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Eine der Filialen befindet sich im Münchner Lenbachhaus. Foto: IMAGO / Volker Preußer
© IMAGO / Volker Preußer

Exklusiv Berühmte Museen, billige Arbeitskräfte Werkstudierende bei Walther König protestieren

Die weltberühmte Kunstbuchhandlung Walther König soll Werkstudierende schlecht behandelt haben. Zuletzt bekamen mehrere die Kündigung. Und das obwohl betroffene Filialen wieder offen sind.

Es sind Tempel der Kultur, in denen Walther König zuhause ist: Der Hamburger Bahnhof oder das Neue Museum in Berlin, das Kölner Museum Ludwig, das Münchner Haus der Kunst, die Londoner Serpentine Gallery. Alle beherbergen sie Buchläden des Kölner Unternehmens, zu dem auch ein in der Kunstszene legendärer Verlag gehört. Aber eins passt schlecht zum feinen Image Walther Königs: die Arbeitsbedingungen studentischer Angestellter.

Marla Reichert arbeitet als Werkstudentin in einer Münchner Filiale des Unternehmens, als im Frühling 2020 der erste Corona-Lockdown beginnt. Sie verdiente sich mit der Arbeit bei König etwas zum Lebensunterhalt im Studium dazu. 9,85 Euro bekommt Reichert, die eigentlich anders heißt, damals pro Stunde. Gerade so über dem gesetzlichen Minimum. Anfang März 2021, ein Jahr später, haben Reichert und mehrere Kolleg*innen die Kündigung im Briefkasten. Nur vier Wochen später werden sie arbeitslos sein. Illegal ist das nicht, hart ist es allerdings.

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Weil „die Politik kein absehbares Ende des Lockdowns in Aussicht stellt“, müssten die Studenten gehen, heißt es in einem Schreiben aus der Kölner Zentrale, das dem Tagesspiegel vorliegt. Aber wie passt das damit zusammen, dass die Buchhandlung Walther König gerade an der Wiedereröffnung arbeitet, und ausgerechnet die Filialen in München schon wieder offen sind?

Das Museum Brandhorst stellt Gegenwartskunst aus, etwa von Andy Warhol. Foto: imago imagebroker Vergrößern
Das Museum Brandhorst stellt Gegenwartskunst aus, etwa von Andy Warhol. © imago imagebroker

Marla Reichert und ihre studentischen Kolleg*innen arbeiten dort jedenfalls nicht mehr, sie stehen plötzlich ohne Einkommen da. Dabei haben es die Studierenden in der Krise ohnehin schwer. Isabella Rogner von der Gewerkschaft Verdi spricht von einer „finanziellen Krise“. Im ersten Lockdown habe ein gutes Drittel den Nebenjob verloren. Und das verstärkt das ohnehin exklusive deutsche Uni-System. Denn besonders Student*innen aus Nicht-Akademiker-Familien sind auf den Nebenverdienst angewiesen. „Hier handelt es um eine in der Pandemie besonders vulnerable Gruppe“, schreibt Rogner. Das bestätigt eine aktuelle Erhebung der Firma „Studitemps“ mit der Universität Maastricht. Wer Akademiker-Eltern hat, behielt eher den Job – und verdiente besser.

So reagiert der Arbeitgeber

Rückblickend sagt Marla Reichert: „Wir haben seit Jahren mit Ungerechtigkeiten gelebt.“ Denn obwohl es Werkstudenten wie allen anderen Angestellten gesetzlich zusteht, bekamen sie bei Walther König in München weder Geld für Urlaubstage, noch Lohn, wenn sie krank waren, werfen sie dem Arbeitgeber vor.

Der Tagesspiegel hat das Unternehmen um eine Reaktion gebeten. Geschäftsführer Franz König schreibt, man gewähre den Werkstudierenden durchaus Urlaub oder gelte „diesen in Absprache durch die erhöhte Vergütung ab. Viele Werkstudenten ziehen die Abgeltung vor.“ Wie das mit einem im Jahr 2020 nur 50 Cent, 2021 sogar nur 35 Cent über Mindestlohn liegenden Stundenlohn möglich sein soll, ist zweifelhaft.

Falsch sei auch „die Behauptung, wir würden Krankheitstage nicht bezahlen“, schreibt König. „Bei Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung leisten wir selbstverständlich Lohnfortzahlung.“ Marla Reichert widerspricht. Sie und ihre Kolleg*innen seien bestenfalls für einen Teil ihres krankheitsbedingten Ausfalls weiter bezahlt worden. Eine Kollegin schreibt: „Anfang letzten Jahres war ich wegen eines Krankenhausaufenthalts für mehrere Wochen außer Gefecht gesetzt. Aus reiner Nettigkeit meines Filialleiters wurden mir damals in Absprache mit der Personalleiterin ein paar Krankheitstage angerechnet, der Großteil der Stunden wurde mir aber als Minus verbucht, der anschließend wieder abzuarbeiten war.“

Eine weitere Filiale gibt es im Haus der Kunst. Foto: imago / Lindenthaler Vergrößern
Eine weitere Filiale gibt es im Haus der Kunst. © imago / Lindenthaler

Schon seit Jahren arbeitet Reichert für den Buchladen, laut Vertrag zur Abdeckung eines „temporären Engpasses“. Drei Filialen gibt es in München, eine im Haus der Kunst, eine im Lenbachhaus, wo Franz Marcs Blauer Reiter hängt, und eine weitere im Museum Brandhorst. Die Werkstudent*innen der Filialen schließen sich in der Coronakrise zusammen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Dafür suchen sie die Hilfe der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft „FAU“.

