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Polizisten in zwei unterschiedlichen Arten von Uniformen präsentieren einen maskierten Gefangenen. Zu dessen Füßen sitzt ein deutscher Schäferhund. Foto: Archiv Miroslaw Tryczyk
© Archiv Miroslaw Tryczyk

Gefährdete Holocaustforschung Die polnische „Politik der Würde“ und ihre Folgen

Jan Grabowski Ingo Loose

In Polen wird juristisch belangt, wer Staatsbürger für den Holocaust mitverantwortlich macht. Ein Plädoyer nicht nur in eigener Sache.

Die Befürchtungen, die unfassbaren Massenverbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des Holocaust würden mit wachsender zeitlicher Distanz in Vergessenheit geraten, haben sich bislang nicht bestätigt. Einen wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hatten die Holocaustüberlebenden selbst. Seit den 1990er-Jahren ist eine große Zahl von Zeitzeugenberichten erschienen, die zu neuen Perspektiven für die Forschung geführt haben.

Doch was passiert, wenn es einem Staat gefällt, die Geschichte in seinem Sinne umzuschreiben und anderslautende Fakten – auch die Erinnerungen der Überlebenden – zu ignorieren oder gar juristisch zu verfolgen? Kein Werk zum Holocaust in Polen ist in unserem Nachbarland seit 1989 so massiv bekämpft worden wie die 2018 veröffentlichte Studie „Nacht ohne Ende“, die von Barbara Engelking und dem Ko-Autor dieses Beitrags, Jan Grabowski, herausgegeben wurde.

Seit 2015 wird Polen von der nationalkonservativen, populistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) regiert. Ein zentrales Konfliktfeld ist seitdem ihre „Politik der Würde“, die sich gegen historische Forschung richtet, die dem martyrologischen, nationalen Narrativ widerspricht. Zum Glaubensgrundsatz gehört die Annahme der „nationalen Unschuld“ der polnischen Gesellschaft während der deutschen Okkupation.

Die größte Gruppe unter den "Gerechten der Völker"

Polnische Staatsbürger bilden tatsächlich die größte nationale Gruppe unter den „Gerechten unter den Völkern“, den vom Staat Israel ausgezeichneten Personen, die Juden im Holocaust das Leben retteten. Gleichwohl galten die Ängste der Untergetauchten oft weniger den Deutschen als ihren polnischen Mitbürgern, von denen sie oftmals denunziert wurden. Tausende Juden fielen polnischen Erpressern und „Jägern“ zum Opfer.

[Jan Grabowski ist Professor of History an der University of Ottawa, Kanada, und Mitherausgeber der Edition „Nacht ohne Ende“. Ingo Loose ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (Abteilung Berlin). Eine Langfassung des Artikels erscheint in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 7/8-2021 am 15. Juli.]

Um demgegenüber ein positives, „optimistisches“ Narrativ zu entwerfen, hat die polnische Regierung gesetzliche Maßnahmen ergriffen. Im Januar 2018 verabschiedete der polnische Sejm ein „Holocaust-Gesetz“, das Personen mit einer bis zu dreijährigen Gefängnisstrafe bedrohte, die den „guten Namen der polnischen Nation“ verleumden.

Dieses Gesetz wurde weithin als Bedrohung für die Erforschung des Holocaust angesehen und stieß weltweit auf Protest. Darauf zog die polnische Regierung im Juni 2018 die Strafbestimmungen des Gesetzes wieder zurück. Allerdings stehen andere Mittel bereit, um mutmaßlichen „Tätern“ beizukommen – mithilfe zivilrechtlicher Verfahren.

