Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Finnen und Rücken zweier Vaquitas Foto: Paula Olson
© Paula Olson

Bedrohte Meeressäuger Die letzten zehn Vaquitas

Kalifornische Schweinswale stehen am Rand des Aussterbens. Doch die kleine Population könnte unter Schutz wieder wachsen.

Zuletzt wurden im Herbst 2021 vor der mexikanischen Küste bei San Felipe Vaquitas mit Jungtieren gesichtet. Die Beobachtung hat Seltenheitswert. Der Bestand der Art Phocoena sinus oder auch „Kalifornischer Schweinswal“ wird auf zehn oder weniger Tiere geschätzt.

Es ist vor allem die Fischerei mit Stellnetzen, die die Population von nach Angaben der Naturschutzorganisation WWF noch über 500 Tieren vor 25 Jahren auf den kleinen Restbestand dezimiert hat. Die Tiere sterben als ungewollter Beifang in den für sie kaum wahrnehmbaren Nylonnetzen.

Ergebnisse einer neuen genetischen Analyse, die jetzt im Fachjournal „Science“ veröffentlicht wurden, deuten jedoch darauf hin, dass die Population sich erholen könnte. Negative Auswirkungen von Inzucht unter den verbliebenen Tieren würden demnach voraussichtlich nicht zum Aussterben der Art führen, berichtet das internationale Forschungsteam.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können]

Einheimische des Golfs von Kalifornien 

„Wenn wir es diesen Tieren ermöglichen, zu überleben, schaffen sie den Rest“, wird die Studienautorin Jacqueline Robinson von der University of California in San Francisco in einer Mitteilung der US-Umweltbehörde NOAA zitiert. „Die genetische Vielfalt der Vaquitas ist nicht so gering, dass sie ihre Gesundheit und den Fortbestand der Art gefährdet, sie ist nur Anzeichen ihrer natürlichen Seltenheit“, sagt Robinson.

Die Forschenden untersuchten das Erbgut in Gewebeproben, die seit den 1980er Jahren von 20 Tieren genommen worden sind. Die Verteilung unterschiedlicher genetischer Merkmale darin lässt sie darauf schließen, dass sich die Art vor wahrscheinlich 2,5 Millionen Jahren in Anpassung an die Lebensbedingungen im flachen, nährstoffreichen nördlichen Teil des Golfs von Kalifornien entwickelt hat.

Bis heute ist das Gewässer das einzige Verbreitungsgebiet der Vaquitas, die mit einer Körperlänge von maximal 1,5 Metern zu den kleinsten Walen zählen. Der Name bedeutet so viel wie „Kälbchen“ – was auch darauf hindeutet, dass Fischer das Fleisch der zufällig gefangenen Tiere durchaus zu schätzen wussten. Ähnlich ist es bei dem auch in Nord- und Ostsee heimischen „Schweinswal“ (Phocoena phocoena).

Bei einer Fangaktion im Jahr 2017 wurden Gewebeproben von den Tieren genommen, hier von einem jungen Weibchen. Foto: VaquitaCPR Vergrößern
Bei einer Fangaktion im Jahr 2017 wurden Gewebeproben von den Tieren genommen, hier von einem jungen Weibchen. © VaquitaCPR

In den vergangen 250.000 Jahren war der Bestand der Vaquitas – zumindest der sich fortpflanzenden Tiere – wahrscheinlich nie größer als 5000 Tiere. Im Vergleich zu anderen Meeressäugern ist das wenig. Für den Fortbestand der Art, könnte sich das jetzt aber als Vorteil erweisen. Der Genpool der Art, die Summe aller genetischen Variationen in der Population, ist relativ klein.

Das bedeutet aber auch, dass schädliche Genvarianten selten sind. Verpaarten sich Träger solcher Erbinformationen, waren die Nachkommen wahrscheinlich nicht fortpflanzungsfähig und speisten das genetische Merkmal nicht mehr in den Genpool ein. Wenn sich künftig nahe miteinander verwandte und genetisch ähnliche Vaquitas paaren, sind ihre Nachkommen wahrscheinlich gesund. Das bestätigten auch die jüngsten Beobachtungen der Tiere. Wenn Vaquitas gesichtet wurden, sahen die Tiere gesund aus und einige hatten auch Kälber.

[Lesen Sie bei Tagesspiegel Plus: Inzucht und Auslese: Das Auge der Tigerin T99]

Überleben in der Simulation

Anhand der genetischen Vielfalt in den gesammelten Gewebeproben simulierte das Forschungsteam im Computer, wie sich die Population bei verschiedenen Schutzmaßnahmen entwickeln könnte. Wie sie berichten, würde der Bestand beim vollständigen Stopp der Stellnetzfischerei in ihrem Verbreitungsgebiet mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder zunehmen. Doch selbst bei einer geringen Sterblichkeit durch Kiemennetze sinken die Überlebenschancen der Art schnell.

Die Fischerei mit Kiemennetzen ist in dem Gebiet verboten. Wilderer stellen jedoch dem Totoaba (Totoaba macdonaldi) nach. Schwimmblasen dieser Fische werden in einigen Ländern wegen ihrer angeblichen medizinischen Wirksamkeit zu hohen Preisen gehandelt. Die ebenfalls nur im Golf von Kalifornien vorkommenden Fische sind ebenfalls gefährdet, weil das Fischereiverbot nicht ausreichend durchgesetzt wird.

„Obwohl wir jetzt wissen, dass die Fähigkeit der Vaquitas, sich zu erholen, nicht durch ihre Genetik begrenzt ist, bleibt ihnen nur noch sehr wenig Zeit“, sagt Christopher Kyriazis, Koautor der Studie von der University of California in Los Angeles. „Wenn wir sie verlieren, wäre das das Ergebnis unserer menschlichen Entscheidungen und nicht genetischer Faktoren.“

Zur Startseite