vermutlich alle drei Wochen verdoppeln wird – dann läge sie Ende August bei mehr als 3000. Whitty sprach von „ziemlich beängstigenden“ Zahlen. So hoch waren sie zuletzt auf dem Höhepunkt der ersten Welle im April 2020.

Fakt ist: Die Zahl der Klinikeinweisungen in Großbritannien steigt seit Mai kontinuierlich an, seit Ende Juni sogar sprunghaft. Woche für Woche nimmt das Tempo zu. Waren es allein in England am 4. Juli noch täglich 390 neue Corona-Patienten in Krankenhäusern, stieg die Zahl innerhalb einer Woche auf 502 an. Wiederum eine Woche später, dem bisher letzten Tag der Datenerfassung am 18. Juli, waren es bereits 698.

Die Zahlen für Wales, Schottland und Nordirland sind auf einem deutlich niedrigeren Niveau – doch auch dort ist der Trend erkennbar. Am letzten Tag, an dem alle drei Landesteile zuletzt die Zahl der Klinikeinweisungen veröffentlicht haben, lag sie bei 745.

Seitdem gibt es keine neuen Daten aus Schottland, in den anderen Landesteilen gab es kumuliert einen Anstieg von rund zehn Prozent. Da sich der Trend in Schottland in den vergangenen Wochen nie groß vom englischen unterschieden hat, ist davon auszugehen, dass die Zahl in Großbritannien mittlerweile bei täglich mehr als 800 neuen Corona-Patienten in den Krankenhäusern liegt.

Auch die Zahl der beatmeten Intensivpatienten steigt deutlich und in einem ähnlichen Tempo wie die Klinikeinweisungen. Innerhalb der vergangenen zwei Wochen stieg die Zahl der beatmeten Corona-Patienten auf Intensivstationen von 305 auf 544 an.

Und: Sogar die Zahl der Todesfälle ist auf einen Schlag extrem in die Höhe geschnellt. Am Dienstag berichteten die britischen Gesundheitsbehörden von 102 Toten, die an oder in Verbindung mit dem Virus gestorben sind. Der letzte Tag, an dem die Zahl der Todesfälle dreistellig war, ist datiert auf den 24. März, zum Ende der dritten Welle. Anfang Juli noch bewegten sich die Todeszahlen im niedrigen zweistelligen Bereich.

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Grund dafür ist die Verbreitung der Delta-Variante des Virus, die schon seit Wochen fast alle Fälle betrifft. Großbritannien gilt in den Augen von Experten damit als von Delta durchseucht, ähnlich wie Israel. In Deutschland beispielsweise hat die Delta-Variante auch bereits einen Anteil von mehr als 75 Prozent an allen Fällen.

Das ist deshalb relevant, weil die Delta-Variante einen noch nicht vollständigen Impfschutz durchbrechen kann – wie man anhand der Zahlen der Klinikeinweisungen sieht. Das Risiko für doppelt geimpfte Menschen soll einer Analyse von Public Health England zufolge hingegen bei vier Prozent liegen, wenn man den Biontech-Impfstoff erhält, und bei acht Prozent liegen, wenn man den Astrazeneca-Impfstoff erhält.

„Die meisten Leute, die auf Hilfe der Krankenhäuser aufgrund ihrer Corona-Erkrankung angewiesen sind, sind aus verschiedenen Gründen nicht geimpft. Wir sehen einige junge, zuvor gesunde Patienten mit Covid bei uns. Die Langzeitschäden können jeden von uns treffen, unabhängig von Alter und Gesundheitszustand“, berichtet der Intensivmediziner Rupert Pearse via Twitter.

Diese Entwicklung ist aus gleich zwei Gründen beunruhigend. Erstens gaben einige Corona-Experten in den vergangenen Wochen mit Blick auf die sehr hohe Sieben-Tage-Inzidenz von bald 500 an, dass die neuen Fälle pro 100.000 Einwohner aufgrund der hohen Impfquote nicht mehr aussagekräftig sei. Noch bevor die Impfquoten in den Ländern stiegen, folgte auf hohe Inzidenzen bis zu 14 Tage später auch ein Anstieg der Intensivpatienten und daraufhin der Todesfälle. Durch den zusätzlichen Schutz des Immunsystem durch die Impfungen, gerade bei vulnerablen Personen, haben sich die anderen Kennwerte allerdings von der Inzidenz entkoppelt.

Stattdessen müsse man verstärkt auf die Zahl der hospitalisierten Erkrankten schauen, sagten die Experten. Nun steigt diese Zahl in Großbritannien zwar nicht so hoch wie die Inzidenz, doch mittlerweile auch deutlich an. Und zweitens lässt die Aufhebung etlicher Corona-Maßnahmen am Montag eine weitere Verschlechterung der Situation befürchten.

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Zum Vergleich: In Deutschland lag die Zahl der neuen Corona-Patienten in Krankenhäusern am Dienstag bei 203, die Zahl der beatmeten Corona-Intensivpatienten bei 214. Das sind verglichen mit den Zahlen von mutmaßlich schon über 800 sowie 544 auch deshalb wenig, weil Großbritannien rund 17 Millionen weniger Einwohner hat.

