Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Gesundheitsexperte der SPD: Karl Lauterbach. Foto: Kay Nietfeld/dpa
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Aber kein großes Public Viewing Lauterbach für länger geöffnete Außengastronomie zur EM

Der SPD-Gesundheitsexperte macht Hoffnung, dass dem Land eine vierte Welle samt Lockdown erspart bleibt. Dafür gebe es aber Voraussetzungen, so Lauterbach.

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland sinkt weiter. Am Sonntag waren nach fast acht Monaten wieder alle Bundesländer unter den politisch bedeutsamen Wert von 50 gerutscht. Aus Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) geht hervor, dass nun auch Thüringen als letztes Bundesland mit 47,6 unter dieser Marke liegt.

Auch der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, der nicht wenige in der Pandemie als steter Mahner nervte, zeigt sich sehr optimistisch. „Wir haben das Gröbste hinter uns und sind am Ende dieser schweren Zeit angekommen. Wenn sich bis zum Herbst 80 Prozent der Menschen in Deutschland impfen lassen, ist eine fulminante Rückkehr der Pandemie mit einem weiteren Lockdown extrem unwahrscheinlich“, sagte der Epidemiologe der „Bild am Sonntag“ (BamS).

Lauterbach hatte in der Vergangenheit mit den meisten seiner Prognosen richtig gelegen. Anfang Mai hatte er beispielsweise vorhergesagt, dass die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche Ende des Monats deutlich unter 50 liegen würde. Am Sonntag gab das RKI diese Sieben-Tage-Inzidenz im bundesweiten Schnitt mit 35,2 an.

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Lauterbach sagte weiter, bei Inzidenzen unter 10 und hoher Impfquote „müssen Testpflicht und Maskenpflicht zumindest im Außenbereich aufgehoben werden“. Dies könne im Sommer der Fall sein. Der Mediziner weiter: „Ich rechne allerdings im Herbst wieder mit deutlich zweistelligen Inzidenzen. Dann könnten Maske und Tests für besonders gefährdete Innenbereiche wieder Pflicht werden. Es hängt alles von der Impfquote ab, die wir erreichen werden.“

Wegen des Infektionsgeschehens sei bei der anstehenden Fußball-EM auch nicht an Public Viewing zu denken. Dies wäre zu riskant, so Lauterbach. „Für klassisches Public Viewing mit Hunderten Fans dicht gedrängt reicht die Impfquote nicht aus. Was gut gehen wird: mit neun Freunden zusammen im Außenbereich eines Restaurants die EM zu gucken.“

Lauterbach: Lockerungen für Außengastronomie zur EM

Die Menschen bräuchten aber nach den harten Monate Momente der Entspannung. „Deshalb sollten für die EM-Wochen die Restaurants draußen länger als 22 Uhr öffnen dürfen, sodass auch alle 21-Uhr-Spiele geguckt werden können.“ Auch sollten zusätzliche Außenflächen wie zum Beispiel Bürgersteige der Gastronomie unbürokratisch zur Verfügung gestellt werden.

Das Ziel der Impfkampagne in Deutschland ist nach Lauterbachs Einschätzung nur mit einer konsequenten Impfung von Kindern und Jugendlichen erreichen. „Unser Impfziel von 80 Prozent schaffen wir nicht, ohne auch die zwölf- bis 18-Jährigen zu impfen“, sagte er. Bei den Jugendlichen sei eine Impfquote von 65 Prozent anzustreben. „Dafür sollte auch in den Schulen geimpft werden, um es den Familien möglichst leicht zu machen“, schlug der SPD-Politiker vor.

Mitte Mai hatte eine Umfrage gezeigt, dass die Impfbereitschaft seit Beginn der Kampagne deutlich gestiegen ist. Zu diesem Zeitpunkt wollten sich fast drei Viertel der Menschen in Deutschland gegen das Coronavirus immunisieren lassen. Kurz vor Beginn der Impfkampagne am 27. Dezember hatten sich erst 65 Prozent für eine Impfung entschieden.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hatte allerdings angedeutet, dass sie eine generelle Impfung dieser Altersstufe nicht empfehlen werde. Lauterbach hatte dies kritisiert. „Wenn sie sich nicht festlegt, schiebt sie die Verantwortung den Eltern, Kindern und Ärzten allein zu“, sagte er am Donnerstag den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. „Das wirft uns zurück in den Bemühungen, Kinder und Jugendliche zu impfen, weil zahlreiche Ärzte verständlicherweise ohne Empfehlung der Stiko junge Menschen nicht impfen wollen.“ Die Kommission müsse „zumindest eine Botschaft senden“.

