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Im Palast. Geflügelter Stier und Schwelle eines Tores – in einem Tunnel, die der IS auf der Suche nach Raubgut grub. Foto: Peter A. Miglus
© Peter A. Miglus

Exklusiv Ausgrabung in Ninive Heilsbotschaft aus dem Alten Orient

Deutsche Archäologen graben in Mossul den assyrischen Königspalast aus – entlang den Tunneln der Raubgräber des IS. Eine Spurensuche mit politischer Mission.

Überall nur Steinhaufen, Schutt und Trümmer. Fotos von der Altstadt Mossuls, die der Heidelberger Archäologe Peter Miglus 2018 auf einem Erkundungsgang machte, zeigen, was die letzte Schlacht um die „Hauptstadt des Islamischen Staats“ 2017 nach der dreijährigen Herrschaft des IS von den Bauwerken übriggelassen hat – nahezu nichts.

Doch das Zerstörungswerk hat auch einen Schatz zutage gefördert, den Miglus und Stefan Maul, Professor für Assyriologie am Seminar für Sprache und Kultur des Vorderen Orients der Universität Heidelberg, seitdem ausgraben. Wie ein weit verzweigtes U-Bahnnetz gruben die Terroristen Tunnel unter dem Tell Nebi Yunus auf dem Ostufer des Tigris, wo sich einst Ninive ausdehnte, die Hauptstadt des Assyrischen Reiches.

Sie wussten, dass auf dem Tell einst ein assyrischer Militärpalast stand. Nachdem sie das Grab des Propheten Jonas an dieser Stelle – eine einst beliebte Pilgerstätte – zerstört hatten, waren die Raubgräber des IS in dem Tell auf der Suche nach wertvollen antiken Objekten, um sie auf dem internationalen Schwarzmarkt für Kunstgegenstände zu verkaufen – zur Finanzierung ihres Terrors.

Ist es angesichts der fragilen Lage im Irak und der großen Not der Bevölkerung gerechtfertigt, dass sich nun deutsche Archäologen um das kulturelle Erbe des Irak kümmern? Hat das Land derzeit nicht andere Sorgen, als Jahrtausende lang verschüttetes und größtenteils zerstörtes Kulturgut zu erforschen und, wenn überhaupt möglich, zu konservieren?

„Die Frage müssen wir uns stellen“, sagt Stefan Maul, „aber es war der irakische Staat, der uns um Hilfe gebeten hat.“ Der Irak, der nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches als neue politische Einheit entstanden ist und der nach den Zerstörungen des IS einen großen Teil seines kulturellen Erbes verloren hat, benötige „ein Identifikationsmuster, auf das alle Iraker stolz sein können“. Und das könne nur die Kultur des alten Zweistromlandes sein, meint Maul.

Für die Zukunft braucht der Irak ein neues nationales Narrativ

Vom Königreich Irak bis zu Saddam Hussein sei der Alte Orient der Stolz des Landes gewesen. Den hat der IS versucht, zu schleifen und zu brechen. 40 Jahre Krieg in der Region haben ihr Übriges getan, die Kontinuität der Forschung an den Universitäten sei abgerissen.

„Die Leute im Lande haben heute andere Probleme“, gibt Maul zu. Doch wenn man dem Irak eine Zukunft geben wolle, brauche man ein neues Narrativ. Der Ort Ninive sei wunderbar geeignet, die Vergangenheit mit der Zukunft zu verbinden. Der Prophet Jonas wurde der Überlieferung nach losgeschickt, Ninive die Strafe Gottes zu verkünden, aber er bekehrte die Menschen von Ninive und Gott verschonte die Stadt. So steht es in der Bibel und so steht es im Koran.