Wenig bekannte Rolle polnischer Bürger bei Ausplünderung und Ermordung

Die wissenschaftliche Studie „Nacht ohne Ende“ befasst sich mit den Überlebensstrategien von Juden in neun ausgewählten Gebieten im deutsch besetzten Polen, insbesondere in der Zeit zwischen der Liquidation der Ghettos und dem Kriegsende. Die Ghettoräumungen wurden mit unfassbarer Gewalt durchgeführt, etwa zehn Prozent der Bewohner noch vor Ort ermordet, die übrigen jüdischen Opfer in die Vernichtungslager deportiert. Die Beiträge der Edition „Nacht ohne Ende“ beschreiben die zuvor wenig bekannte Rolle polnischer Bürgerinnen und Bürger, die sich an der Ausplünderung und Ermordung ihrer jüdischen Nachbarn beteiligt haben.

Ein Porträtbild von Jan Grabowski. Foto: Promo Vergrößern
Der Historiker Jan Grabowski, Professor an der University of Ottawa. © Promo
Ein Porträtbild von Ingo Loose. Foto: Promo Vergrößern
Der Historiker Ingo Loose, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in Berlin. © Promo

Während und nach den Ghettoräumungen flüchteten etwa 200 000 bis 300 000 polnische Juden und versuchten sich zu verstecken. Die große Mehrheit starb durch direkte (Mord) oder indirekte (Denunziation) Beteiligung der nichtjüdischen Bevölkerung. Schätzungen zufolge überlebten nicht mehr als 30 000 von ursprünglich drei Millionen Juden.

Im Mai 2019 reichte Filomena Leszczynska mit Unterstützung der „Redoute zur Verteidigung des guten Namens des polnischen Volkes“ (poln. Reduta), einer von der polnischen Regierung geförderten und finanzierten Organisation, eine Zivilklage gegen das Buch ein: Die Autoren des Bandes hätten das Andenken an ihren lange verstorbenen Onkel Edward Malinowski verleumdet.

Debatte um einen Dorfbürgermeister

Natürlich steht es jedem Bürger frei, einen Prozess anzustrengen, aber kaum jemand hat das Privileg, auf den Beistand einer staatlich gesteuerten und finanzierten Organisation zählen zu dürfen. Neben der Forderung nach Entschädigung und einer Entschuldigung enthielt die Klageschrift ungleich verstörendere Elemente: Das Gericht sollte feststellen, dass die Autoren „das polnische Volk vorsätzlich verleumdet“ hätten. Das „Recht auf nationale Identität" und das "Recht auf nationale Würde“ seien verletzt worden.

Die geschichtliche Debatte um den Dorfbürgermeister von Malinowo, Edward Malinowski, drehte sich um zwei widersprüchliche historische Belege. Bei dem ersten Beleg handelt es sich um Gerichtsakten aus dem Jahr 1950. Malinowski war von einigen Dorfbewohnern beschuldigt worden, eine größere Gruppe von Juden den Deutschen zur Exekution ausgeliefert zu haben.

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Während des Prozesses aber änderten die Zeugen ihre Aussagen und nahmen ihre Vorwürfe zurück. Zudem entlastete ihn auch eine jüdische Überlebende, Estera Siemiatycka. Sie sagte aus, dass der Dorfälteste ihr geholfen habe, als vermeintlich nichtjüdische Zwangsarbeiterin nach Deutschland geschickt zu werden, was eine gute Überlebenschance bot. Malinowski wurde freigesprochen.

Eine Zeitzeugin entlastete ihn - und revidierte ihre Aussage später

Viele Jahre später verließ Estera Siemiatycka Polen und wanderte nach Schweden aus. Der Shoah Foundation, dem von Steven Spielberg gegründeten Video-Projekt mit Aufzeichnungen der Zeugnisse Tausender Überlebender, gab sie ein langes und detailliertes Interview, in dem sie erzählte, dass Malinowski 22 Juden an die Deutschen verraten habe. Siemiatycka gab auch zu, dass sie 1950 vor Gericht eine Falschaussage gemacht habe.

Nachkriegspolen war für Juden und Holocaustüberlebende kein sicherer Platz. Viele wurden bei geplanten und ungeplanten Gewaltausbrüchen ermordet, die im blutigen Pogrom von Kielce im Juli 1946 kulminierten, in dem über 40 Juden getötet wurden.

