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Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA). Foto: picture alliance / National Museum of Health and Medicine
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Coronavirus und Spanische Grippe im Vergleich Die Mutter der modernen Pandemien

In den Debatten um das Corona-Virus wird häufig auf die Spanische Grippe verwiesen. Wo sich die Seuchen vergleichen lassen – und wo nicht.

Die aktuelle Coronavirus-Pandemie bildet ein für die gegenwärtigen Gesellschaften bis dato unbekanntes Szenario. Ein Virus, das sich in dieser Geschwindigkeit und Radikalität über alle territorialen und politischen Grenzen hinwegsetzt und die Welt geschlossen in Atem hält, übersteigt unseren heutigen Erfahrungshorizont.

Ob das SARS-Virus von 2003 oder das Schweinegrippe-Virus von 2009 – im globalen Maßstab betrachtet haben die bisherigen Pandemien des 21. Jahrhunderts keine vergleichbaren Reaktionen befördert. Weder epidemisch noch im Diskurs sind sie ähnlich viral gegangen.

Die Verbreitung der Seuche steht noch am Anfang – schon jetzt aber hat sie ein kollektives Trauma ausgelöst, das sich im Gedächtnis der Weltgesellschaft nachhaltig festsetzen wird.

Ein für die Gegenwart vermeintlich präzedenzloses Geschehen schärft unseren Blick für die Vergangenheit. Wie sind frühere Gesellschaften mit ähnlichen Ereignissen verfahren? Und lässt sich aus ihrem Umgang damit für unsere Zeit etwas lernen?

Sowohl die „Asiatische Grippe“ von 1957 als auch die „Hong-Kong-Grippe“ von 1968 hatten pandemische Ausmaße und forderten jeweils bis zu zwei Millionen Tote. Obwohl noch etliche Zeitzeugen dieser beiden Pandemien am Leben sind, ist das große Referenz-Ereignis, auf das die Debatte gerade ständig fokussiert, die Spanische Grippe von 1918/19, die am Ende des Ersten Weltkrieges mehr Menschen umbrachte als die Kampfhandlungen.

Ihr Wikipedia-Artikel verzeichnet exorbitante Klickzahlen, diverse Medien ziehen mehr oder weniger seriöse Parallelen zwischen Spanischer Grippe und Corona-Virus. Was ist damals geschehen? Und lassen sich die beiden Pandemien vergleichen?

Die durch einen enorm virulenten Subtypen des klassischen Influenza-Virus ausgelöste Spanische Grippe überrollte den gesamten Globus zwischen 1918 und 1919 in drei Wellen und forderte den meisten Schätzungen zufolge zwischen 25 und 50 Millionen Menschenleben.

In Samoa starb jeder Fünfte 

Manche Historiker gehen sogar von mehr als 100 Millionen Toten aus – besonders für die hart betroffenen Teile Afrikas, Asiens und Ozeaniens gibt es kaum valide Statistiken. Die Letalitätsrate lag je nach Versorgungssituation zwischen 0,7 und 6 Prozent, im polynesischen Samoa starb wegen des Fehlens jedweder Grippe-Immunität gar ein Fünftel der Bevölkerung.

Im Vergleich zur saisonalen Influenza ungleich heftigere Folge-Epidemien beutelten die Welt noch Jahre danach, zudem litten viele Überlebende an neurologischen Spätfolgen.

Das Virus nahm seinen Ursprung in Kansas

In der Forschung dominiert die These, dass das Virus im Mittleren Westen der USA, namentlich in Kansas, seinen Ursprung nahm. Von Schweinen oder Geflügel aus sprang es auf einen amerikanischen Rekruten über, der die heute als Influenza-A-Virus H1N1 bezeichnete Seuche als Patient Null in ein Ausbildungslager der US-Armee schleppte.

Von dort aus gelangte es über Truppentransporte nach Frankreich und in den Rest der Welt. An der Westfront infizierten sich deutsche Soldaten, über die das Virus nach Deutschland gelangte.

Der Name Spanische Grippe rührt daher, dass die iberische Presse als erste von der Krankheit berichtete. Als neutrales Land unterlag Spanien in einem geringeren Maße der Zensur als die kriegsteilnehmenden Länder, die jede Information über ein Grassieren der Seuche unter den Soldaten unterdrücken wollten.

Hintergrund über das Coronavirus:

Gleichwohl gab etwa die Oberste Heeresleitung des Deutschen Kaiserreichs dem Grippe-Virus eine gewichtige Mitschuld für die schwindende Moral der Truppe und das drohende Scheitern des Krieges.

Laut dem Londoner Neuzeithistoriker und Spanische-Grippe-Experten Eckard Michels lässt sich eine direkte Kausalität zwischen Krankheit und Kriegsniederlage nicht belegen. Wohl aber habe die Grippe den sich ohnehin vollziehenden Auflösungsprozess der deutschen Armee beschleunigt.

