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Studierende arbeiten mit ihren Laptops in einer Unibibliothek. Foto: Christophe Gateau/picture alliance/dpa
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Aufruf zu einem Qualitätssprung im Studium Mehr Freiheit beim Lernen an der Uni

Akademisches Mentoring statt Massenveranstaltungen im Hörsaal: Der Wissenschaftsrat will Lehre und Studium revolutionieren. Die Länder fragen nach den Kosten.

Es klingt wie die Utopie der idealen Universität, was der Wissenschaftsrat vorschlägt. Wissen soll künftig weniger durch den Input der Lehrenden als vielmehr durch „angeleitetes Selbststudium“ vermittelt werden, es wird weniger abgeprüft als durch regelmäßige Reflexions- und Feedbackgespräche zwischen Lehrenden und Lernenden vertieft.

Diesen „deutlichen Qualitätssprung“ in Lehre und Studium brauche es, damit Hochschulen die heute Studierenden auf die politischen, gesellschaftlichen und technologischen Herausforderungen von morgen vorbereiten können, sagte Dorothea Wagner, Vorsitzende des Wissenschaftsrats, am Montag.

Im Zentrum der Empfehlung steht das „akademische Mentorat“, das die Betreuung der Studierenden durch Hochschullehrende von großen bis übergroßen Gruppen auf Kleingruppen und Einzelgespräche verlagern soll. Damit fordert das wissenschaftliche Beratungsgremium von Bund und Ländern nichts weniger als eine Revolution der aktuellen Betreuungsverhältnisse (die vollständige Empfehlung finden Sie hier).

Diese bilden sich zum einem in der Kapazitätsverordnungen ab: Die Zahl der Lehrenden in einem Fach zwingt die Hochschulen zur Aufnahme einer sich daraus ergebenden und sogar einklagbaren Zahl von Studierenden. Zum anderen geht es um die Lehrverpflichtung von Professor:innen, die an Berliner Unis bei neun Stunden pro Semesterwoche liegt.

Beim Kapazitätsrecht ist der Bund gefragt

Ein „akademisches Mentorat“ mit einer sehr viel individuelleren und zeitintensiveren Betreuung einzuführen, würde diese Modelle komplett durcheinanderwirbeln – und vor allem sehr viel mehr Personal brauchen. „Ein Qualitätssprung – da stehen wir als Länder dahinter.

Für das akademische Mentorat müssten aber haushalterische Voraussetzungen geschaffen werden“, sagte denn auch Armin Willingmann (SPD), Wissenschaftsminister in Sachsen-Anhalt und Mitglied im Verwaltungsrat des Wissenschaftsrats, bei der Vorstellung der Empfehlung. Die Länder seien finanziell unterschiedlich aufgestellt, um die Reform kurzfristig umzusetzen. Und beim Kapazitätsrecht sei der Bund gefragt.

Ein voller Hörsaal, auf der Treppe laufen Studierende auf der Suche nach einem freien Platz. Foto: Julian Stratenschulte/dpa Vergrößern
Noch sind viele Studiengänge in Deutschland von großen Vorlesungen mit mehreren hundert Studierenden geprägt. © Julian Stratenschulte/dpa

Weniger obligatorische Lehrveranstaltungen und Prüfungen, in denen Studierende ihre Kenntnisse dann stärker als bisher anwenden und Probleme selbstständig bearbeiten? „Mehr Gestaltungsspielräume für Studierende und eine gestärkte Eigenverantwortung – das ist wirklich ein Weg, um Studium und Lehre zukunftsfähig aufzustellen“, kommentierte Marie Müller, Vorstandsmitglied des „freien zusammenschlusses von student*innenschaften“ (fzs), die vom Wissenschaftsrat zur Vorstellung eingeladen war.

Begrüßen würden die Studierenden auch, dass mehr studentische Mitwirkungsmöglichkeiten in der Lehre empfohlen werden – auch jenseits der etablierten Hochschulgremien. Beim Mentorat wäre es wichtig, konkret auf die Lernfortschritte einzugehen und auf die Diversität der heutigen Studierendengenerationen, sagte Müller.

Hochschulen sollen Diversität nicht mehr als Problem sehen

Dazu wird in der Empfehlung bereits festgestellt: „Damit Studierende individuelle Kompetenzprofile ausbilden können, sollte Diversität nicht nur als Heterogenität am Studieneingang problematisiert, sondern als Ziel des Bildungsprozesses verfolgt werden."

Die Qualität einer Hochschule zeige sich auch darin, „wie sie mit Personen umgeht, die aus sozialen, gesundheitlichen oder anderen Gründen benachteiligt sind“, heißt es. Empfohlen wird unter anderem, „die Studieneingangsphase im Sinne der Vielfalt zu gestalten“ – etwa mit Orientierungsprogrammen vor dem jeweiligen Fachstudium.

Dass die Utopie einer besseren Uni möglich ist, zeigen Modellprojekte von Hochschulen bundesweit. So existieren vielerorts Orientierungsstudien wie MINTgrün an der TU Berlin. Und das neue Berliner Hochschulgesetz sieht mehr Wahlfreiheit und Rücksicht auf Diversität bereits vor.

Der Wissenschaftsrat empfiehlt nun, „modellhaft Konzepte zu erproben, wie kleinere Gruppen für eine bessere Interaktion genutzt werden können“. Die Frage, ob die Forderung nach einem Qualitätssprung den Möglichkeiten der Hochschulen gerecht werde, beantwortete Hochschulforscher Peer Pasternack so: „Die meisten Voraussetzungen müssen noch geschaffen werden.“

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