Straßenszene auf dem Campus der britischen Universität Cambridge. Foto: imago/robertharding
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Cambridge und LMU München Kooperieren gegen den Brexit

Nach OX/BER, der Kooperation zwischen Oxford und Berlins Unis, kommt CAM-LMU: Cambridge und München schmieden eine Allianz. Gestartet wird mit 42 Projekten.

Viele halten Cambridge für die beste Universität der Welt. Cambridge würde mit englischem Understatement auf solchen Hype reagieren. Umso schmeichelhafter ist für Münchens mehr als 500 Jahre alte Ludwig-Maximilians-Universität die „strategische Partnerschaft“ mit der knapp 300 Jahre älteren Cambridge-Universität. Zwar ähneln Verbindungen zwischen akademischen Institutionen oft Städtepartnerschaften und produzieren kaum Schlagzeilen.

Doch wenn sich zwei herausragende Unis in Zeiten des Brexits zusammentun, ist das anders. Die Partnerschaft war schon länger in Vorbereitung. Bereits 42 kooperative Projekte sind von einem achtköpfigen Gremium aus München und Cambridge für 2019 ausgewählt worden. Alle Fakultäten sind vertreten – von den Assyrern über Künstliche Intelligenz bis zur Astrophysik. Die nächste Ausschreibung wird Anfang 2020 stattfinden.

Zusammen bringen sie es auf 150 Nobelpreisträger

Was ist das Besondere an diesem Deal? Getragen wird er von der Einsicht, dass „keine einzelne Institution allein Antworten auf die großen Herausforderungen in diesen turbulenten Zeiten leisten kann“, sagt Stephen Toope, der Vice Chancellor von Cambridge. Die beiden Unis würden auch deswegen gut zusammenpassen, weil sie es gemeinsam auf 150 Nobelpreisträger bringen.

Für die Briten bedeutet der Deal „eine intensive Kooperation mit einem europäischen Partner“, sagt Germanistik-Professor Chris Young, der englische Direktor der Partnerschaft. Die EU mag perdu sein, aber umso wichtiger ist es für Cambridge, einen Fuß im europäischen Forschungsgeschehen zu behalten. Britische Unis befürchten, nach dem Brexit aus den europäischen Wissenschaftsprogrammen Erasmus und Horizon zu fliegen, nicht mehr von den millionenschweren Stipendien des European Research Council profitieren zu können.

Freilich gewinnen nicht nur die Briten. Mit der Verankerung der deutschen Forscher in Teams mit ihren englischen Kollegen gewinnt die LMU weltweiten Status, taucht doch Cambridge regelmäßig in der Spitze der internationalen Rankings auf. Die Engländer bleiben für das Benchmarking wichtig. „Es wäre kurzsichtig, wenn wir sagen, wir bekommen mehr Geld von der EU, wenn die Briten draußen sind. Uns geht der Wettbewerbseffekt verloren. Das wäre wie die Bundesliga ohne den FC Bayern“, erklärt Thomas Ackermann, der deutsche Direktor der Partnerschaft.

"Keiner der Brexit-Verfechter kommt aus Cambridge"

Dennoch bleibt der Brexit ein Problem. „Wir müssen mit den Ungewissheiten des Brexits leben“, sagt Ackermann, selber Cambridge-Absolvent. Die Partnerschaft sei „ein Wagnis, nichts ist vorbestimmt“. Es sei aber tröstlich, dass „keiner der Brexit-Verfechter aus Cambridge kommt“.

Die Diagnose ist nicht falsch. Die Männer, die Brexit mit angezettelt haben, sind in ihrer Mehrzahl Oxford-Zöglinge. Doch auch Oxford hat schon eine deutsch-britische Partnerschaft aufgelegt – mit der Allianz der Berliner Universitäten und der Charité – Projektname OX/BER. Oxford geht es um Austausch von Forschern, ausgewählt sind bereits 29 partnerschaftliche Projekte, die mit 450.000 Euro ausgestattet sind. Die Partnerinnen sind mit Hilfe des Senats auf der Suche nach einem eigenen Campus für Seminare, Forschungsaufenthalte und Vorlesungen, die Wahl könnte auf Gebäude in der Invalidenstraße fallen. In Oxford sucht man nach einer Immobilie für ein Berliner Haus.

Das Land Berlin gibt Geld dazu, Bayern nicht

Bayern wird keine Gebäude bereitstellen. Der Flächenstaat, der sein Geld nicht in Immobilien versenkt, begleitet die neue strategische Partnerschaft aber wohlwollend und erhofft sich akademische Strahlkraft. Die LMU und Cambridge geben insgesamt je eine Million Euro für fünf Jahre. 500 000 Euro sind für die ersten 42 Projekte ausgegeben worden. „CAM- LMU“ will zunächst etwas sichtbar machen und bald Feedback sammeln. Die Kooperation in Lehre und Forschung ist das Ziel, auch dass Britannien in der Wissenschaft Vertragspartner der EU bleibt über den Brexit hinaus. „CAM-LMU ist allerdings kein Ersatz-Erasmus“, betont Thomas Ackermann. Zwar sollen auch Bachelor-Studierende vom Austausch profitieren, ein Stipendienprogramm ist die Partnerschaft aber nicht.

Einige sehen die britische Wissenschaft wegen des Brexits bereits am Abgrund, doch das ist ein wenig übertrieben. Das hohe internationale Ansehen der englischen Hochschulbildung dürfte wegen des Brexit nicht ausgelöscht werden. Ein exzellentes Ökonomie-Department in Oxford oder oder ein legendäres Matheinstitut in Cambridge werden durch Brexit gewiss nicht an Bedeutung verlieren.

Ohnehin eng mit Europa verflochten

Überdies bleiben die Hochschulen, Brexit hin oder her, eng verflochten. 17 Prozent des wissenschaftlichen Personals britischer Hochschulen stammen aus EU-Ländern. Die wären nicht in England, wenn sie vergleichbare Arbeitsangebote und -bedingungen in ihrer Heimat vorgefunden hätten. Top-Forscher gehen schließlich auch in die Schweiz, die nicht der EU angehört. Sie streben nach Zürich, weil sie an der renommierten ETH oder der Universität Zürich lehren, lernen, und forschen wollen.

Europäische Studenten machen 80 000 der mehr als 1,6 Millionen in Großbritannien aus und fast 50.000 Postgraduates. Sechs Prozent der Aufsätze mit internationaler Co-Autorenschaft im Vereinigten Königreich werden mit Partnern aus der EU verfasst – dank langer Kooperation und intellektuellen Engagements. „Akademiker schielen weniger aufs Geld als auf die besten Arbeitsbedingungen“, stellte Tony Giddens, früher Direktor der London School of Economics, vor Jahren fest.

Vor oder nach dem Brexit: Der Goldstandard sind die besten Labore, die schönsten Bibliotheken und die spannendsten Kollegen. Mag sein, dass die britische Industrie nach dem Brexit leiden wird. Doch Cambridge und Oxford waren schon immer forever.

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