Schon 1914 war die Welt globalisiert

Was ebenfalls nicht zu belegen sei, ist die oft bemühte These, dass sich die Grippe nur aufgrund der Kriegssituation verbreiten konnte. Im Gegenteil: vor 1914 war die Welt über internationale Waren- und Migrationsströme bereits extrem globalisiert – so wäre das Virus mit Sicherheit auch ohne Truppenbewegungen in Umlauf geraten.

Die erste Welle der Spanischen Grippe infizierte große Teile der Weltbevölkerung, nahm sich im Vergleich zur zweiten Welle, in der das Virus nochmals mutiert war, aber tendenziell harmlos aus. „In der deutschen Öffentlichkeit war das kein großer Aufreger“, sagt Michels. Die Gesellschaft habe sich eher mit der Niederlage und den direkten Kriegsfolgen als mit einer Grippeepidemie beschäftigt, die man weitgehend als naturgegeben hinnahm.

Schlimmer wurde es im Herbst 1918: Jetzt infizierte das Virus – dessen Genom Ende der 1990er-Jahre nach der Exhumierung von Toten aus dem alaskischen Permafrostboden sequenziert werden konnte – wegen einer nunmehr partiellen Immunität in Teilen der Bevölkerung zwar deutlich weniger Menschen, brachte aber oft binnen zwei Tagen den Tod.

Es starben viele Menschen zwischen 15 und 40

Die Betroffenen litten unter hohem Fieber, bellendem Husten, sowie heftigen Kopf- und Gliederschmerzen. Die Haut der Erkrankten färbte sich aufgrund von Sauerstoffmangel dunkelblau, manche bluteten aus Nase und Ohren.

Ein Charakteristikum der Spanischen Grippe, die sie von allen bekannten Epidemien – so auch vom Coronavirus – unterscheidet, ist der Umstand, dass sie insbesondere Personen mit gesunden Immunsystemen im widerstandsfähigen Alter zwischen 15 und 40 Jahren dahinraffte.

Dies wird in der Forschung oft auf eine als „Zykotin-Sturm“ bezeichnete Überreaktion des Immunsystems zurückgeführt. Die potenten Immunsysteme der jüngeren Alterskohorten hätten beim Versuch, das eindringende Virus zu neutralisieren auch gesunde Körperzellen attackiert – deren Abfallmaterial habe die Lungenarterien verstopft, woran die Patienten dann erstickt seien, schreibt etwa der Medizinhistoriker John M. Barry in seinem Werk „The Great Influenza“ von 2004.

Das Influenza-Virus wurde erst 1933 entdeckt

Zudem waren bakterielle Lungenentzündungen eine häufige Begleiterscheinung der Krankheit, die seinerzeit oftmals zum Tod führten. So gab es noch keine Antibiotika, die die trittbrettfahrenden Bakterien hätten unschädlich machen können. 

Das Influenza-Virus selbst wurde erst 1933 entdeckt, so dass man von wirksamen Impfstoffen nicht einmal hätte träumen können. Auch Therapeutika wie invasive Beatmung standen den Ärzten nicht zur Verfügung.

Fragen und Antworten zum Coronavirus

„Bei der Herbstwelle regte sich dann auch in Deutschland Unmut in der Bevölkerung, die Presse berichtete nun mehr als im Frühjahr“, sagt Michels. In der Öffentlichkeit wurde eine Verbindung zwischen der durch die Kriegssituation bedingten schlechten Versorgungslage und der Heftigkeit der Grippe hergestellt. Der Historiker erklärt, dass sich ein solcher Zusammenhang jedoch keineswegs belegen lässt.

Im Gegenteil – wenn die Hypothese vom Zykotin-Sturm zutrifft, waren gerade die besser versorgten Bürger der Siegermächte ob ihrer schlagkräftigen Immunsysteme besonders gefährdet. So verlor die US-Army insgesamt mehr Soldaten an die Spanische Grippe als im Kontakt mit dem Kriegsgegner.

Es kursierten auch damals Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien, die die Krankheit zum Teufelswerk deutscher Agenten oder zu Folgeschäden von Giftgaseinsätzen erklärten, waren in den USA an der Tagesordnung – ebenso in Frankreich und Südafrika.

Wie aber reagierte die Politik auf die Seuche? Wie gestalteten sich die derzeit vielbeschworenen nichtpharmazeutischen Interventionen? Von koordinierten Schritten kann in den meisten Ländern keine Rede sein.

Ein Beispiel ist die Diskrepanz der seuchenpolizeilichen Maßnahmen in den amerikanischen Städten St. Louis und Philadelphia.

