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Eine Erzieherin sitzt mit vier Kindern am Tisch, die in verschiedene Bilderbücher schauen. Foto: Kai-Uwe Heinrich
© Kai-Uwe Heinrich

Bundesprogramm Sprach-Kitas vor dem Aus Die Käfergruppe liebt das Bilderbuchkino

Das Bundesprogramm für Sprach-Kitas wird nur noch bis zum Jahresende gefördert. Eine Kindheitspädagogin der Freien Universität erklärt, was künftig fehlen wird

„In den als Sprach-Kitas geförderten Einrichtungen konnten wir eine qualitativ hochwertige sprachliche Anregung, ausgeprägte multikulturelle Einstellungen des Erzieher:innen-Teams und Auswirkungen auf die Anregungsqualität in den Familien der Kinder feststellen.“ So fasst Katharina Kluczniok, Professorin in der Frühkindlichen Bildung und Erziehung der Freien Universität Berlin, wichtige Ergebnisse ihrer praxisbegleitenden Evaluationen der Sprach-Kitas zusammen.

Gerade wegen der deutlichen Erfolge, die mehrere Evaluationsberichte in Kooperation mit der Uni Bamberg zeigten, sei der Zeitpunkt, das Programm zum Jahresende auslaufen zu lassen, „schwierig“. Der Fokus auf alltagsintegrierte Sprachförderung sei die zentrale Antwort auf sprachliche und soziale Defizite aus der Corona-Zeit bei Kitakindern, die sie nicht mit in die Schule nehmen sollten.

Dass zusätzliche Fachkräfte und Fachberatungen für die Sprach-Kitas vom Familienministerium nicht über die seit 2016 bis Ende 2022 laufende Förderperiode hinaus finanziert werden, ruft wie berichtet Empörung hervor. Mehr als 7000 halbe Stellen an einer entsprechenden Zahl von Kitas werden mit je 25 000 Euro jährlich gefördert. Insgesamt fließen in dem Zeitraum 1,3 Milliarden Euro, inklusive Mitteln aus dem Corona-Aufholprogramm.

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In Berlin nehmen 300 Kitas mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Kindern mit besonderem sprachlichem Förderbedarf teil. Berlin verliere durch das Projekt-Aus 13,2 Millionen Euro jährlich, hatte Bildungssenatorin Astrid Busse (SPD) beklagt.

Ein Versprechen im Koalitionsvertrag wird nicht eingehalten

Das Programm war von Anfang an nur bis 2022 terminiert und eine begrenzte Förderung ist für solche Bundeshilfen auch üblich. Allerdings hatte die Ampelregierung im Koalitionsvertrag versprochen, gerade die Förderung der „Sprach-Kitas“ als Instrument für mehr Chancengerechtigkeit zu verstetigen.

Doch die neue Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) revidierte dies mit Verweis auf das Gute-Kita-Gesetz und ein geplantes Gesetz zur Qualitätsentwicklung von Kitas: Darin werde sprachliche Bildung zum „prioritären Handlungsfeld“.

Scharfer Protest kommt insbesondere aus der Unionsfraktion im Bundestag. Die Ampel scheine „die frühkindliche Bildung trotz vollmundiger Ankündigung aus den Augen verloren zu haben“, erklärte die familienpolitische Sprecherin Silvia Breher (CDU) gegenüber dem Tagesspiegel.

Franziska Giffey spricht mit Kita-Kindern, die vor einem Brettspiel am Tisch sitzen. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa Vergrößern
Spielen und sprechen: Franziska Giffey (SPD) besuchte 2018 als Bundesfamilienministerin die Sprach-Kita Abenteuerland in Marzahn. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Das geplante Gesetz zur Kita-Qualität könne die Sprach-Kitas nicht ersetzen, denn wegen der Pandemie und der Geflüchteten aus der Ukraine bestehe akuter Handlungsbedarf. Das Programm müsse zumindest für eine Übergangszeit fortgesetzt werden.

Dorothee Bär (CSU), stellvertretende Vorsitzende der Fraktion und Digitalisierungs-Expertin, sagte dem Tagesspiegel: „Bei Kindern mit Unterstützungsbedarf legen die Sprach-Kitas das Fundament für schulischen und beruflichen Erfolg." Zu einem späteren Zeitpunkt aufzuholen, was in jungen Jahren versäumt wird, sei für die Betroffenen ungleich mühsamer und die Staatskasse deutlich teurer.

