Archäologischer Schnitt durch einen antiken Siedlungshügel im Nildelta. Foto: Robert Schiestl/DAI Kairo
© Robert Schiestl/DAI Kairo

Antike Siedlungen im Nildelta Suche mit dem neuen Auge der Archäologie

Im Nildelta wird erstmals mit Satellitenbildern in 3-D-Qualität nach Spuren antiker Siedlungen geforscht – mit Erfolg.

Wenn man im Nildelta in einem Feld steht, sieht man erst einmal nichts als Grün. Alles ist flach, soweit das Auge reicht. Je weiter man nach Norden kommt, häufen sich allerdings die Überreste von Tells oder Koms, wie die Siedlungshügel hier heißen. Das Nildelta war schon immer eine dicht besiedelte und landwirtschaftlich intensiv genutzte Region. Eigentlich ein Paradies für Archäologen, doch antike Stätten und Städte in dem sich stets ändernden Nildelta zu finden, ist keine leichte Aufgabe.

Die Lage der Siedlungen hängt mit der sich dynamisch verändernden Flusslandschaft im Delta zusammen. Um zu verstehen, wie sich Siedlungen in diesem Gebiet entwickeln konnten, muss man die Landschaft untersuchen. Mit den herkömmlichen Mitteln – Geländebegehungen, Probebohrungen, Studium historischer Karten – kamen die Wissenschaftler des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo allerdings rasch an ihre Grenzen. Wo sollten sie anfangen zu bohren?

Die Rettung kam schließlich aus dem Himmel. Andreas Ginau von den Geowissenschaftlern der Universität Frankfurt am Main, mit denen das DAI kooperiert, kam auf die Idee, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) um Hilfe zu bitten. Deren Radarsatellitenpaar TanDEM-X und TerraSAR-X liefert seit 2010 aus einer Höhe von rund 500 Kilometern ein hochauflösendes 3-D-Bild der Erde. In Kooperation mit dem DLR werten die Archäologen nun diese Daten aus und können so ein präzises und für alle Beteiligten unerwartetes dreidimensionales Höhenmodell der Landschaft im Nildelta erstellen.

„Wir erkennen auf den Satellitenbildern sehr feine Höhenunterschiede, man sieht Felder und kanalisiertes Wasser. Die Bilder zeigen feine Strukturen, die mit dem bloßen Auge nicht mehr zu erkennen sind“, erzählt Robert Schiestl von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er untersucht im großangelegten Projekt „Siedlungsgeschichte und Landschaftsrekonstruktion im nordwestlichen Nildelta“ mit dem DAI Kairo in Kooperation mit dem ägyptischen Antikendienst die Landschaft im nördlichen Nildelta in der Nähe der antiken Stadt Buto.

„Im Feld sieht man vielleicht noch einen ein Meter hohen Erdwall, mehr aber auch nicht. Aber diese Bilder zaubern plötzlich Flussläufe hervor, von denen wir keine Ahnung hatten. Fließen heute zwei Nilarme durch das Delta, war es damals ein ganzes feingliedriges Netz von Wasserläufen.“ Selbst wenn Uferwälle planiert und Wasserläufe verfüllt wurden, bleiben sie für das äußerst sensible Radar als Struktur immer noch erkennbar. Mit dem Höhenmodell ist die Landschaft schlagartig erschlossen und sieht ganz anders aus als bisher vermutet. Ein Glücksfall für die Archäologen.

Bohren, um Siedlungsspuren zu finden

Die Satellitenbilder geben nun eindeutige Hinweise, wo man mit Erfolg bohren kann, um Siedlungsspuren zu finden. Besonders hoch gelegene Uferwälle eigneten sich zur Besiedlung und auch aus verfüllten Wasserläufen kann man bei einer Geländebegehung auf Keramikscherben stoßen. So führt der Schutt, mit dem die Wasserläufe gefüllt wurden, zu potenziellen Siedlungen in der Umgebung.