„Alle standen vor der Frage, wie sie ihre Miete zahlen“

Die Kündigung für Reichert und sieben weitere Kolleg*innen kam nur einen Tag, nachdem die Studierenden der König-Zentrale in Köln ein Schreiben mit der Forderung zusandten, das Gehalt für den Februar auszuzahlen, das acht der Student*innen nicht bekommen haben. „Alle standen vor der Frage, wie sie ihre Miete zahlen“, sagt Reichert. Wie die Erhebung von „Studitemps“ zeigt, sind die Mieten auch im Krisenjahr gestiegen. Studierende zahlten durchschnittlich 13,54 Euro pro Quadratmeter. Das sind acht Prozent mehr als im Vorjahr. Und es ist bloß die Kaltmiete. Die 518 Euro Nettolohn, die Marla Reichert bei Walther König mit 56 Monatsstunden verdiente, sind in München schnell aufgezehrt. „Ich kann davon überhaupt nicht leben“, sagt sie. Der Arbeitgeber sieht sich im Recht: „nur einige Verträge haben wir angesichts der wirtschaftlichen Einbußen aufgrund des weiteren Lockdowns seit Februar nicht weiter aufrechterhalten können und ordentlich betriebsbedingt gekündigt“, schreibt König.

Für akute Notlagen sollen Student*innen staatliche Überbrückungshilfe bekommen. Sie beträgt bis zu 500 Euro monatlich. Das Programm wurde im Februar fürs Sommersemester verlängert. Nur profitieren viele Studierende trotzdem nicht davon. Wer mehr als 500 Euro auf dem Konto hat „möge bitte keinen Antrag stellen“, heißt es beim zuständigen Deutschen Studentenwerk. Und nur wenn die Notlage nachweislich „pandemiebedingt“ ist, geht der Antrag durch.

„Minusstunden“ im Lockdown

Pandemiebedingt war jedenfalls eine Regelung bei Walther König in München: In den Münchner Filialen war es üblich, dass Arbeitszeiten genau erfasst wurden. Während der Laden im Lockdown geschlossen hatte, sammelten sich bei allen Werkstudenten vom Arbeitgeber sogenannte „Minusstunden“ an. Das Unternehmen erwartet von Reichert und ihren Kollegen, diese Stunden später ohne Bezahlung nachzuarbeiten. Dabei gehe es nur um 30 Prozent der unter normalen Bedingungen zu arbeitenden Stunden, schreibt König. „Diese Lösung wurde allseits dankbar angenommen und die Werkstudenten haben mit uns entsprechende schriftliche Vereinbarungen abgeschlossen. Wir haben auf diese Weise gemeinsam erreicht, dass die Werkstudierenden ein geregeltes Einkommen behalten und ihre laufenden Kosten (Miete, Lebensunterhalt, etc.) decken können.“

Marla Reichert sieht das ganz anders: „Ich dachte: entweder unterschreibe ich oder ich bekomme keinen Lohn“, sagt sie heute. „Dass die dahinterliegende Praxis illegal ist, wurde uns aber natürlich verschwiegen.“

Nicht die Angestellten tragen das Risiko

Weiter sieht sich Franz König auch in der Frage der Lohnzahlung zu Unrecht beschuldigt. „Wir haben die Februar-Gehälter gezahlt. Etwaige Überzahlungen wurden verrechnet, wie das alle Unternehmen tun.“ Die Verrechnung bezieht sich offenbar auf die angesammelten Minusstunden. Über diese Vereinbarung lässt sich zumindest streiten. So heißt es in Paragraph 615 des BGB sinngemäß: Wenn der Arbeitgeber keine Arbeit hat, müssen Angestellte trotzdem bezahlt werden. Die Unternehmer tragen das Risiko, dass Aufträge ausfallen, nicht die Angestellten.

In der Krise ging das bei Walther König praktizierte Modell, viele kostengünstige Studierende anzustellen, nach hinten los: Denn für sie gibt es kein staatliches Kurzarbeitergeld.

Das Münchner Lenbachhaus als Standort einer der betroffenen Filialen teilt in einer Pressemeldung mit, man habe die Geschäftsleitung in Köln kontaktiert. „Daraufhin hat uns die Buchhandlung Walther König schriftlich bestätigt, dass sie die Vorwürfe zurückweisen und zu keinem Zeitpunkt wissentlich bei der Beschäftigung der Mitarbeiter*innen gegen geltende Rechtsnormen verstoßen haben.“ Das berühmte Museum hofft auf eine schnelle Einigung. Derzeit sind die Fronten jedoch eher verhärtet. Franz König schreibt, dass „wir medienmäßig anonymen Vorwürfen ausgesetzt werden, empfinden wir als sehr bedauerlich und verletzend.“ Man nehme die Vorwürfe „dennoch zum Anlass, die vertraglichen Regelungen zu überprüfen und erforderlichenfalls zu aktualisieren.“


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