Die Berliner waren aufgerufen, in Parks und Gärten den Gesang der Nachtigall aufzuzeichnen. 2019 sollen Menschen in ganz Deutschland mitmachen. Foto: picture-alliance/ dpa
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Bürgerwissenschaft Lerche? Nein, es war die Nachtigall

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Im Rahmen von Citizen-Science-Projekten können Bürger Museen bei der Forschung unterstützen - zum Beispiel mit der App "Naturblick".

Die Nachtigall ist ein Symbol der Liebe, darin sind sich Menschen in ganz Mitteleuropa einig. Doch auch im Vorderen Orient hören Kinder volkstümliche Geschichten und Gedichte, in denen sich zum Beispiel eine Nachtigall in eine Rose verliebt. Menschen, die aus der Region geflohen sind, erzählen Silke Voigt-Heucke vom Museum für Naturkunde in Berlin gerne solche Erinnerungen. Auf den britischen Inseln dagegen steht die Nachtigall für Melancholie, die wohl am stärksten in einer bekannten Tragödie von William Shakespeare zu spüren ist: „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“, heißt es bei „Romeo und Julia“.

Silke Voigt-Heucke interessiert sich aber nicht nur für kulturelle Aspekte, sondern untersucht als Biologin das Verhalten der Nachtigall. Und das keineswegs als Einzelkämpferin, sondern gemeinsam mit bis zu 80 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. So viele Menschen haben sich nämlich die App „Naturblick“ heruntergeladen, die das Museum für Naturkunde seit 2015 liefert.

Damit ausgerüstet waren im Frühjahr dieses Jahres viele Berliner in den Parks ihrer Stadt unterwegs, um den wunderschönen Gesang der Nachtigall aufzuzeichnen; 2019 sollen Menschen in ganz Deutschland mitmachen. Weil jeder teilnehmen, aber nicht jeder alle Vogelstimmen perfekt auseinanderhalten kann, übernimmt die App diesen kniffligen Part. Die Nutzer kontrollieren noch einmal die Entscheidung der Software, dann teilen sie die höchstens zweiminütige Gesangsaufnahme mit den Wissenschaftlerinnen.

2000 Strophen Nachtigall-Gesang kamen zusammen

Wie begeistert die Berliner sich engagieren, zeigen die rund 2000 Strophen, die Silke Voigt-Heucke inzwischen aus diesem Citizen-Science-Projekt erhalten und in eine Karte eingetragen hat. Diese Vielfalt des Gesangs der Nachtigallmännchen erklärt wohl auch, weshalb seine Melodien seit jeher in der Kultur von uns Menschen eine so große Rolle spielen.

Silke Voigt-Heucke aber will mit den in der Forschung engagierten Bürgern noch viel mehr erreichen. So hört man bei einer Reise von Ostfriesland nach Wien unterwegs auf den Bahnhöfen und Autobahnraststätten zwar überall die deutsche Sprache. Nur unterscheiden sich die Dialekte zwischen Bremen, Sachsen, Franken, Altbayern, Oberösterreich und Wien erheblich. Ganz ähnlich könnten sich aus den vielen im Citizen-Science-Projekt bereits gesammelten Strophen auch verschiedene Nachtigall-Dialekte herauskristallisieren. Ein weiterer wichtiger Grund, weshalb im kommenden Frühjahr Bürger bundesweit in die Rolle von Wissenschaftlern schlüpfen sollen – vom Kind bis zur Urgroßmutter.

Das Naturkundemuseum vernetzt die Akteure in Europa

Wer sich nicht für Vogelgesänge und Verhaltensbiologie interessiert, könnte beim Museum für Naturkunde trotzdem an der richtigen Adresse sein: Katrin Vohland und ihre Kollegen vernetzen dort mit der European Citizen Science Association (ECSA) sowie anderen Plattformen etliche weitere Bürgerforschungsprojekte – vom Beobachten von Wildtieren in Berlin oder Baden-Württemberg über das Ausgraben der uralten Burg Wersau zwischen Speyer und Heidelberg bis zum Untersuchen von Plastikmüll an Stränden in Chile und Deutschland oder dem Beobachten explodierender Sterne im Weltraum. Fast jeder Bürgerforscher dürfte sein Traumprojekt finden.

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