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Pegida-Demonstranten in Dresden demonstrieren gegen die offene Gesellschaft. Foto: Matthias Hiekel/picture-alliance/dpa
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Gesellschaftliche Großkonflikte: Ist der Liberalismus noch zu retten?

„Das Ende der Illusionen“: Der Soziologe Andreas Reckwitz erzählt in seinem neuen Buch vom Scheitern der liberalen Fortschrittserzählung.

Als der Eiserne Vorhang vor 30 Jahren fiel und der Realsozialismus die große Weltbühne räumte, war die Stimmung im Westen euphorisch. Die Geschichte habe sich vollendet, die globalpolitischen Widersprüche seien endlich überwunden, jubilierte der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama einmütig mit vielen Vertretern seiner Zunft. In Medien, Wirtschaft und Politik dominierte die Erzählung vom gesellschaftlichen Fortschritt.

Marktwirtschaft und Demokratie, so weissagte man, sollten sich nun erdenweit verbreiten. Und tatsächlich schien es, als befände sich der Liberalismus auf der Siegerstraße. Viele Länder in Osteuropa, Südamerika und Afrika begannen sich zu demokratisieren, Minderheitenrechte weiteten sich aus und die transnationale Zusammenarbeit wuchs.

Das aber war nur die halbe Geschichte: Durch Terroranschläge und Großbanken-Crashs, sozialen Kahlschlag und Nationalismus, Massenflucht und Klimakatastrophe ist der Fortschrittsoptimismus der Nachwendezeit einer allgemeinen Ernüchterung gewichen. Inzwischen scheint der westliche Liberalismus in einer umfassenden Krise zu stecken.

Was die Probleme unserer Gegenwart mit dem Strukturwandel der letzten 30 Jahre zu tun haben und wodurch sich unsere „Spätmoderne“ von früheren Epochen unterscheidet, beschreibt der Soziologe Andreas Reckwitz in seinem neuen Essayband „Das Ende der Illusionen“. Mit seiner aktuellen Gesellschaftsanalyse schließt der an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) lehrende Forscher an sein viel diskutiertes Werk von 2017, „Die Gesellschaft der Singularitäten“, an.

Der offene Liberalismus ist am Ende

„Wir befinden uns in einer Übergangsphase, das Paradigma eines offenen Liberalismus, das in den 1990er-Jahren zu voller Form auflief, geht zu Ende“, erklärt Reckwitz im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Das in seiner neoliberalen Variante auf Markfreiheit gründende und in seiner linksliberalen Ausprägung auf kulturelle Öffnung pochende Strukturmodell unserer Zeit habe ungewollt schädliche Effekte produziert, die ihm nun seine eigene Grundlage entzögen.

Andreas Reckwitz Foto: picture alliance / Sven Hoppe / dp Vergrößern
Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz. © picture alliance / Sven Hoppe / dp

Ist das liberale Ordnungsmodell also am Ende? Ganz so einfach ist es dann doch nicht, meint Reckwitz. Um die Verschiebungen im soziopolitischen Gefüge richtig zu deuten, müsse man verstehen, dass sich die Auseinandersetzung zwischen Regierungen rechts und links der Mitte auf der Hintergrundfläche großer Paradigmen ereignet, die einander wechselseitig ablösen. So folgte auf ein Zeitalter starker Regulierung von den 1950er-Jahren bis zum Ende der 1970er-Jahre eine „Ära der Dynamisierung“.

Standen vorher in beiden Lagern „eine keynesianische Globalplanung der Wirtschaft und ein Ausbau des Wohlfahrtsstaates“ auf dem Programm, begann sich der Wind nun zu drehen. Von Reagan und Thatcher in den 1980er- zu Schröder und Blair ab den späten 1990er-Jahren: Im politischen Mainstream von rechts bis links avancierte eine maximale Deregulierung zur sozioökonomischen Zauberformel.

Die Gesellschaft der Singularitäten

Maßgeblich für diese Zeit sei der Übergang von der industriellen Moderne mit ihrer „Logik des Allgemeinen“ hin zur postindustriellen „Gesellschaft der Singularitäten“. „Die Menschen der ersten drei Nachkriegsjahrzehnte lebten in einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, sagt Reckwitz. Der relativ einheitliche Lebensstandard einer breiten Mittelschicht sei für diese Ära ebenso kennzeichnend gewesen, wie ein starker Konformismus in der Lebensführung: Eindeutige Rollenverteilung und Diskriminierung von allem, was „anders“ war, stellten förmlich die Regel dar. Es sei eine „Gesellschaft der Gleichen“ gewesen, „mit all ihren Licht- und Schattenseiten“.

Unsere heutige Gesellschaftsform betreibe dagegen einen regelrechten Fetisch der Einzigartigkeit. Ob im Bereich wirtschaftlicher Produktion oder in der Ausprägung von Lebensstilen - überall werde das Besondere prämiert. Produkte von der Stange und Normalbiographien haben auf den Märkten des „kognitiv-kulturellen Kapitalismus“ das Nachsehen, sagt Reckwitz. Immaterielle und symbolische Güter, wie „das ganz besondere Urlaubserlebnis“, schlagen die bloß funktionalen aus dem Feld. Auch die Konkurrenz der Individuen auf dem Arbeitsmarkt und den „digitalen Attraktivitätsmärkten“ folge einer ähnlichen Prämisse. Ob im Beruf oder auf Tinder: das spätmoderne Subjekt sei dazu aufgerufen, ständig seine Originalität darzustellen.

