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Grabsteine auf einem jüdischen Friedhof sind mit Hakenkreuzsymbolen beschmiert. Foto: Bernd Wüstneck/picture alliance
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Emotionsforschung zum Antisemitismus Woher die Lust am Ressentiment kommt

Die Antisemitismusforschung wendet sich verstärkt den Emotionen der Judenfeinde zu. Prägend sind vor allem Neid, Angst, Ekel und fanatischer Hass.

Der Antisemitismus ist, wie Sartre erklärte, „Leidenschaft und Weltanschauung“ gleichzeitig. In seinem Werk „Überlegungen zur Judenfrage“ von 1944 untersuchte der Philosoph die starken Gefühle der Judenfeindschaft aus existenzialistischer Perspektive. Der Antisemit sei ein ängstlicher Mensch, der den Judenhass gleichsam „gewählt habe“ – ohne dass seine wahnhafte Wut von echten Juden „hervorgerufen“ würde.

Jenseits solcher theoretischen Entwürfe spielten Emotionen lange kaum eine Rolle: Weder in der historischen Antisemitismusforschung noch in den maßgeblichen Studien zur Shoah. Im Bann der „Banalität des Bösen“ konzentrierte sich die Holocaustforschung bis in die 1990er-Jahre mehr auf den in Hannah Arendts Sinne gedankenlos handelnden Schreibtischtäter als auf die fanatische Judenhasserin.

Dieser Trend schwächte sich erst mit den bahnbrechenden Studien von Christopher Browning und Daniel Goldhagen ab, die die Lust der Täter am eigenen Hass und die Leidenschaft des massenhaften Mordens offenbarten.

Problematische Rede vom "Vorurteil"

Und doch seien antisemitische Gefühle in der historisch und sozialwissenschaftlich ausgerichteten Vorurteilsforschung bis heute zu wenig untersucht worden, sagt die Leiterin des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA), Stefanie Schüler-Springorum. Um hieran etwas zu ändern, gibt die Historikerin nun zusammen mit dem Literaturwissenschaftler Jan Süselbeck den transdisziplinären Sammelband „Emotionen und Antisemitismus“ heraus.

Dabei klinge in der Rede vom „Vorurteil“ bereits das genannte Problem an. Wie mehrere Beiträge des Buches herausarbeiten, ist Antisemitismus eben nicht bloß ein oberflächliches Ensemble schlecht gefällter (Vor-)Urteile, denen man mit dem „zwanglosen Zwang des besseren Argumentes“ ohne weiteres beikommen könnte. In ihm mischen sich Gedanken und Gefühle und gerinnen zum hartnäckigen Ressentiment; verdichten sich zur affektiven Weltanschauung.

Das Cover des Buchs "Emotionen und Antisemitismus". Foto: Wallstein Verlag Vergrößern
Das Cover des Buchs "Emotionen und Antisemitismus". © Wallstein Verlag

[Stefanie Schüler-Springorum, Jan Süselbeck (Hg.): Emotionen und Antisemitismus. Geschichte – Literatur – Theorie. Wallstein-Verlag, Göttingen 2021. 250 Seiten, 28 €.]

Was aber sind die einschlägigen Emotionen des Antisemitismus? Gibt es – aller historischen Wandelbarkeit kollektiver Gefühle zum Trotz – doch überzeitliche Muster von Affekten, die die Judenfeindschaft immer schon begleiten? Durchaus, sagt Stefanie Schüler-Springorum. Zwar hätten in unterschiedlichen Epochen jeweils andere Gefühle dominiert. Dennoch sei das antijüdische Ressentiment von der Entstehung des Christentums bis in die Gegenwart vor allem durch Neid und fanatischen Hass, sowie durch Angst und Ekel geprägt.

„Im Mittelalter zum Beispiel hatte Judenfeindschaft viel mit Angst zu tun, Furcht vor dem Bösen, dem Teufel“, erklärt die Historikerin. Die fatalen Legenden von Ritualmord und Brunnenvergiftung speisten sich aus diesem Gefühlsregister. Um 1830 wiederum finde man den mit Ekel einhergehende Blick des Landadels oder des Bürgertums auf jüdische Hausierer, also jüdische Armut.