„Im Koran heißt es, dass Jonas die Menschen zum rechten Glauben geführt hat. Das ist gewissermaßen der Islam vor dem Islam“, sagt Maul. Die Idee ist bestechend. „Wir haben das Thronpodest gefunden und schauen so vielleicht auf den Ort, an dem der rechte Glaube gepredigt wurde.“

Stefan Maul (Mitte) mit dem Leiter der sunnitischen Religionsbehörde in der Ruine der Nebi Yunus Moschee. Foto: Peter A. Miglus Vergrößern
Stefan Maul (Mitte) mit dem Leiter der sunnitischen Religionsbehörde in der Ruine der Nebi Yunus Moschee. © Foto: Peter A. Miglus

Der IS hat das Grab von Jonas bis auf die Grundplatten mit Bulldozern zerstört, aber letztendlich einen neuen Pilgerort freigeräumt. In der Vergangenheit war die neben dem Grab errichtete Moschee ein beliebter Wallfahrtsort. Sie soll wiederaufgebaut werden, ohne den Palast zu überdecken. „Unsere Idee ist es dass ein Ensemble aus Moschee und assyrischem Königspalast wiederersteht, und so eine sichtbare Verbindung zwischen dem alten Orient und dem Islam gelegt wird“, sagt Maul.

Somit könnte die Geschichte von Jonas mit der Heilsgeschichte des Islam als kulturelles Kontinuum erzählt werden. „Der Palast und die Moschee könnten die gleiche Bedeutung für den Irak erlangen wie einst der Kölner Dom im 19. Jahrhundert für die Deutschen“, ist Maul überzeugt. Dafür lohnten sich die Anstrengungen dieses Projektes. „Wir arbeiten unter Militärschutz, bewegen uns nur zwischen unserem Grabungshaus und der Grabung.“

Der Innenhof der Nebi Yunus Moschee nach den Verwüstungen des IS. Sie haben das Grab des Propheten bis auf die Grundmauern zerstört. Zustand 2018. Foto: Peter A. Miglus Vergrößern
Der Innenhof der Nebi Yunus Moschee nach den Verwüstungen des IS. Sie haben das Grab des Propheten bis auf die Grundmauern zerstört. Zustand 2018. © Peter A. Miglus

Das freigelegte Tunnelsystem unter dem Tell Nebi Yunus ist faszinierend, wie Bilder aus der Projektdokumentation zeigen. Einer der Tunnel ist links von einer Lehmziegelwand begrenzt, ein anderer hat einen Fußboden aus mächtigen Steinplatten, ein dritter eine mit Kalksteinplatten verkleidete Wand. Die meisten Tunnel sind 1,60 Meter hoch, andere vier Meter, wieder andere nur 70 Zentimeter hoch. Ein ungewöhnlicher Ort für Archäologen, die hier normalerweise gar nicht sein könnten.

Einige der Wände zeigen assyrische Keilschriftzeichen. Auch vier assyrische kopflose Lamassu, Torwächterfiguren mit Stierkörper, finden sich in den von den IS-Terroristen freigelegten Gängen.

Der IS wollte das vorislamische kulturelle Erbe zerstören

„Der irakische Staat hat uns 2017 nach der Befreiung von Mossul gefragt, ob wir uns ein langfristiges Engagement im Irak vorstellen könnten, um die Schäden in Ninive und Mossul zu begutachten und weiter zu erforschen“, erzählt Stefan Maul. Das Wissenschaftsministerium Baden- Württembergs und die Universität Heidelberg sicherten die Basisfinanzierung des Projekts, das Auswärtige Amt und die Fritz Thyssen-Stiftung halfen ebenfalls.

Stefan Mauls Kollege Peter Miglus erkundete dann 2018 mit einem kleinen Team die Schäden in der Altstadt von Mossul westlich des Tigris und die Ruinen des östlich vom Tigris gelegenen Ninive. Ziel des IS war es, das vorislamische kulturelle Erbe des Irak zu zerstören. „Sie haben das mit Hingabe getan, im Museum die Skulpturen zerschlagen, Feuer gelegt, Monumente gesprengt und mit Bulldozern eingeebnet“, sagt Maul.