[Lesen Sie auch den Artikel von Susanne Vieth-Entus bei Tagesspiegel Plus zum Thema: 210 Millionen Euro weniger für die Länder]

Tatsächlich könnte es erst einmal zu Qualitätsverlusten in den betroffenen Kitas kommen, sagt FU-Professorin Kluczniok. „Die zusätzlichen Fachkräfte werden durch die Fachberatung gecoacht, wie sie zur Qualitäts- und Teamentwicklung beitragen können, wie sprachliche Anregungen etwa auch durch eine sprachbezogene und kultursensible Raumgestaltung in die Kita kommen – und zusätzlich durch digitale Angebote.“

Sprach-AG, Diversity-Workshops und ein Podcast mit den Kindern

Die Stelle für die Fachkraft zu erhalten, sei „von fundamentaler Bedeutung“, schreibt auch Kitaleiterin Martina Junius von der Kita Kleine Weltentdecker in Hellersdorf in einem Offenen Brief, der dem Tagesspiegel vorliegt.

Das Bundesprogramm habe es ermöglicht, in der Kita eine eigene Bibliothek aufzubauen, eine Sprach-AG und jüngst eine Medien-AG mit Fortbildungen für das Team anzubieten. Hinzu kommen Projekte wie „Literacy, Gendersensibilität und Diversity“ sowie ein kitaeigener Podcast, für den Kinder interviewt werden, berichtet Junius.

Die Betreuerinnen und Betreuer in Sprach-Kitas würden den Kindern mit Förderbedarf „systematisch Fertigkeiten und Fähigkeiten vermitteln, ohne die deren Entwicklung zu eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten deutlich erschwert ist“, gibt Dorothee Bär zu bedenken.

Dorothee Bär: Bei Haushaltsverhandlungen für Sprach-Kitas kämpfen

Deshalb werde sie sich im Rahmen der anstehenden Haushaltsverhandlungen „mit aller Kraft dafür einsetzen, die Mittelstreichung für die Sprach-Kitas rückgängig zu machen und zumindest einen fairen Übergang der bisherigen Programmförderung in das angekündigte, aber noch Lichtjahre entfernte Kita-Qualitätsgesetz zu fordern", so Bär.

Nun ist es wegen des Fachkräftemangels zwar recht wahrscheinlich, dass viele Sprach-Fachkräfte auch ohne Geld vom Bund als Erzieher:innen in ihren Kitas bleiben können. Aber die Fachberatungen drohen wegzufallen. „Da stellt sich dann die Frage, wie nachhaltig das ganze neue Wissen um die frühe Sprachbildung in den Einrichtungen bleibt“, meint Kluczniok.

Im Kitaalltag zu verankern, dass es für die Kinder über den Morgenkreis und das Vorlesen hinaus viele Sprechanlässe – etwa beim Essen und beim Anziehen – geben sollte und dass auch die nichtdeutschen Familiensprachen wertvoll sind, bedürfe immer neuer Anstrengungen und Input von Fachkräften, die den Kopf dafür frei haben.

„Die speziell ausgebildeten Fachkräfte kann niemand ersetzen! Die Erzieher machen schon genug, das schaffen die nicht auch noch“, wird ein Elternteil in dem Kita-Brief zitiert. Die Kinder hängen ebenso an den Expertinnen: „Sie machen für uns tolles Bilderbuchkino“, sagt eines aus der „Käfergruppe“.

Auch die kontinuierliche Kommunikation mit den Eltern über Fragen der sprachlichen Anregung zu Hause brauche vielfach Extra-Kräfte, betont Katharina Kluczniok. Zumal der neue Digitalschwerpunkt erst entwickelt wurde: Eine Evaluation darüber, wie oft und in welcher Weise digitale Angebote in der Kita zum Einsatz kommen und wie ein bewusster Umgang mit digitalen Medien vermittelt wird, läuft noch bis Jahresende. Auch Kitaleiterin Junius schreibt, sie stehe mit der Digitalisierung noch ganz am Anfang.

Geht die Evaluation dazu also ins Leere? „Nein, die Ergebnisse strahlen auf die gesamte Kita-Landschaft aus, in die das Konzept der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung und der engen Zusammenarbeit mit den Familien ohnehin weitergetragen werden muss“, sagt Katharina Kluczniok optimistisch.

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