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Ein golden schimmernder Käfer mit länglichem Leib liegt auf einer weißen Unterlage. Foto: P. Michalik
© P. Michalik

Bedrohte Ökotope Zeuge einer einst moorreichen Geschichte

Silvia Passow

In der Uckermark fanden Entomologen im Torf Reste eines 6000 Jahre alten Käfers. Er steht für die klimaregulierende Funktion des Moors, das unehmend bedroht ist.

„Es war ein Zufallsfund“, sagt Tobias Mainda. Denn eigentlich hatte der Entomologe aus dem Havelländischen Nauen in der Uckermark nach Stenus-Käfern gesucht. Vorzugsweise lebende Käfer, für sein gegenwärtiges Forschungsprojekt. In der dünn besiedelten Uckermark hoffte er, gemeinsam mit dem Berliner Naturschützer und Käferexperten Jens Esser, auf Exemplare dieser Gattung zu stoßen, die mit 3000 bekannten Arten immerhin eine der größten im Tierreich ist.

Auf Neuguinea hatte Mainda bereits eine neue Spezies entdeckt, doch an diesem Tag machte sich Stenus rar. Stattdessen fanden die beiden Männer die Überreste eines 6000 Jahre alten Käfers.

Von einem Feldweg aus sah Mainda eine Senke. „Die sah für einen Naturschützer erst mal nicht schön aus“, beschreibt er den Anblick. Dennoch weckte sie sein Interesse. Beim Näherkommen wurde ein Rohr im Boden sichtbar. Es war nicht das Rohr, sondern der Aushub, besser der Torf darin, der Maindas Aufmerksamkeit erregte. Moore führen zur Torfbildung.

Sie sind als Schatzkammern für konservierte Funde bekannt. Moorleichen, zum Beispiel, erläutert Mainda. Ein Torfballen geriet besonders in den Fokus der beiden Insektenforscher, denn bereits am Fundort waren die Reste von Käferflügeldecken erkennbar.

"Moorpapst" Joosten datiert den Torfballen

Der Torfballen wurde eingepackt, im Kühlschrank der Eltern zwischengelagert, bevor der 27-Jährige zurück an die Universität Greifswald fuhr. Dort studiert der Entomologe Biodiversität, Ökologie und Evolution. Zu seinen Professoren gehörte auch Hans Joosten, Preisträger des Deutschen Umweltpreises und wegen seiner hohen Fachkompetenz in Sachen Moore auch gern als „Moorpapst“ bezeichnet.

Der schwarze, geriffelte Flügeldeckel eines Käfers. Foto: N. Wendlandt Vergrößern
Der im uckermärkischen entdeckte Flügeldeckel eines Rohrkäfers schillert nicht mehr wie das Original (Foto oben). © N. Wendlandt

Joosten untersuchte den Torf, insbesondere die darin befindlichen Pflanzenpollen. Diese lassen Rückschlüsse sowohl auf die Flora des Areals als auch über das Alter des Torfs zu – durch Vergleich mit bereits untersuchten und zeitlich datierten Torfproben.

Pflanzenrückstände, die auf menschliche Einflüsse schließen lassen, wie zum Beispiel Getreidepollen, konnte Joosten nicht finden. Dafür Pollen vom Gemeinen Efeu und Ahorn, Sporen von Torfmoosen sowie die Pilze Entophlyctis lobata und Tilletia sphagni und einen hohen Gehalt Amphitrema-Amöben. Zusammen lässt dies auf sehr nährstoffarme und saure Bedingungen zur Zeit der Ablagerung schließen.

In der Senke befand sich demnach einmal ein Kesselmoor, in das vor etwa 6000 Jahren, so Joostens Analyse, der Käfer geriet und bis heute so gut erhalten blieb, das Mainda ihn mit einiger Sicherheit als Bunten Rohrkäfer (Plateumaris discolor) bestimmen konnte.

Käferlarven atmeten durch Wurzeln des Wollgrases

Der berühmte Ötzi, dessen Mumie 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckt wurde und die zu einer der ältesten Mumien der Welt zählt, ist rund 5300 Jahre alt. Als Ötzi starb, lag der Rohrkäfer in der weit entfernten Uckermark bereits im Torf.

Zu Lebzeiten wird er sich von Wollgrasblättern ernährt haben, während seine Larven unterirdisch lebten und sich an den Wurzeln des Wollgrases bedienten, einer Moorpflanze, die im mit Wasser gesättigten Boden steht. Für die Larven ist das kein Problem, erklärt Mainda. Sie zapfen das Luftkanalsystem der Pflanzen an und atmen damit durch die Pflanzen. „Spezieller Lebensraum erfordert spezielle Lebensweisen“, sagt Mainda. Und es ist diese Besonderheit des Moore, um die er sich bei seiner Arbeit sorgt.

Denn der Lebensraum des Käfers von einst ist heute kaum noch vorhanden. Moore werden trockengelegt, um Platz für landwirtschaftliche Flächen zu schaffen. Nur noch etwa sieben Prozent der Landfläche in Brandenburg ist Moor, weltweit sind es drei Prozent der Landmasse. „Doch diese drei Prozent speichern mehr Kohlenstoff als alle Wälder zusammen“, sagt Mainda. Ohne Moore würde sich die Klimaerwärmung noch beschleunigen.

Als der Käfer noch lebte, hatte der Mensch bereits begonnen, systematisch Landwirtschaft zu betreiben und damit auch die Natur zu verändern. Ob Rohrkäfer und Wollgras auch in 6000 Jahren noch existieren, hängt davon ab, wie das Wissen über Insekten, Moore und Ökosysteme genutzt wird, um die Lebensbedingungen unzähliger Arten, letztlich auch des Menschen, zu schützen.

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