Lauterbach will 14-jähriger Tochter Impfung empfehlen

Das Gremium berät derzeit darüber, wie es sich zu Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren stellen soll. Womöglich wird es nur eine Impfempfehlung für Kinder mit Vorerkrankungen geben.

In der BamS warnte Lauterbach, Kinder und Jugendliche würden unter einer vierten Corona-Welle besonders leiden. „Das müssen wir verhindern. Deshalb sollten sie im Frühsommer bevorzugt ein Impfangebot bekommen“, forderte der Gesundheitsexperte.

Lauterbach, der selbst Impfarzt ist, sagte, er werde seiner 14-jährigen Tochter die Impfung empfehlen. Rund die Hälfte der Familien in Deutschland wird ihre Kinder voraussichtlich gegen das Coronavirus impfen lassen, sobald dies möglich ist. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der „Augsburger Allgemeinen“ hervor. Demnach sind 51 Prozent der Befragten, bei denen Kinder im Haushalt leben, für eine Impfung des Nachwuchses, 40 Prozent der Erziehungsberechtigten lehnen die Schutzimpfung für die Kinder dagegen derzeit ab. Der Rest äußerte sich unentschieden.

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Auch der Virologe Hendrik Streeck hatte am Wochenende der Nachrichtenagentur dpa erklärt, dass für eine Herdenimmunität theoretisch auch Kinder geimpft werden müssten. „Aber deshalb jetzt alle Kinder zu impfen, hielte ich für den falschen Ansatz.“ Es gehe um eine Güterabwägung bei jeder einzelnen Person.

Virologe Streeck gegen generelle Kinderimpfungen

„Kinder erkranken erfreulicherweise sehr selten schwer an Covid-19. Diejenigen, die einen schweren Verlauf hatten, hatten in der Regel auch schwere Vorerkrankungen.“ Das Risiko einer schweren Erkrankung bei gesunden Kindern durch Covid-19 sei anders als bei kranken Kindern sehr gering. „Bei Kindern mit Vorerkrankungen ist eine Impfung sinnvoll“, sagte Streeck.

Herdenimmunität bedeutet, dass in einer Bevölkerung so viele Menschen immun gegen ein Virus sind, dass es sich nicht weiter ausbreiten kann. Immun können Menschen nach durchgemachter Krankheit oder einer Impfung sein.

Nach Angaben des RKI waren bis einschließlich Freitag 14.197.101 Menschen bereits vollständig geimpft, das entspricht 17,1 Prozent der Bevölkerung. 35.058.647 oder 42,2 Prozent haben demnach die erste Spritze erhalten. Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit 3.478.600 an. Daten des Tagesspiegel zufolge gab es am Sonntagmorgen 117.532 aktive Corona-Fälle.

Streeck: Herdenimmunität bis Herbst unwahrscheinlich

Der Virologe Streeck sagte weiter, er rechne in Deutschland nicht mit einer Herdenimmunität gegen das Coronavirus bis Herbst. „Ich bin skeptisch. Wir haben es ja nicht mit Impfstoffen zu tun, die vollständig vor einer Infektion schützen“, sagte Streeck. Auch Geimpfte mit hoher Antikörperreaktion könnten sich mit dem Virus infizieren und es an andere weitergeben. „Nur seltener“, sagte Streeck.

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Das RKI schreibt dazu, dass die in Deutschland verwendeten Impfstoffe Infektionen in „erheblichem Maße verhindern“ und „das Risiko einer Virusübertragung stark vermindern“. Streeck wies zudem darauf hin, dass die Immunantwort mit der Zeit nachlassen dürfte. „Wie stark der Effekt ist, wird man erst im Herbst bemessen können.“

Auch Lauterbach warnte in der BamS davor, zu früh Entwarnung zu geben. „Wir befinden uns noch in einer empfindlichen Phase der Pandemie. Wenn wir jetzt zu schnell lockern und sich dann die indische Variante ausbreiten würde, riskierten wir einen schweren Rückfall. Die indische Variante ist wahrscheinlich 20 Prozent ansteckender als die britische. Alle unsere bisherigen Maßnahmen würden gegen eine vierte Welle mit der indischen Variante bei den noch Ungeimpften nicht ankommen. Deshalb müssen wir noch vernünftig sein.“

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