Ein junger Geflüchteter, der eine Ausbildung bei der Bahn begonnen hat. Foto: Axel Heimken/dpa
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Bildung auf einen Blick 2018 OECD kritisiert Anteil der Nicht-Ausgebildeten

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Die OECD moniert in der Studie "Bildung auf einen Blick", dass zu viele junge Erwachsenen in Deutschland ohne Ausbildung bleiben.

Immer wieder wird in Deutschland über einen Mangel an Auszubildenden und Fachkräften geklagt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat eine starke Reserve entdeckt: Unter den 25- bis 34-Jährigen haben 13 Prozent keinen Abschluss im Sekundarbereich II erreicht, verfügen also weder über ein Abitur noch über einen berufsbildenden Abschluss.

„Das ist ökonomisch ein vergeudetes Potenzial“, sagte Heino von Meyer, Leiter des OECD Berlin Centers, am Dienstag bei der Vorstellung der Studie „Bildung auf einen Blick“. Chancengerechtigkeit ist in diesem Jahr der Schwerpunkt des jährlichen Berichts (zur vollständigen Studie geht es hier).

Großer Unterschied zwischen im Inland- und im Ausland Geborenen

Mit den 85 Prozent der jungen Erwachsenen, die über einen Sekundar-II-Abschluss verfügen, steht Deutschland zwar im Vergleich der 35 OECD-Länder weltweit gut da. Doch anderen Ländern wie Kanada, die Tschechische Republik, Korea, Polen und Slowenien ist es gelungen, den Anteil der Nicht-Ausgebildeten auf unter zehn Prozent zu senken. Diese Gruppe hat zunehmend Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Nur 55 Prozent der Betroffenen in Deutschland sind erwerbstätig. In derselben Altersgruppe mit Berufsausbildung oder Studium sind es 84 Prozent.

Unter den im Ausland geborenen jungen Erwachsenen ist jeder Vierte weder in Beschäftigung noch in Bildung oder Ausbildung. Das führen die Experten auch „auf den hohen Zustrom an jungen Flüchtlingen in den vergangenen Jahren“ zurück, die sich noch im Integrationsprozess befinden. Deutschland und Österreich sind die beiden Ländern mit den größten Unterschieden beim Bildungsstand der im Inland und im Ausland Geborenen, kritisiert die OECD. Es zeige sich hier aber auch, wie groß die Bedeutung von allgemeiner und beruflicher Bildung ist. Denn unter den Erwachsenen, die mit 16 Jahren oder später nach Deutschland gekommen sind, beträgt der Anteil der Nicht-Ausgebildeten 32 Prozent, unter denen, die spätestens mit 15 Jahren zuwanderten, sind es nur elf Prozent.

Karliczek: Nicht jeder muss Abitur machen und studieren

„Deutschland überzeugt mit seinem zweigleisigen Bildungssystem, das auch junge Zugewanderte integriert“, kommentierte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU). Tatsächlich liegen die Beschäftigungsquoten beruflich Gebildeter bei in Deutschland Geborenen und bei jung Zugewanderten mit jeweils 82 Prozent gleichauf. Bei jenen, die über tertiäre Bildung verfügen, also einen Hochschulabschluss haben oder Handwerksmeisterin sind, liegt die Quote bei 91 beziehungsweise 90 Prozent.

Chancengerechtigkeit bedeute nicht, „dass jeder Abitur macht und studieren muss“, betonte Karliczek. Sie wolle die Gleichwertigkeit der beiden Wege – duale Ausbildung und Studium – weiter stärken, etwa indem das duale Studium ausgebaut werde. So sieht es auch die OECD: „Denjenigen, die nicht studieren möchten, bieten Berufsqualifikationen in Deutschland einen sicheren Weg in die Beschäftigung“.
Finanziell lohnender ist ein Studium aber auf jeden Fall. Ein Handwerker mit Meister- oder Technikerausbildung verdient zwar 51 Prozent mehr als jemand, der lediglich einen berufsbildenden Abschluss hat. Doch mit Bachelorabschluss sind es 65 Prozent und mit Master oder Promotion 83 Prozent mehr.

OECD-Vertreter: keine Akademikerschwemme

Kann in Deutschland von einer Akademikerschwemme gesprochen werden, gegen die das duale Ausbildungssystem verteidigt werden muss? Das sei „völlig unangebracht“, sagte OECD-Vertreter Heino von Meyer. Unter den 25- bis 34-Jährigen sei der Anteil der tertiären Abschlüsse zwar in den vergangenen zehn Jahren von 23 auf 31 Prozent gestiegen, liege aber immer noch zehn Prozent unter dem OECD-Schnitt.
Der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz Helmut Holter (Linke) will vor allem für das Lehramtsstudium werben – auch wenn eine Länder-Strategie zur Lehrkräftegewinnung nicht zustande gekommen sei. Der Beruf müsse in der Öffentlichkeit eine höhere Wertschätzung erhalten. Das gelte auch für Quereinsteiger.

Deutsche Lehrkräfte sind weltweit am ältesten

Der Fachkräftemangel in den Schulen wird künftig noch dramatischer, warnt die OECD. Denn Deutschlands Lehrkräfte gehören zu den ältesten weltweit: 47 beziehungsweise 41 Prozent in den Sekundarbereichen I und II sind mindestens 50 Jahre alt. Am Einkommen sollte die mangelnde Attraktivität des Berufs nicht liegen: Deutschland bietet OECD-weit die höchsten Lehrergehälter.

Gelobt wird auch die „politische Aufmerksamkeit“ für frühkindliche Bildung. So werden pro Kita-Kind jährlich 14 769 US-Dollar ausgegeben – deutlich mehr als der OECD-Schnitt von 11 976 Dollar. Auch pro Studierendem und Schüler investiert Deutschland mehr als der Durchschnitt der OECD-Länder. Gemessen an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit sei das aber zu wenig, sagte von Meyer. Mit 4,2 Prozent vom BIP liegt Deutschland um einen Prozentpunkt unter dem Mittel – und noch weiter entfernt vom Sieben-Prozent-Ziel, das die Kanzlerin 2008 beim Bildungsgipfel ausgerufen hatte.

Grüne erkennen "Bildungsnotstand"

Für die Grünen im Bundestag weist die OECD damit auf einen „Bildungsnotstand“ hin. Jetzt müsste das Kooperationsverbot fallen, damit der Bund auch in Personal investieren kann. Denn nur könne auch die weiterhin bestehende hohe soziale Selektivität des Bildungssystems überwunden werden.

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