Menschen aus Vietnam treffen 1973 am Ostbahnhof in Ost-Berlin ein.  Foto: picture-alliance/ ZB /Horst Sturm
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Fremdes Bruderland So lebten Migrantinnen und Migranten in der DDR

Die DDR rühmte sich ihrer Internationalität. Doch Menschen aus Mosambik oder Vietnam, die ins Land kamen, wurde das Leben schwer gemacht. 

„Das war das erste Mal, dass ich mit einem Fahrstuhl gefahren bin. Ich bin die ganze Nacht damit hoch und runter gefahren.“

Für viele Migrantinnen und Migranten wie Nguyen Do Thinh aus dem Süden Vietnams ist die DDR ein Versprechen auf ein besseres Leben. Gerade auch für junge Studierende, die mit einem Stipendium einreisten. Sie kamen aus anderen befreundeten sozialistischen Staaten wie Angola und Mosambik.

Eine oft vergessene Geschichte

Aber sie waren nur eine von vielen verschiedenen Gruppen, die als Migrantinnen und Migranten in die DDR kamen. „Eigensinn im Bruderland“ heißt daher auch eine gemeinsame Web-Dokumentation des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) der Technischen Universität Berlin und der "out of focus Medienprojekte", die vor Kurzem mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde und hier zu finden ist.

„Eigensinn im Bruderland“ zeichnet die oft vergessene Geschichte von Migranten in der DDR nach. Ein Erzähltext mit historischen Hintergründen und Analysen, kurze Videos mit Zeitzeugen-Interviewclips und Fotos wechseln einander ab: Ein differenziertes Bild von migrantischem Leben in der DDR.

Immer wieder Rassismus und Anfeindungen

Die meisten Migranten kamen als Arbeitskräfte durch bilaterale Verträge zwischen der DDR und befreundeten Staaten ins Land. Ihre Lebensbedingungen waren miserabel, dabei wurden sie dringend gebraucht: Akuter Arbeitskräftemangel bedeutete, dass die DDR auf migrantische Arbeitskräfte angewiesen war. 

Hinter den Bestrebungen der DDR steckten auch politische Gründe: So unterstützte sie seit den 60er Jahren die Befreiungsbewegung „Frelimo“ in Mosambik. Während die internationale Solidarität unter sozialistischen Staaten nach außen die Grundlage für die Förderung war, lag es vor allem im politischen Interesse der DDR, als Staat völkerrechtlich von jungen Nationalstaaten anerkannt zu werden. 

Trotz des internationalistischen Anspruchs war das Leben in der DDR für die Migrantinnen und Migranten nicht einfach. Immer wieder mussten sie mit Rassismus und Anfeindungen vonseiten der lokalen Bevölkerung kämpfen.

Mosambikanische Gastarbeiter werden 1979 im VEB Oberlausitzer Textilbetrieb Neugersdorf angelernt. Ein Teil des Lohns wurde nach Mosambik zurückgeschickt -  das Geld wurde dazu genutzt, Schulden Mosambiks bei der DDR abzuzahlen.  imago/Ulrich Hässler Vergrößern
Mosambikanische Gastarbeiter werden 1979 im VEB Oberlausitzer Textilbetrieb Neugersdorf angelernt. Ein Teil des Lohns wurde nach Mosambik zurückgeschickt -  das Geld wurde dazu genutzt, Schulden Mosambiks bei der DDR abzuzahlen.  © imago/Ulrich Hässler

Liebesbeziehungen und sexueller Kontakt zwischen Bürgerinnen und Bürgern der DDR und Migrantinnen und Migranten waren nicht erwünscht und fanden im Geheimen statt. Wurden Vertragsarbeiterinnen schwanger, mussten sie abtreiben oder in das Heimatland zurückkehren.

Nur die besten Schüler bekamen ein Auslandsstipendium

Die Wege waren unterschiedlich, um an ein Stipendium für ein Studium in der DDR zu kommen. Pham Thi Hoai aus Nordvietnam erzählt in einem der vielen Videoclips der Web-Doku: „Ein bis zwei Prozent der besten Schüler bekamen ein Auslandsstipendium.“

1978 gehörte sie dazu. Ideologische Zuverlässigkeit war ein Muss für Stipendiaten. Erst kurz vor dem Abflug erfuhr sie überhaupt, in welches Land es ging: „Ich kannte die DDR gar nicht, nur aus einem Kinderlied“.