Frust als Ergebnis der Selbstoptimierung

Dass sich der allgemeine Anspruch, besonders zu sein, mit hohen Erwartungen an das eigene Leben verknüpft, die häufig genug enttäuscht werden, ist keine neue Erkenntnis. Sprichwörtlich geworden ist die Diagnose vom „erschöpften Selbst“ des französischen Soziologen Alain Ehrenberg. Auch Reckwitz erklärt Burnout-Gefahr und allgemeinen Frust zum Ergebnis von Selbstoptimierung und „Authentizitätsperformanz“. „Die Folge dieser Lebensform sind negative Affekte wie Angst und Überforderung, die es in der positiven Emotionskultur der Gegenwart eigentlich nicht geben darf, und die deshalb umso stärker an ihr kleben.“

Coworking-Space in Neukölln Foto: Mike Wolff Vergrößern
Coworking-Space in Neukölln: Die neue urbane Mittelschicht ist das tonangebende Milieu, sagt Reckwitz. © Mike Wolff

Vor allem aber trage die „Gesellschaft der Singularitäten“ abseits ihrer emanzipatorischen Errungenschaften zur Entstehung ganzer Verlierer-Kasten bei. So hat der Hyperindividualismus Reckwitz zufolge eben keine klassenlose Gesellschaft befördert. Vielmehr sei eine neue Klassenstruktur entstanden, die „eine Drei-Drittel-Gesellschaft“ hervorgebracht habe: von dem einen Prozent der Superreichen einmal abgesehen, gliedern sich die westlichen Gesellschaften meist in eine „alte Mittelschicht“, die die ländlichen Peripherien bewohnt, eine „neue Mittelschicht“ in den urbanen Zentren und ein da wie dort ansässiges „Dienstleistungsproletariat“.

„Die neue urbane Mittelschicht, die selbst noch einmal sehr heterogen ist, baut sich ihre Lebensform aus einer Vielzahl kultureller Versatzstücke individuell zusammen“, sagt Reckwitz. Die Vertreter dieser Klasse seien ökonomisch betrachtet manchmal gar nicht so wohlhabend. Was sie aber im Übermaß besäßen, sei „kulturelles Kapital“: also Bildung, akademische Abschlüsse, Fremdsprachenkenntnisse und Weltläufigkeit. Die oft in geistigen Berufen beschäftigte neue Mittelschicht bilde in gesellschaftlicher Hinsicht das tonangebende Milieu. Auf der anderen Seite der Skala stünden prekär lebende Dienstleister, die meist von einförmigen Tätigkeiten lebten, kaum soziales Ansehen genössen, und „sich gerade so durchwurschteln“ würden.

Die alte gegen die neue Mittelschicht

Zwischen diesen beiden Klassen befindet sich die stetig schrumpfende „alte Mittelschicht“ als habituelle Erbin der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, sagt Reckwitz. Diese meist regional verwurzelten „Somewheres“ - in ökonomischer Hinsicht oft noch immer gut begütert - fühlten sich kulturell von den weniger ortsgebundenen „Anywheres“ herausgefordert. Diese würden sich in der globalisieren Welt „wie die Fische im Wasser“ bewegen. Jene aber nähmen sich als Zurückgebliebene im Wettrennen der Globalisierung wahr.

„Was früher Maß und Mitte war, ist heute oft nur Mittelmaß“ - so erleben die alten Mittelständler ihren wachsenden Prestigeverlust, sagt Reckwitz. Gegen die flüssige „Hyperkultur“ der weltgewandten Großstädter setzten sie einen statischen „Kulturessentialismus.“

Den Erfolg des Rechtspopulismus interpretiert der Soziologe denn auch als allergische Reaktion auf die Verlusterfahrung eines Milieus, das sich vom soziokulturellen Wandel übervorteilt sieht. Und tatsächlich legen Studien nahe, dass es weniger die ökonomisch Armen als mehr die Mitglieder einer sich kulturell abgehängt fühlenden Mittelschicht sind, die den rechten Rattenfängern zustreben.

Was es Reckwitz zufolge braucht, um dem Populismus den Fahrtwind zu nehmen, ist ein neues „regulatives Paradigma“, das der Soziologe in Form eines „einbettenden Liberalismus“ bereits aufziehen sieht. Dass mittlerweile sogar die CSU von Mietendeckeln spreche, sei nur eines von vielen Beispielen, die einen kommenden Strukturwandel anzeigten.

Es gibt keine „Rückkehr in die gute alte Zeit“

Aber ist es aktuell nicht eher ein illiberaler Nationalismus, der sich zum neuen Paradigma erhebt? Reckwitz ist zuversichtlich, dass sich der autoritäre Turn umkehren lässt, wenn das liberale Strukturmodell grundlegend transformiert wird. So sei es zum Beispiel geboten, die überhitzten Mietmärkte der überlaufenden Metropolen zu regulieren oder verödende Landstriche zu fördern. Ein neues Regulierungsregime könne aber nicht mit dem Mantra von der „Rückkehr in die gute alte Zeit“ operieren. Politische Regulierung müsse im Rahmen der Globalisierung erfolgen.

Vor allem aber gelte: die Retrofiktionen der Rechten, die sich geschlossene Kulturräume wünschen, sind nicht bloß normativ falsch, sondern auch völlig unrealistisch. Stattdessen solle die Gesellschaft daran arbeiten, innerhalb einer Vielfalt individueller Lebensformen allgemeine Grundwerte zu stärken. Überhaupt muss das Allgemeine neben dem Besonderen aufgewertet werden - etwa indem repetitive Tätigkeiten Geringqualifizierter von der Gesellschaft stärker respektiert werden, sagt Reckwitz.

„Nicht zuletzt braucht es eine Debatte darüber, dass Fortschritt nie ohne Verluste geschieht.“ Das Ethos einer dauernden Weiterentwicklung und mithin das Mantra vom ewigen Wachstum, gilt es demnach zu verabschieden.
Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen - Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. Suhrkamp, 2019. 305 S., 18 Euro.

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