Das Mossul Museum mit zerstörten Bildwerke und Inschriften im assyrischen Ausstellungsraum, 2018. Es ist das zweitgrößte archäologische Museum des Irak. Foto: Peter A. Miglus Vergrößern
Das Mossul Museum mit zerstörten Bildwerke und Inschriften im assyrischen Ausstellungsraum, 2018. Es ist das zweitgrößte archäologische Museum des Irak. © Peter A. Miglus

Ninive lag auf dem Ostufer des Tigris. Auf dem großen Tell Kujunjik, der bereits vor 9000 Jahren der Ausgangspunkt der Besiedlung von Ninive war, standen in der spätassyrischen Zeit zwei große Königsresidenzen, der Südwestpalast und der Nordpalast, die von den Königen Sanherib (704-681 v. Chr.) und Assurbanipal (668-631 v. Chr.) errichtet wurden.

Von dem freigelegten Thronsaal des Südwestpalastes, der in ein Museum umfunktioniert war, sind nach der Verwüstung durch den IS nur noch Steinhaufen und zahlreiche Bruchstücke von Steinplatten mit Reliefs und Inschriften übrig. Südlich davon liegt der kleinere Tell Nebi Yunus. Man wusste, dass darunter ein weiterer assyrischer Plast liegen muss, der sogenannte Militärpalast, der aber nicht zugänglich war, weil auf ihm das Grab des Propheten Jonas sowie eine Moschee mit angrenzendem Friedhof errichtet worden war. Die Umgebung des Tells war besiedelt und ist längst ein Teil von Mossul geworden, das sich auf dem östlichen Tigrisufer ausgedehnt hatte.

Von der frühchristlichen Kirche zur Wallfahrtsmoschee

Auf dem Nebi Yunus erhob sich ursprünglich eine frühchristliche Kirche, die im Mittelalter in eine Moschee umgewandelt wurde. Diese wurde in der osmanischen Zeit umgestaltet und um 1990 unter Saddam Hussein als große Wallfahrtsmoschee ausgebaut. Die Westseite des Tells wurde damals terrassiert und mit Grünanlagen geschmückt, was wohl vage an die „hängenden Gärten“ von Babylon erinnern sollte.

Mitte des 19. Jahrhunderts hat die osmanische Verwaltung bei einer kleinen Grabung den Haupteingang zum Thronsaal des Militärpalastes gefunden, dieser blieb aber weitgehend unerforscht, weil überbaut. Beim Ausbau der Moschee hatte man hier bei einer vorausgehenden irakischen Grabung Ende der 1980er Jahre weitere Stierskulpturen und beschriftete Wandplatten freigelegt, die die Thronsaalfassade verziert hatten.

Peter Miglus beim Fotografieren beschrifteter Wandplatten in Raubtunnel im Tell Nebi Yunus unter der Moschee, 2018. Foto: A. Al-Magasees Vergrößern
Peter Miglus beim Fotografieren beschrifteter Wandplatten in Raubtunnel im Tell Nebi Yunus unter der Moschee, 2018. © A. Al-Magasees

Miglus und sein kleines Team haben zunächst den Tell mit Hilfe von Drohnen vermessen. Dann sind sie durch zwei von den Irakern entdeckte Eingänge in der Krypta in das vom IS angelegte Tunnelsystem eingedrungen. „400 bis 500 Meter dieses Stollensystems haben wir erforscht“, erzählt Peter Miglus. Die Karte sieht aus wie der Stadtplan von New York. Und so haben die Archäologen auch die einzelnen Tunnel genannt: 1st Av. N, 2nd St. N und so weiter. Sie haben die Stollen vermessen und fotogrammetrisch aufgenommen, um ein 3D-Modell der Anlage zu erstellen.

Auf der Suche nach Raubgut hat der IS entlang der Palastmauern gegraben und ist befestigten Wegen gefolgt. Manchmal haben die Islamisten auch direkt in die zwei bis drei Meter mächtigen Palastmauern aus Lehmziegeln gegraben. „Da drin ist natürlich nichts zu finden“, sagt Miglus. Aber dadurch legten die Raubgräber auf der Rückseite der Steinplatten, die die Lehmziegelmauern verkleideten, Inschriften in Keilschrift frei, die man normalerweise nie gesehen hätte.

Eigentumsmarken für die Ewigkeit

„Das waren Eigentumsmarken für die Ewigkeit. Wir wissen aber nicht, ob die Schauseite dieser Platten verziert war“, sagt Miglus. Vielleicht waren sie bemalt. Die oberen Wandpartien trugen auf jeden Fall ein Dekor aus glasierten Ziegeln.