Nguyen Do Thinhs Weg in die DDR verlief anders. Als 1978 der Krieg mit China und Kambodscha ausbrach, wurden junge Männer zur Armee eingezogen. Um ihn davor zu bewahren, bestach seine Mutter einflussreiche Leute. So kam er 1982 als Vertragsarbeiter in die DDR. 

Nguyen Do Thinh im Gespräch:

Politische Emigrierende gehörten zu der privilegiertesten Gruppe derer, die aus dem Ausland kamen. Sie durften in die DDR einreisen, falls ihre politische Einstellung auf Parteilinie war. 

Eine politische Emigrantin aus der Türkei

Zu ihnen gehörte auch Kadriye Karci. Nach dem Putsch des türkischen Militärs 1980 war sie in der Türkei als Studentin und Mitglied der illegalen Kommunistischen Arbeiterpartei in Gefahr. 

Die bevorzugte Behandlung in der DDR gegenüber anderen Migranten war Karci unangenehm: Sie bekam eine Wohnung, obwohl Familien im Studentenwohnheim auf deutlich kleinerem Raum leben mussten.

Linientreu gekommen, doch dann kommt der Ausbruch

Die Web-Doku beleuchtet aber auch die Schattenseiten des Lebens in der DDR selbst als Teil dieser vergleichsweise privilegierten Gruppe. Denn wie oder mit wem man lebte, konnte man sich nicht aussuchen: Karci und ihre Parteizelle mussten in einer Art Kommune wohnen, in der der Alltag nach einer strengen Hierarchie bestritten wurde. „Das letzte Wort hat der Parteisekretär“, sagt sie.

Pham Thi Hoai, die als linientreue Stipendiatin in die DDR kam, entwickelte sich zur rebellischen Studentin. Langsam gelang ihr der Ausbruch aus der Indoktrination, sie begann eine Beziehung zu einem ostdeutschen Studenten. Gleichzeitig wurde der Alltag von den Kommilitonen überwacht. Irgendwann verließ sie das Wohnheim und besetzte eine Wohnung im Prenzlauer Berg. Sie hatte weiterhin Top-Noten, anders als manch anderer.

Pham Thi Hoai erzählt:

[Die hier gezeigten Videos stammen aus der Webdokumentation "Bruderland".]

Über allen Stipendiatinnen und Stipendiaten hing das Damoklesschwert, unter den mindestens geforderten Notenschnitt von 2,2 zu fallen. Wer das tat, musste zurück in die alte Heimat – „das war die größte Schande, die man erleben kann“, sagt sie.

Sicher sein konnte niemand, dass der Aufenthalt in der DDR lange dauern würde. Je nach Ursprungsland konnten Gründe wie längere Krankheit, Schwangerschaft oder ein Verstoß gegen die „sozialistische Arbeitsdisziplin“ die Rückkehr bedeuten. 

Arbeitskräfte mussten einen Teil ihres Lohnes abtreten

Arbeitskräfte mussten einen Teil ihres Lohns abtreten, der in ihre Heimatländer geschickt wurde. Besonders Menschen aus Mosambik waren hier im Nachteil. Das Geld wurde nicht, wie versprochen, in Mosambik für ihre Rückkehr angelegt, sondern dazu genutzt, Schulden Mosambiks bei der DDR abzuzahlen. 

Im letzten Teil zeigt die Doku die Lage der Migrantinnen und Migranten nach dem Mauerfall, als Massenentlassungen im Raum standen und die Situation eskalierte.

In Hoyerswerda griffen im September 1991 Neonazis und Bürger eine Woche lang die Wohnheime von Vertragsarbeitskräften und ein Wohnheim für Geflüchtete an. Stadt und Land bekamen die Situation nicht unter Kontrolle – die meisten Mosambikaner wurden daher zurück nach Mosambik geschickt.

Fast alle leben heute wieder in Deutschland

Die in der Web-Doku Porträtierten leben heute fast alle wieder in Deutschland, auch wenn einige von ihnen zwischendurch in ihre Geburtsländer zurückgegangen waren. 

Doch es hat sie wieder hergezogen, so wie Nguyen Do Thinh. Am 24. August 1992 überlebte er die rassistischen Brandanschläge in Rostock Lichtenhagen. Er ließ sich nicht vertreiben. Noch heute lebt er in Rostock, wo er den Deutsch-Vietnamesischen Freundschaftsverein „Dien Hong“ gegründet hat. 

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