Karen Radner beim Tee mit Kamal Rasheed, dem Direktor der Antikenverwaltung des Direktorats Sulaimaniyah im Irak. Foto: Humboldt-Stiftung/Konrad Waldmann
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Alexander von Humboldt-Professur Alter Orient kommt ganz neu an

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Humboldt-Professorin Karen Radner integriert an der LMU München die Altorientalistik in die Geschichte.

„Mein Lehrstuhl steht für die Integration des Alten Orients mit Iran, Ägypten und Mesopotamien in die Geschichte“, sagt Karen Radner, seit 2015 Humboldt-Professorin an der Ludwig-Maximilian-Universität München, wo sie die Alte Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens lehrt. In der deutschsprachigen Welt sei der Alte Orient in eine Schublade gesperrt und seine Geschichte vergessen worden. Vorderasiatische Archäologen und Altorientalisten arbeiteten eher getrennt und forschungsorientiert, während sich nur die Geschichtswissenschaft auch an Lehramtsstudenten richte und dabei eher auf Griechen und Römer beschränke. „Dieses Schema aus dem 19. Jahrhundert spiegelt die Rolle des Alten Orients nicht wider“, sagt Radner. In Großbritannien, Frankreich und Italien sei das ganz anders, da gehöre der Alte Orient selbstverständlich zum Fach Geschichte.

Karen Radner weiß, wovon sie spricht. Die Österreicherin hat in Wien Altsemitische Philologie und Orientalische Archäologie studiert und promoviert, danach folgten drei Jahre in Helsinki, bis sie 1999 – nach einem längeren Aufenthalt in Syrien zur Publikation der Keilschrifttexte aus Tell Schech Hamad, dem von der FU Berlin ausgegrabenen Leitfundort für die Assyrer im Westen – nach München ging. 2004 habilitierte sie sich dort und arbeitete bis 2005 als Assistentin in der Assyrologie. „Ich habe in München immer eng mit den Vorderasiatischen Archäologen zusammengearbeitet“, sagt sie. Als sie 2005 an das University College London (UCL) berufen wurde, traf sie im Fach Geschichte auf Studierende, die sich selbstverständlich mit dem Alten Orient beschäftigten. „Wenn das Fach integriert ist, erreiche ich auch viel mehr potenzielle Interessenten für den Alten Orient, als wenn das getrennt gelehrt wird.“

„Das ist für Deutschland etwas Neues“

Radners Forschungsinteresse gilt dem Neuassyrischen Reich. Bisher habe man sich vor allem für die Ursachen des Niedergangs des Reiches interessiert, nicht aber dafür, warum es 300 Jahre lang ein Erfolgsmodell war. „Ich interessiere mich vor allem für die Menschen damals und weniger für die Texte an sich“, sagt sie. Um das zu leisten, bedarf es der Zusammenarbeit.

2013 sind ihre Münchener Kollegen mit der Idee an sie herangetreten, im Rahmen einer Humboldt-Professur die Altorientalistik in die Geschichte zu integrieren. „Die Münchner Althistoriker merkten, dass der Geschichte ohne den Alten Orient und die Archäologie etwas fehlte. Das beraubt auch die Spezialisten der Kontaktaufnahme mit potenziellen Interessenten“, sagt sie. In München habe man schon seit längerer Zeit interdisziplinär gearbeitet. Nun bietet die Humboldt-Professur den Hebel, alte Fachstrukturen aufzubrechen und zu verändern. „Das ist für Deutschland etwas Neues. Mir ist es wichtig, dass auch Lehramtsstudenten der Geschichte etwas über altorientalische Geschichte lernen können.“

Noch etwas ist ihr wichtig: „Ohne Team brauche ich keine 3,5 Millionen Euro“, sagt sie. Sie nutzt das Geld, um ein Team aufzubauen, dessen Mitglieder nun selbst erste Drittmittel einwerben. Unter anderem werden Funde aus Tell Schech Hamad erforscht. Was könnte man verbessern? „Ich hätte wie in London gerne Administratoren, die wie Wissenschaftler bezahlt werden.“ Die Kräfte, die den Betrieb unterstützten, würden leider zu schlecht entlohnt, das liege auch am deutschen Tarifsystem.

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