In ihrer Studie zur Geschichte der Judenverfolgung im Gebiet um Bielsk Podlaski kam Barbara Engelking nach Abwägung aller verfügbaren Quellen zu dem Schluss, dass Siemiatyckas Interview glaubwürdig sei, weil ihre Erzählung – anders als vor einem polnischen Gericht 1950 – ohne äußeren Druck entstanden war. Tatsächlich befasste sich Engelking überhaupt nicht mit der Frage, ob Malinowski schuldig oder unschuldig war, sondern zitierte lediglich Siemiatyckas Aussage.

"Gefühl nationaler Identität" erhält Vorrang vor Geschichts-Forschung

Am 14. Februar 2021 sprach das Bezirksgericht in Warschau sein Urteil. Die Forderung nach Entschädigung der Klägerin sowie die Behauptung, die angeklagten Historiker hätten das polnische Volk vorsätzlich verleumdet, wurde zurückgewiesen.

Aber das Gericht entschied auch, den problematischsten Teil der Klage anzuerkennen: „Polen für den Holocaust verantwortlich zu machen, für den Mord an Juden während des Zweiten Weltkrieges und für die Aneignung ihres Eigentums, berührt den Bereich des nationalen Erbes und kann – völlig falsch und verletzend – die Gefühle des Einzelnen und seine nationale Ehre so beeinflussen, dass es die faktenbasierte Überzeugung zerstört, dass Polen ein Opfer der von Deutschland begonnenen und durchgeführten Kriegshandlungen war.“

Eine Gruppe teilweise sehr junger Männer in Zivilkleidung geht mit erhobenen Händen eine Landstraße entlang. Foto: imago images/Everett Collection Vergrößern
Polnische Zivilisten, die nach dem Überfall Deutschlands auf Polen im September 1939 als "Kriegsgefangene" abgeführt werden. © imago images/Everett Collection

Damit erhielt das „Gefühl nationaler Identität“ Vorrang vor geschichtswissenschaftlicher Forschung. Damit wird das Ende jeder kritischen Forschung zum Holocaust in Polen eingeläutet.

Sollen jüdische Zeugenaussagen künftig unbeachtet werden?

Dass erfahrene Historiker vor Gericht gestellt und in den staatlich gesteuerten Medien massiv verleumdet werden, ist eine Botschaft, die alle Forschenden und Studierenden der Geschichte in Polen erreicht hat. Die entstandene Atmosphäre wird dazu führen, dass viele polnische Historikerinnen und Historiker ihre Karriereentscheidungen überdenken.

In Gerichtsverfahren historische Belege juristisch zu bewerten, erschwert oder verhindert gar jede unabhängige Forschung. Fortan müsste womöglich ein erheblicher Teil jüdischer Zeugenaussagen unbeachtet bleiben, weil zu erwarten stünde, dass ihrer Stimme mit Klagen begegnet würde.

In Europa haben sich Hoffnungen nicht erfüllt, es könnte Jahrzehnte nach dem Holocaust ein übereinstimmendes Geschichtsbild erreicht werden. Der Vorwurf, dass jüngste Forschungen zum Holocaust das Ziel verfolgten, die zentrale Verantwortung und Schuld der Deutschen am Zweiten Weltkrieg, dem Holocaust und anderen Massenverbrechen zu relativieren, ist abwegig.

Im Gegenteil wird der ständige Hinweis auf die Deutschen, der als Fundamentalkritik gegen jede Art von neuen Fragestellungen angesehen werden kann, unliebsame Themen ausblenden. Die politische Einflussnahme auf die wissenschaftliche Debattenkultur wird dagegen zu einer Marginalisierung der polnischen Zeitgeschichtsforschung führen, die damit auch dort an Einfluss verliert, wo sie wichtige Akzente setzen könnte.

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