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) berichtet außerdem von weiter sehr wenigen Neuaufnahmen auf den Intensivstationen und wenigen Todesfällen. Der Anteil der beatmeten Patienten sei mit rund 60 Prozent zwar weiter hoch. Doch liege das vor allem daran, dass sehr viele der Corona-Patienten auf den Intensivstationen bereits seit Monaten an den Beatmungsgeräten hängen, sagte eine Sprecherin dem Tagesspiegel.

In Deutschland nähert sich die Zahl der Intensivpatienten einer Talsohle, die Zahl der Patienten, die die Intensivstationen verlassen, nimmt immer mehr ab. Waren es in der vergangenen Woche dienstags noch 28, waren es in dieser Woche nur noch acht. Vor einer Trendumkehr könnten die Intensivmediziner vor diesem Hintergrund derzeit allerdings noch nicht warnen, so die Sprecherin.

Klar ist aber, dass eins dieser Entwicklung zuträglich ist: Das Stocken der Impfkampagnen. Denn ähnlich wie in Deutschland ist diese Entwicklung auch in Großbritannien erkennbar – dabei baut Johnsons Öffnungspolitik auf das Voranschreiten der Corona-Impfungen auf.

Etliche Hausärzte müssten ungenutzte, bald ablaufende Dosen an den Gesundheitsdienst zurücksenden, berichtete die „Times“ am Mittwoch. In den vergangenen Tagen hatte die Zahl der verabreichten Erstimpfungen so niedrig gelegen wie noch nie seit Beginn des Impfprogramms im Dezember. Im Sieben-Tage-Schnitt wurden zuletzt täglich rund 55.000 erste Impfungen verabreicht – in Hochzeiten waren es rund viermal so viel. Seit einigen Wochen sind alle Erwachsenen im Land impfberechtigt.

Knapp 69 Prozent der erwachsenen Briten sind bereits vollständig geimpft, 88 Prozent haben die erste Dosis erhalten. Es gibt derzeit also mehr als sechsmal so viele Menschen, die mindestens die erste Dosis erhalten haben als solche, die noch gar keine erhalten haben.

40 Prozent der britischen Corona-Patienten sind geimpft

Eine Meldung, die ausgerechnet am Montag publik wurde, kommt in diesem Zusammenhang wie ein schlechtes Omen daher: Die britische Regierung musste eingestehen, dass 40 Prozent der Corona-Patienten in Krankenhäusern bereits einmal geimpft worden sind. Die ansteckendere Delta-Variante kann offensichtlich also nicht nur einen noch nicht vollständigen Impfschutz durchbrechen, sondern unter den Bedingungen wie in Großbritannien auch dafür sorgen, dass Menschen schwerer erkranken.

Dieser Fakt sorgt auch in Deutschland für Kopfzerbrechen. Gesundheitsminister Jens Spahn warnte am Mittwoch vor einem drastischen Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz, die schon im September die Marke von 400 und im Oktober die von 800 überschreiten könne. Als Grundlage für seine Behauptung führt er die „sehr schnelle Steigerung der Infektionszahlen“ an.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Foto: Imago/photothek Vergrößern
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn © Imago/photothek

Die Inzidenz liegt zwar bundesweit derzeit bei nur 11,4. Doch ist der sogenannte R-Wert, der angibt, wie viele andere Menschen eine Infizierte oder ein Infizierter im Schnitt ansteckt, über den kritischen Wert von eins gestiegen. „Jetzt im Juli wird entschieden, wie die Situation im Herbst sein wird“, so Spahn.

Es scheine so zu sein, dass „200 das neue 50 ist“, sagte er zu früheren Grenzwerten für Corona-Beschränkungen. Um die Zahlen niedrig zu halten, müssten die Menschen unter anderem weiterhin konsequent die Schutzmasken tragen. Ein Seitenhieb in Richtung Großbritannien?

Auch der Weltärzte-Präsident Frank Ulrich Montgomery hatte zuletzt, angesichts erneut steigender Corona-Infektionszahlen und der Situation in Großbritannien, vor zu schnellen Lockerungen gewarnt. „Jetzt die Einschränkungen unserer Kontakte einfach fallen zu lassen und alles zu öffnen wäre brandgefährlich“, erklärte der Mediziner. „Wer das tut, riskiert den Einstieg in die vierte Welle.“

Großbritannien scheint in den Augen der Experten, sogar im eigenen Land, zu einem Negativbeispiel für die Öffnungspolitik in der Corona-Pandemie geworden zu sein. Montgomery glaubt, dass sich die britische Regierung wohl einfach schon zu früh zu sicher war: „Vergessen wir nicht, wie trügerisch die Infektionszahlen im letzten Sommer daherkommen und welche destruktive Kraft das Virus danach entwickelte.“ Eine Kraft, die sich in Großbritannien womöglich gerade ihren Weg bahnt.

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