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Margaret Keenan bei ihrem ersten Impftermin. Foto: dpa / Jacob King
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Corona-Todesfälle statistisch ausgewertet Warum es richtig ist, dass die Ältesten zuerst geimpft werden

Manche Experten und Politiker wollen Jüngere in der Impfreihenfolge vorziehen. Forscher zeigen nun, dass das keine gute Idee wäre.

Margaret Keenan hat mehr Geburtstage erlebt als die meisten unter uns. Trotzdem bekam sie kurz vor ihrem 91. ein außergewöhnliches Geschenk. Die Großmutter war die erste in der großen britischen Impfkampagne mit dem Biontech-Pfizer-Präparat geimpfte Person. Mit 91 Jahren hat Keenan bereits die mittlere Lebenserwartung überschritten. Dennoch stand sie als Hochbetagte ganz vorne in der Impfreihenfolge.

Genauso ist es auch angemessen, wie Wissenschaftler aus Berkeley jetzt berechnet haben. Dass sich die meisten Todesfälle verhindern lassen, wenn die Ältesten zuerst immunisiert werden, leuchtet ein. Das Risiko an Covid-19 zu sterben nimmt mit dem Lebensalter massiv zu.

Dennoch heißt es bisweilen, dass die Ältesten ohnehin bald sterben würden. So sagte etwa der grüne Politiker Boris Palmer zu Beginn der Pandemie. „Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“.

Es gibt eine statistische Größe dafür, wie viele Lebensjahre Krankheiten oder andere Gefahren kosten: die sogenannten „years of life lost“ (YLL), verlorene Lebensjahre. Die Forscher aus den USA haben nun berechnet, dass es sinnvoll ist, die Ältesten zuerst zu impfen, und zwar auch dann, wenn das Ziel lautet, die meisten Lebensjahre zu retten.

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Joshua Goldstein, Thomas Cassidy und Kenneth Wachter haben dafür statistische Daten aus Deutschland, den USA und Südkorea ausgewertet. Und in allen drei Populationen gilt: Je älter die ersten Impflinge sind, desto mehr potenzielle Lebensjahre werden insgesamt gerettet.

So werden die verlorenen Jahre berechnet

Die YLL beruhen auf einer einfachen Annahme: Wie alt könnten Menschen noch werden, wenn sie nicht an Krankheit oder durch Unfälle sterben? Die Differenz zum Sterbealter ergibt die verlorenen Jahre. Die YLL eines jungen Menschen sind also besonders hoch. Sie ergeben sich daraus, wie alt Menschen eines bestimmten Alters in der Population sonst werden könnten.

Zuletzt ermittelte das RKI, dass im Jahr 2017 etwa 11,6 Millionen Lebensjahre aufgrund von Krankheiten verlorengingen. Allein Krebs hat die Deutschen 4 Millionen dieser theoretisch möglichen Lebensjahre gekostet. Nur 14,7 Prozent aller Todesfälle entfielen auf Menschen unter 65. Aber weil die Jüngeren damit auch mehr potenzielle Lebenszeit verlieren, machen diese verlorenen Jahre mehr als 38 Prozent aller YLL aus.

Teilweise nahmen Kritiker deshalb an, dass es sinnvoller sei, etwas jüngere Menschen zuerst zu impfen. Ein moralisches Dilemma: Lieber mehr Todesfälle verhindern oder mehr potenzielle Lebensjahre retten? So fürchtete etwa die WHO, dass eine Impfreihenfolge aufgrund der YLL gegenüber den Alten respektlos erscheinen könne. Umso überraschender das Ergebnis aus Berkeley: Auch unter Einbeziehung der YLL sollten die Ältesten zuerst Termine bekommen. Das Dilemma entfällt.

Daten aus 81 Ländern

Forscher*innen, unter anderem vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock, haben eine noch breitere Basis an Daten untersucht: 1,2 Millionen Todesfälle aus 81 Ländern. 20,6 Millionen Lebensjahre hätten diese Menschen im Vergleich zur durchschnittlichen Lebenserwartung verloren.

Eine zentrale Erkenntnis scheint dabei auf den ersten Blick mit der aus Berkeley im Widerspruch zu stehen: „Rund 45 Prozent der Lebensjahre haben Menschen im Alter zwischen 55 und 75 Jahren verloren.“ Auf die über 75-Jährigen entfallen nur etwa 25 Prozent der verlorenen potenziellen Lebensjahre.

