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Welche Genveränderung macht eine Pflanze zum GVO?

Anbauverbot für Gentech-Pflanzen Im Keim erstickt

Außerdem schränke das Anbauverbot die Rahmenbedingungen für die Pflanzenforschung weiter ein, sagt Müller-Röber. „Jeder Wissenschaftler wird sich überlegen, ob er angesichts von ‚Feldbefreiern‘ Sicherheitsforschung noch außerhalb des Gewächshauses durchführen will.“ Das Anbauverbot macht gerade jene Sicherheitsforschung unmöglich, die Kritiker der Grünen Gentechnik als nicht ausreichend empfinden. „Für ein Land mit einer ausgeprägten Wissenschaftskultur wie Deutschland sollte es ein Anliegen sein, den offenen Fragen auch bei uns mithilfe der Forschung, einschließlich von Versuchen auf dem Feld, nachgehen zu können“, sagt ein BMBF-Sprecher. Werde in Deutschland jedoch die Forschung und Anwendungen der Grünen Gentechnik unterbunden, werde gleichzeitig die Chance vertan, den Umgang mit dieser Technologie mitzugestalten. „Ohne Anwendungsperspektive gibt es über kurz oder lang auch keine Forschung in Deutschland mehr“, sagt der BMBF-Sprecher. Angesichts dessen mag der Präsident der Leopoldina, Jörg Hacker, Nachwuchsforschern, die gentechnische Züchtungsforschung mit Freilandversuchen machen wollen, nicht mehr raten, ihre Karriere in Deutschland zu planen. „Dass die anwendungsbezogene Forschung fast ausschließlich im Ausland stattfindet, ist schon heute ein großer Nachteil für die deutsche Forschung“, zitiert Günter Stock, Präsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften aus dem „Gentechnologiebericht“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie.

Naturidentische Genveränderungen

Die Forschungsorganisationen kritisieren das Anbauverbot nicht allein aus Standesdünkel, sie bezweifeln dessen Sinn auch angesichts neuer Techniken. Denn mit Methoden des „Genome Editing“ können Gene einer Nutzpflanze genauso verändert werden, wie es auch zufällig in der Natur passieren kann. Damit könnten zum Beispiel vorteilhafte Genvarianten des wilden Weizens, etwa eine Pilzresistenz, im entsprechenden Gen des Zucht-Weizens eingestellt werden. Dabei wird kein artfremdes Erbgut in die Pflanze eingebracht, sondern lediglich eine „alte“ Genvariante wiederhergestellt, die im Verlauf von Jahrtausenden der Zucht verloren ging. Wären solche Pflanzen trotzdem GVO und einem Anbauverbot unterstellt?

Aus dem BMBF heißt es, Stellungnahmen der Zentralen Kommission für die Biologische Sicherheit seien so zu interpretieren, dass solche Genome-Editing-Pflanzen nicht als GVO im Sinne des Gentechnikgesetzes zu werten sind. Abgeschlossen sei die Diskussion über die Einordnung und Regulation dieser neuen Techniken jedoch noch nicht. Die Europäische Union berate darüber. Anti-Gentechnik-Aktivisten wie Christoph Then von „TestBiotech“ stufen die Verfahren schon jetzt wie altbekannte Genmanipulationen ein und wollen deren Produkte auch so reguliert sehen.

„Diese Methoden ermöglichen eine radikale Veränderung des Erbguts“, schrieb Then kürzlich im Fachblatt „Transkript“. „Eine unkontrollierte Markteinführung wäre unverantwortlich.“

Gegen eine angemessene Prüfung von Pflanzen, die zukünftig mittels Genome-Editing-Verfahren hergestellt werden, haben auch die Wissenschaftsorganisationen nichts einzuwenden. Doch sie plädieren dafür, die Pflanze als Entscheidungsbasis für oder gegen eine eingehende Prüfung heranzuziehen, nicht die Methode, mit der ins Erbgut eingegriffen wird. „Das Verfahren, das zur genetischen Anpassung eines Organismus eingesetzt wird, sollte grundsätzlich keine Rolle spielen“, sagt Vbio-Präsident Müller-Röber. Es sei unerheblich, ob eine genetische Anpassung mittels chemischer, physikalischer oder biologischer Verfahren erreicht wurde. „Sofern dabei eine Pflanze entsteht, die auch durch konventionelle Züchtung hätte entstehen können, wünschen wir uns, dass diese nicht kennzeichnungspflichtig ist“, sagt Stock. Denn in der konventionellen Zucht neuer Pflanzensorten wurden und werden per Chemie oder Bestrahlung abertausende Pflanzenvarianten erzeugt und (heutzutage mit molekularbiologischen Methoden) solche mit vorteilhaften Eigenschaften herausgesucht. Dabei entstehen deutlich mehr Veränderungen im Erbgut als bei gentechnischen Veränderungen mittels Genome Editing. Viele der gängigsten, „gentechnikfreien“ Obst- und Gemüsesorten in den Supermarktregalen sind so entstanden – auch die im Bioladen.

Stillstand im Erbgut

Für den Bundestagsabgeordneten René Röspel, der für die SPD im Bundestagsausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung sitzt, ist das jedoch „keine Rechtfertigung, um zu sagen, dass gezielte Eingriffe ins Erbgut wie mit Genome Editing deshalb besser sind“. Der Politiker will hingegen auch die klassischen Zuchttechniken künftig einer genaueren Prüfung unterziehen. „Ich finde, dass die nicht unproblematisch sind, weil da mit dem Schrotschuss-Verfahren im Erbgut eine Menge angerichtet wird, was sich kaum bewerten lässt.“

Kommt also nach dem Anbauverbot bald ein „Verbot“ jeglicher Genveränderungen – ob nun „natürlicher“ oder „gentechnischer“ Herkunft? Eine Art „genetisches Moratorium“? Die Natur kann sich genetischen Entwicklungsstillstand nicht leisten. Um sich gegen Pilze, Insekten oder andere Parasiten zu behaupten, braucht jedes Lebewesen stete Veränderungen im eigenen Erbgut. Der Mensch hat diesen Prozess seit Jahrtausenden durch gezieltes Züchten beschleunigt. Die Frage ist, ob er es sich langfristig leisten kann, die Sache nun wieder komplett der Natur zu überlassen.

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