Während die Behörden in St. Louis umfassend reagieren und das öffentliche Leben weitgehend zurückfahren – ähnlich wie heute werden Schulen, Kinos, Bibliotheken und Kirchen kurzerhand geschlossen – gibt man sich in Philadelphia gelassen. Am 28. September 1918 findet eine große Parade mit 200.000 Besuchern statt. Nach einer Woche sind 45.000 Bürger infiziert, schon bald gibt es 12.000 Tote.

Was St. Louis richtig machte

St. Louis hingegen setzt um, was bei uns vor ein paar Tagen zum kategorischen Imperativ gesundheitsbewusster Gesellschaften avanciert ist: handele so, dass sich die Seuchenkurve abflacht. Da das Gesundheitssystem hier, anders als in Philadelphia, nicht ruckartig kollabiert, sterben deutlich weniger Menschen.

Jedoch gebe es auch andere Regionen, in denen umfassende Maßnahmen weniger gebracht hätten, sagt Eckard Michels. „Dies hatte aber auch damit zu tun, dass über die Verbreitungsweisen solcher Viren viel weniger bekannt war als heute“. 

So habe es in der Schweiz, in der es ebenfalls zu einem vergleichsweise radikalen Shutdown der Öffentlichkeit kam, prozentual genauso viele Krankheits- und Todesfälle gegeben wie in Deutschland, das seuchenpolitisch viel weniger agierte.

Der Föderalismus im Deutschen Reich war noch ausgeprägter

„Die Reichs- und Landesbehörden gaben keine verbindlichen Antworten, wie auf die Seuche zu reagieren sei, sondern überließen die Entscheidungen vollständig den Lokalverwaltungen“, erklärt der Historiker. Der Föderalismus war im Deutschen Kaiserreich noch deutlich ausgeprägter als heute.

Dresden etwa habe auf die zweite Welle sofort mit der Schließung von Schulen, Theatern, Kinos und dem Aussetzen von Gerichtsverhandlungen reagiert. In Leipzig aber seien solche Schließungen erst nach heftiger Kritik aus der Bevölkerung erfolgt – die Leipziger Messe fand seinerzeit noch statt.

„Flächendeckende Schulschließungen wie heute waren aber ohnehin kein Thema“, sagt Michels. So sei die Schulspeisung für viele Kinder die einzige Möglichkeit gewesen, an Nahrung zu gelangen, zudem hätten gerade in der Arbeiterklasse beide Eltern malochen müssen. Die Möglichkeit zum Homeoffice war für Fabrikarbeiter nicht gegeben. Für Hamsterkäufe, wie man sie dieser Tage beobachten kann, fehlte es nicht nur an Geld, sondern auch schlichtweg an Lebensmitteln.

Die Regierungen sahen die Spanische Grippe nicht als vordringlich an

„Alles in allem aber sah man die Spanische Grippe weder in Berlin, noch in London oder Washington als vordringliche Aufgabe an“, sagt Michels. Viele Gesellschaften hatten mit Krankheiten wie Fleckfieber und Tuberkulose zu kämpfen, da wurde die Spanische Grippe trotz ihrer hohen Letalitätsrate nicht für besonders wichtig erachtet – zumal es auch keine ausgeprägte Erwartungshaltung an den Staat gab, als gesundheitspolitischer Akteur in Erscheinung zu treten.

Eine kollektive Erfahrung, wie man sie dieser Tage erlebt, hat es seinerzeit nicht gegeben. Ebenso wenig wie eine transnationale Debatte, die in der vom Krieg zerklüfteten Welt sowieso nicht hätte stattfinden können.

Durch die Häufigkeit von Seuchenkrankheiten und den Ersten Weltkrieg war das Sterben ein normaler Bestandteil der zeitgenössischen Erfahrungswelt. So war die Spanische Grippe nach den Worten des Medizinhistorikers Alfons Labisch zwar „ein echter Killer, aber keine skandalisierte Krankheit“.

Die heutige Aufregung ist auch Ausdruck eines Privilegs

Vielleicht ist es daher kein Wunder, dass es kaum Orte der Erinnerung gibt. Dabei wird sie in den USA, wo die Spanische Grippe das größte demographische Desaster des letzten Jahrhunderts darstellt, aber stärker rezipiert als in Europa, dessen Erinnerungsressourcen mit den Weltkriegskatastrophen und insbesondere mit dem Holocaust relativ stark ausgeschöpft sind.

So schlimm die derzeitige Corona-Krise auch ist: Eckard Michels zufolge ist die große mediale, politische und gesellschaftliche Aufregung auch Ausdruck eines historischen Privilegs. „Die jetzige Situation führt uns vor Augen, dass wir zumindest in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg von echten Katastrophen verschont geblieben sind.“   

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