Sorge, von akkulturierten Juden "überholt" zu werden

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts habe die schwelende Sorge dominiert, von den akkulturierten, nicht mehr als solche erkennbaren Juden, „unterwandert“ oder kulturell und ökonomisch überholt zu werden. Je stärker Jüdinnen und Juden sich anpassten, umso beherzter lehnte man sie ab. „Zu Beginn des 20. Jahrhundert gab es dann eine bunte Mischung antijüdischer Emotionen“, sagt Stefanie Schüler-Springorum.

["Wie politische Bildung den Judenhass bändigen könnte" - lesen Sie auch diesen Artikel von Christoph David Piorkowski]

Der beharrlichste Affekt im Gefühlshaushalt des judenfeindlich-christlichen Abendlandes ist aber sicher der Neid. Wie unter anderem Sigmund Freud in „Der Mann Moses“ gezeigt hat, stellt die theologische Abhängigkeit des Christentums vom älteren Bruder, dem Judentum, eine kaum zu verwindende Geburtswunde dar.

An diesem Ursprung arbeite sich das Christentum seit nunmehr zwei Jahrtausenden ab, sagt Schüler-Springorum. „Das ist der Neid des Zu-Spät-Gekommenen“. Durch den Vorwurf des Gottesmordes koppelt sich der Neid mit Hass und fortlaufenden Rachegelüsten.

Ein Porträtbiild von Stefanie Schüler-Springorum. Foto: privat Vergrößern
Stefanie Schüler-Springorum ist Historikerin und seit 2011 Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. © privat

Dabei sei es bezeichnend, erklärt die Historikerin, dass der Islam aufgrund des größeren zeitlichen Abstandes über lange Phasen der Geschichte ein theologisch entspannteres Verhältnis zu seinen älteren Geschwisterreligionen kultiviert habe. Polemisch formuliert, ließe sich das Christentum in dieser Lesart also als das komplexbehaftete Sandwichkind unter den drei großen monotheistischen Glaubensrichtungen bezeichnen.

Die Emotionsmuster des christlichen Antijudaismus schleppten sich ferner im biologistischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts fort und wirkten auch in dessen politischer Spielart, dem zeitgenössischen Antizionismus. Was den Antisemitismus in all seinen Varianten von klassischen Rassismen oder Xenophobien unterscheide, sei die komplexere Struktur des Ressentiments, sagt Schüler-Springorum.

Als schwach und übermächtig zugleich definiert

So definieren Antisemiten ihre Hassobjekte als schwach und übermächtig zugleich, sie begreifen „die Juden“ als minderwertig und fühlen sich doch von ihnen heimgesucht. Die vermeintliche und im osteuropäischen Stetl-Juden personifizierte zivilisatorische Unterlegenheit verbindet sich mit der Wahnvorstellung vom klandestinen Puppenspieler, der aus dem Hintergrund die Fäden ziehe.

Hier ein verwahrloster Lumpenproletarier, dort ein mächtiger Finanzbaron, aber auch ein mordender Bolschewik – die antisemitische Weltanschauung zeichnet sich durch zahllose Widersprüche aus.

Der Antisemitismus ist dabei nicht bloß deshalb so hartnäckig, weil er über die Jahrhunderte hinweg tief ins kollektive Bewusstsein abendländischer Gesellschaften eingeschrieben wurde und der ihn ausmachende Verschwörungswahn eine handgerechte Metaerzählung bereithält, die dem Lauf der Geschichte seine Zufälle nimmt.

[Zahlen zu antisemitischer Kriminalität in Deutschland finden Sie hier im Bericht von Frank Jansen]

Die Renitenz hat noch einen weiteren Grund. Denn folgt man der eingangs erwähnten Sartre‘schen Formel, ist Antisemitismus eben nicht bloß eine Weltanschauung, sondern zugleich auch eine Leidenschaft. „Es besteht kein Zweifel, dass der Judenhass auf dem dringenden Wunsch nach starken, als befreiend empfundenen Emotionen beruht und dass er in Gemeinschaft genossen und geteilt werden will“, schreiben Stefanie Schüler-Springorum und Jan Süselbeck in ihrem aktuellen Werk.