Schon seit den 1980er Jahren wird die antike Stadt Buto (modern Tell el-Fara’in) im nördlichen Delta vom DAI Kairo erforscht. Man weiß inzwischen, dass Buto im 4. Jahrtausend eine wichtige Stadt war, die allerdings über 1500 Jahre lang verlassen und aufgegeben war – aus bislang ungeklärten Gründen. Nach der Siedlungslücke wurde Buto schon im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. wiederbesiedelt und war schon in der sogenannten Dritten Zwischenzeit und der folgenden Spätzeit (ca. 1000 v. Chr. bis 4. Jahrhundert v. Chr.) wieder ein bedeutender Ort. Das setzte sich in ptolemäischer bis spätrömischer Zeit (4. Jahrhundert v. Chr. bis 7. Jahrhundert n. Chr.) fort.

Die Lage in der dynamischen Flusslandschaft suggeriert, dass für die Aufgabe über einen Zeitraum von 1500 Jahren ökologische Gründe eine Rolle spielten. Gleichzeitig fragt man sich, in welch einem Umland eine so große Stadt existieren konnte. Schiestl versucht nun herauszufinden, wie die Landschaft um die Stadt ausgesehen hat und wie sie sich im Lauf der Zeit veränderte.

Unter Metern von Nilschlamm begraben

„Buto war sicherlich keine isolierte Insel in der Delta-Landschaft, aber die archäologischen Methoden reichen bisher nicht aus, weiter zurückzugehen“, sagt Schiestl. Die frühe Siedlung von Buto und die ab dem frühen 1. Jahrtausend einsetzende Wiederbesiedlung des Ortes werden durch laufende Grabungen des DAI Kairo erforscht. Die älteren Schichten des Umlandes um Buto liegen jedoch unter Metern von Nilschlamm begraben, der mit der jährlichen Überschwemmung im Delta herangeführt wurde und sich ablagerte. Da sich gröbere Partikel des Nilschlamms flussnah ablagerten, wuchsen entlang der Wasserarme parallel verlaufende Uferdämme Stück für Stück in die Höhe. Diese Uferwälle boten sich für die Gründung einer Siedlung an, um sich so ein wenig vor der jährlichen Nilflut zu schützen.

„Dass man keine älteren Siedlungsspuren aus pharaonischer Zeit im Delta findet, heißt ja nicht, dass es sie nicht gab“, sagt Schiestl. Der Schlüssel zum Erfolg liege in der Erschließung der Flusslandschaft. Deswegen der Rückgriff auf die Satellitenbilder des DLR.

Aus ihnen ist auch abzulesen, dass Buto an dieses nun sichtbare Wasserlaufsystem nicht angeschlossen war, wohl aber der Ort Kom el-Gir vier Kilometer nördlich von Buto. Diese Siedlung erstreckt sich über eine Fläche von 20 Hektar mit Resten monumentaler Bauten. Mithilfe magnetischer Messungen konnten Schiestl und seine Kollegen einen Stadtplan von Kom el-Gir erstellen und stießen dabei auf das erste spätrömische Kastell, das im Inneren des Nildeltas überhaupt nachgewiesen werden konnte.

Wie wurde die Siedlung an den Wasserlauf angebunden?

Es geht nun darum, die Dynamik der Landschaft mit der Dynamik der Besiedlung abzugleichen. Wie reagiert ein Ort auf Wasser, das sich wegbewegt oder zu nahe kommt? Auch wenn das nur vier Kilometer entfernte Buto nicht an dieses System der feinen Flussläufe angeschlossen war, gab es dennoch eine künstliche Verbindung? Hatte die Stadt andere administrative oder kultische Aufgaben übernommen? All das sind noch ungeklärte Fragen. Die Grabungen in Kom el-Gir haben erst im Frühjahr 2019 begonnen.

Mit den Geowissenschaftlern in Frankfurt will Schiestl zudem erforschen, wie die lokale Anbindung einer Siedlung an einen Wasserlauf erfolgte. Lassen sich durch gezielte Bohrungen aus den Flusssedimenten Dinge finden, die Rückschlüsse auf Siedlungen zulassen, weil sie sich vielleicht von denen des Naturraums unterscheiden? Dank der Satellitenbilder des DLR können die Geowissenschaftler aus Frankfurt den Archäologen wertvolle Hilfestellung leisten.

Die Methode mit dem Höhenmodell aus dem Weltraum wurde jetzt erstmals in Ägypten angewandt. Mit den Fotos von TanDEM-X, die die ganze Erde vermessen, lassen sich gewiss auch andere Rätsel entschlüsseln.

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