Auf Basis dieser Vermessungen konnten die Archäologen die Dimensionen des Palastes berechnen. Er maß etwa 450 Meter in Ost-West-Richtung und 200 bis 300 Meter in Nord-Süd-Richtung. Der Thronsaal war etwa 17,5 Meter breit und 54 Meter lang und damit der größte bekannte Thronsaal in ganz Mesopotamien.

„Wir haben auch das etwa fünf mal fünf Meter große Thronpodest mit einer Treppe freigelegt, das sich unter der Ostecke der Moschee befindet“, sagt Miglus.

Tunnel mit assyrischer Palastfußboden aus Steinplatten, 2018. Im Plan der Archäologen genannt 2nd. Av., NE. Die Raubgräber orientierten sich an Bodenbelägen oder Mauern des Palastes bei der Anlage ihrer Tunnel. Foto: Peter A. Miglus Vergrößern
Tunnel mit assyrischer Palastfußboden aus Steinplatten, 2018. Im Plan der Archäologen genannt 2nd. Av., NE. Die Raubgräber orientierten sich an Bodenbelägen oder Mauern des Palastes bei der Anlage ihrer Tunnel. © Peter A. Miglus

In einer neuen Grabung im Herbst 2019 nördlich des bisher bekannten Palastes legten die Archäologen die Schatzkammer frei. Auf dem Boden fanden sie immer noch Gegenstände aus Gold aus Ägypten und der Levante. Wenn man bedenke, dass Ninive 612 vor Christus von den Babyloniern und Medern erobert und zerstört worden sei und nun der IS hier gewütet und geplündert habe und man immer noch etwas finde, könne man sich den ursprünglichen Reichtum dieses Palastes vorstellen, sagte Miglus. „Wir sammeln jetzt die letzten Krümel auf.“

Goldener Knauf mit ägyptischen Hieroglyphen, ein Beute- oder Tributstück, aus dem Raum im Abschnitt1, 2019. Foto: Peter A. Miglus Vergrößern
Goldener Knauf mit ägyptischen Hieroglyphen, ein Beute- oder Tributstück, aus dem Raum im Abschnitt1, 2019. © Peter A. Miglus

Bei einer zweiten Grabung auf der Ostseite haben die Heidelberger Archäologen Reste des Haupteingangs und Reste von sechs Meter hohen Stieren gefunden. Die seien zwar schon im 19. Jahrhundert zum Teil ausgegraben worden, aber dann wieder in Vergessenheit geraten. Der mutmaßliche Haupteingang müsse weiter untersucht werden.

Die Grabung förderte auch viele Schriftdokumente zu Tage, darunter Texte über einen Kreditbetrieb, der hier floriert haben muss. Die Archäologen fanden Bauinschriften von König Asarhaddon, dem zweiten Erbauer des Palastes. Die Baugeschichte ist durch die Schriftzeugnisse in Keilschrift recht gut dokumentiert. Der Palast diente als Magazin für Waffen, Ausrüstung, Vorräte und Kriegsbeute, sagt Miglus.

Maul sieht den Palast als „Bühne für die militärische Selbstrepräsentation des Königs“. Er habe dort die Tribute aus den Provinzen entgegengenommen, zudem gab es Truppenübungsplätze für Kampfwagen. Dort, wo heute der abgestufte Terrassenhügel den Tell bedeckt, war früher eine große Palastterrasse, die bis zur Stadtbefestigung reichte. Hunderte von glasierten Tonziegelfragmenten wurden gefunden, die darauf hindeuten, dass die hohen Palastmauern oben mit diesen prächtigen Ziegeln verziert gewesen sein müssen.

Die Frühjahrskampagne der Heidelberger Archäologen ist der Corona-Epidemie bereits zum Opfer gefallen. Ob es im Spätsommer zu einer Fortsetzung der Arbeiten am Tell Nebi Yunus kommt, hängt auch von der Entwicklung der Corona-Krise ab.

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