„Menschen in der Mitte ihres Lebens und im frühen Rentenalter tragen im weltweiten Vergleich den größten Anteil an den insgesamt verlorenen Lebensjahren“, sagt Mikko Myrskylä, Direktor des Max-Planck-Instituts.

Wie passen die Ergebnisse zusammen?

Die Rostocker Studie schaut nicht nur auf drei reiche Länder, sondern auch auf die ärmsten Staaten der Welt. Dabei fällt auf, dass die verlorenen Lebensjahre dort viel stärker auf die Jüngeren entfallen. In Nepal, Kenia oder Togo sind es weit über 60 Prozent der YLL, die unter 55-Jährige rechnerisch verlieren. Bei den Menschen über 75 sind es hingegen jeweils weniger als zehn Prozent. Umgekehrt sieht es in reichen Staaten wie Deutschland, Dänemark oder der Schweiz aus. Hier haben die über 75-Jährigen jeweils einen über 50-prozentigen Anteil an allen im Zusammenhang mit Covid-19 verlorenen Lebensjahren.

Äthiopien fällt aus dem Muster – das liegt aber daran, dass von dort keine Daten zur Gruppe unter 55 vorlagen. Die Tendenz aber ist stabil: Höheres Wohlstandsniveau hängt mit mehr verlorenen Lebensjahren unter den älteren Einwohner*innen zusammen.

Nicht überall werden viele Menschen überhaupt 75

Dabei ist zu beachten, dass es in den reichen Staaten eine viel höhere Lebenserwartung gibt. In Deutschland liegt sie bei Geburt für Mädchen bei 83,4 Jahren in Togo bei 61,6 Jahren. Dort gibt es also viel weniger Menschen, die überhaupt in die Gruppe der über-75-Jährigen fallen. Während in den Staaten des reichen globalen Nordens sehr viele Menschen im hohen Alter an sogenannten Zivilisationskrankheiten sterben – Herzinfarkten oder Krebs etwa – zählen ansteckende Krankheiten oder Mangelernährung im globalen Süden bis heute zu den größten Risiken.

Joshua Goldstein aus Berkeley sagte dem Tagesspiegel, dass seine Ergebnisse prinzipiell auf alle Länder zutreffen dürften. „Ein Extrembeispiel: Wenn Sie 1000 junge Menschen und 10 alte Menschen betrachten und die Todesrate bei den Jungen 1 Prozent gegenüber 10 Prozent bei den Alten ist, dann gehen in der jungen Gruppe viel mehr Lebensjahre verloren, weil zehn junge und ein alter Mensch sterben.“

Elisabeth Steubesand, mit 105 Jahren die älteste Kölnerin, war die erste Patientin, die in der Stadt ihre Impfung erhielt. Foto: imago / C. Hardt / FutureImages Vergrößern
Elisabeth Steubesand, mit 105 Jahren die älteste Kölnerin, war die erste Patientin, die in der Stadt ihre Impfung erhielt. © imago / C. Hardt / FutureImages

Trotzdem sagt Goldstein: Es ist auch hier viel sinnvoller, die Älteren zuerst zu impfen. Die Impfung dieser Gruppe wäre wegen der geringeren Gruppengröße viel schneller abgeschlossen. Mikko Myrskylä vom MPI in Rostock arbeitet derzeit noch an einer Auswertung zur Impf-Frage.

Für beide Studien gilt wie bei allen Corona-Daten: Die Erhebung ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. So wird in Togo immerhin häufiger getestet als in vielen anderen Ländern der Region: Etwa 0,15 Tests pro Tausend Menschen am Tag. Hierzulande sind es jedoch mehr als zehnmal so viele. In Österreich sogar 171-mal so viele. Das deutet darauf hin, dass es in den ärmeren Staaten viel mehr Todesfälle geben könnte, die unerkannt mit Covid-19 zusammenhängen.

Impfpionierin Margaret Keenan übrigens war nach dem großen Medieninteresse von einem merkwürdigen Gerücht verfolgt: Angeblich sei sie schon 2008 verstorben. Das ist falsch. Eine Todesanzeige aus dem Jahr würdigt eine andere Engländerin gleichen Namens. Keenan erhielt Ende 2020 auch ihre zweite Impfdosis. Pressefotos zeigen sie hinter einer OP-Maske breit lächelnd.

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