Ein vermeintlich heiterer Kaffeehaus-Antisemitismus

So hat der Historiker Uffa Jensen, der im Buch mit einem Beitrag zu „Häme als Ressentimentverbindung“ vertreten ist, erforscht, wie christlich-deutsche Tischgesellschaften im frühen 19. Jahrhundert gemeinsam Jüdinnen und Juden verlachten. Dabei wirkte ein heiterer Kaffeehaus-Antisemitismus gleichsam als gesellschaftliches Bindemittel, das die Lachenden als Gruppe zusammenschweißen konnte.

[Mitglied der antisemitischen Berliner Tischgesellschaft war auch der Vater der Ingenieursausbildung Christian Peter Beuth; die nach ihm benannte Fachhochschule verabschiedet sich jetzt endgültig von seinem Namen]

Passanten gehen an einem Schaufenster mit eingeschlagenen Scheiben vorbei. Ein Schwarz-Weiß-Foto aus den 1930er Jahren. Foto: picture alliance/KEYSTONE Vergrößern
Zumindest hingenommen. Passanten vor einer zerstörten Fensterfront eines jüdischen Geschäfts in Berlin, aufgenommen am 11. November 1938. © picture alliance/KEYSTONE

Diese gemeinschaftsstiftende Funktion motiviert das antisemitische Ressentiment dabei bis in die Gegenwart, wie die Sozialwissenschaftlerin Juliana Ranc in ihrer Forschung zum „Sucht- und Lustcharakter interpersonaler Ressentiment-Kommunikation“ gezeigt hat. In mehreren Gruppeninterviews mit Proband:innen, die eine Art gesellschaftlichen Querschnitt bildeten, konnte Ranc nachweisen, dass die antisemitischen Diskutanten unter den „indifferenten Zuhörern“ um „Mithasser und Mitverächter“ werben.

Die gemeinschaftliche „Aufhebung von Hemmungen“ funktioniere als triebökonomische „Verlockungsprämie“, schreibt Ranc. In der gemeinschaftlichen Bestätigung seiner vorgefassten „Idee vom Juden“, beglaubigt der Antisemit dabei nicht nur seine bereits bestehende Aversion, „sondern gewährt sich zugleich den narzisstischen Genuss der kollektiven Selbstaufwertung“, die sich in der Abwertung „des Fremden“ vollzieht.

Die Mehrheit lässt sich zum Mithassen anstacheln

In ihrer großen qualitativen Studie zeigt Ranc dabei auch, wie sich die Mehrheit der gleichgültigen und ambivalenten Individuen zum Mithassen und Mitneiden anstacheln und sich nach und nach in eine „feindselige Deutungs- und Erregungsgemeinschaft“ hinüberziehen lassen. Das Ressentiment ist also ansteckend, greift wie ein Virus auf andere über.

Mit Blick auf diese Erkenntnisse sei es durchaus problematisch, dass die sozialwissenschaftliche Antisemitismusforschung nach wie vor durch die klassische Umfrageforschung mit ihren mehr oder weniger festgelegten „Items“ dominiert werde, sagt Stefanie Schüler-Springorum. „Wir müssen uns stärker den Emotionen zuwenden und zum Beispiel herausfinden, in welchen Situationen antisemitische Gefühle besonders hochkochen.“

[Lesen Sie auch auch ein aktuelles Interview zur Israelkritik und zum Antisemitismus mit Wolfgang Benz - ein Tagesspiegel Plus-Text]

Mit aufklärerischen Mitteln könne man der affektiven Weltanschauung Antisemitismus leider nur unzureichend Einhalt gebieten. Dennoch müsse die Politische Bildung alle Register ziehen, um das Ressentiment am Wachsen zu hindern. Was ebenfalls helfen kann, ergibt sich indes unmittelbar aus den Interviewstudien von Ranc.

Immer dann, wenn die Ressentiment-Lust nicht unmittelbar befriedigt wurde, verebbte sie wenigstens vorübergehend. Was hoffnungsvoll stimmt: Wenn man dem nach Beifall und Zustimmung heischenden Gerede von Antisemit:innen entschieden entgegen tritt, kann man ihnen die Freude am Hassen vergällen.

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