Hilfestellung im Alltag Foto: dpa/Jens Kalaene
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Demenz-Tests Das Geschäft mit der Angst vor Alzheimer

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Nur wenn wirklich ein Verdacht auf eine Demenz besteht, sind Tests der Hirnleistung sinnvoll. Furcht ist auch bei Alzheimer ein schlechter Ratgeber.

Ist es schon ein erstes Anzeichen für einen krankhaften geistigen Abbau, wenn ein älterer Mensch einen wichtigen Termin verschwitzt, Geschichten mehrfach erzählt oder sich an den Namen dieses bestimmten Filmschauspielers, den er doch immer so mochte, partout nicht erinnern kann?

Der Angst vor einer Demenz mit einem Test begegnen?

Wir können kaum anders, als uns diese Frage zu stellen, werden wir doch ständig mit schockierenden Zahlen konfrontiert: In Deutschland leben rund eine Million Menschen mit einer Demenz, pro Jahr erkranken etwa 200.000 Mitbürger neu. Die meisten von ihnen an der Alzheimer-Krankheit, gefolgt von der vaskulären, durch verengte Gefäße verursachten Form des schleichenden Verlusts von Gedächtnisleistung und Urteilskraft. Im Alter zwischen 65 und 69 Jahren ist zwar „nur“ einer von 50 Menschen betroffen, bei den über 90-Jährigen aber einer von dreien. Kein Wunder, wenn Menschen im etwas fortgeschrittenen Alter (und ihre Angehörigen) Angst bekommen und sich die Frage stellen, ob sie sich nicht testen lassen sollten. Notfalls auf eigene Kosten.

Sofern keine wirklichen Verdachtsmomente vorliegen, die eine Demenz befürchten lassen, ist von solchen „Hirnleistungstests“, die in der Regel bis zu 21 Euro kosten, abzuraten. So urteilt der „IGel-Monitor“, der im Auftrag des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen Nutzen und Schaden von teils teuren, selbst zu zahlenden „Individuellen Gesundheitsleistungen“ (IGel) prüft.

"Tendenziell negativ"

Die vom Monitor beauftragten Wissenschaftler fanden zwar keine Studien, die sich direkt mit dem Nutzen oder Schaden von Gedächtnistests für Gesunde beschäftigt hätten. Doch gebe es gute Gründe, sich davon keinen Gewinn zu versprechen, so führen sie auf der Internetseite www.igel-monitor.de aus. Sie bewerten den Einsatz der Tests bei Gesunden deshalb als „tendenziell negativ“.

Klar ist: Menschen, bei denen keine Verdachtsmomente für eine leichte kognitive Beeinträchtigung („Mild Cognitive Impairment“, MCI) und eine beginnende Demenz vorliegen, müssen die Tests in der Regel aus dem eigenen Portemonnaie bezahlen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten nur im Rahmen von geriatrischen Untersuchungen, die allen über 80-Jährigen zustehen, oder bei über 70-Jährigen, die unter Symptomen wie häufigen Schwindel-Attacken oder Inkontinenz leiden.

Die Leitlinie Demenzen, auf die sich Fachleute unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde 2016 geeinigt haben, gibt den Kassen Schützenhilfe. Dort heißt es: „Die Anwendung kognitiver Tests, auch kognitiver Kurztests, oder apparativer diagnostischer Verfahren bei Personen ohne Beschwerden und Symptome einzig mit dem Ziel des Screenings für das Vorliegen einer Demenz oder einer Erkrankung, die einer Demenz zugrunde liegen kann, wird nicht empfohlen.“ Bei Hinweisen auf Vorliegen von Gedächtnisstörungen sollten diese allerdings näher untersucht werden.

Memometer. Ist es nur Vergesslichkeit oder sind es schon die ersten Anzeichen für eine Demenzerkrankung? Foto: Alamy Stock Photo
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Uhrentest und Mini-Mental-Status-Test

Zu den Kurztests, die Merkfähigkeit, Denken und sprachlichen Ausdruck überprüfen, gehören zum Beispiel der „Uhrentest“ und der „Mini-Mental-Status-Test“. Darüber hinaus sind etwa Untersuchungen mittels PET (Positronen-Emissions-Tomografie) zum Erkennen bestimmter für Alzheimer charakteristischer Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn, Aufnahmen des Gehirns mit Magnetresonanztomografie (MRT) oder Computertomografie (CT), Gentests oder die neurochemische Analyse von Gehirnflüssigkeit (Liquor) möglich.

Allerdings gebe es keine klare Richtschnur, wann wirklich eine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) vorliegt, so betonen die Autoren der Leitlinie. Aus Angst sind viele ältere Menschen, ihre Partner und Kinder womöglich übervorsichtig und überkritisch. Doch Studien zeigen, dass es nichts bringt, die Behandlung vorzuverlagern und schon vorbeugend Tabletten zu nehmen.

Frühe Therapie hilft nicht, frühes Testen also auch nicht

Mittel aus der Gruppe der Acetylcholinesterase-Hemmer und der Wirkstoff Memantin werden nur für Erkrankte empfohlen. Und selbst bei ihnen können damit allenfalls leichte Verzögerungen des Verlaufs erreicht werden. Trotz intensiver Forschung sind die Erfolge bei der Entwicklung von Medikamenten bislang bescheiden. In der Praxis bleiben deshalb nur Hilfen zur kognitiven Stimulation und der Rat, körperlich aktiv zu bleiben. Ein abwechslungsreiches, bewegtes Leben ist aber ohnehin gesund – eine Demenz-Diagnose mit Hilfe eines teuren Tests braucht dafür niemand.

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Die IGeL-Beobachter geben zudem zu bedenken, dass selbst ein perfekter Check der Hirnleistung auch schaden kann, wenn er verfrüht geschieht: Nur einer von zwei Menschen, bei denen sich bei dieser Gelegenheit eine leichte kognitive Beeinträchtigung zeigt, entwickelt nämlich später eine Demenz, die zu deutlichen Einschränkungen im Alltag führt. „Das bedeutet auch, dass einer von zwei Menschen unnötig beunruhigt und eventuell auch unnötig behandelt wird.“ Angst ist ein schlechter Ratgeber – diese Lebensweisheit bestätigt sich auch bei Alzheimer.

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