Im Getränk, im Essen oder pur: Zucker ist allgegenwärtig. Foto: Monika Skolimowska/dpa
© Monika Skolimowska/dpa

Zu viel Zucker macht dick und krank Im Kampf gegen die süße Versuchung

Zucker steckt in fast allen Lebensmitteln. Zu viel davon kann dick machen. Was die Politik und die Branche dagegen tun. Eine Übersicht.

Während 820 Millionen Menschen auf der Welt hungern, kämpft Deutschland gegen den Überfluss. Fast jede zweite Frau und mehr als 60 Prozent der Männer sind übergewichtig, hat das Robert- Koch-Institut herausgefunden. Mit Gewichtsproblemen kämpfen auch viele Kinder und Jugendliche. Mehr als 15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen haben Übergewicht, ein Drittel davon ist adipös – also fettleibig.

Fehlernährung kann krank machen, etwa durch zu viel Zucker. Der hohe Konsum gezuckerter Produkte kann zu Adipositas und Karies führen, warnt Kai Kolpatzik, Leiter der Abteilung Prävention beim AOK-Bundesverband. „Die Folgeerkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen verursachen millionenfaches Leid und immense Kosten für unser Solidarsystem: 63 Milliarden Euro geben wir jährlich für die Behandlung der Folgen von Adipositas, für Krankengeld und Frührenten aus“, sagt Kolpatzik.

Zucker ist überall

Rund 80 Prozent der Lebensmittel im Supermarkt enthalten Zucker. „Künstlich zugesetzter Zucker ist heute ein Bestandteil vieler industrieller Lebensmittel und Getränke. Dieser zugesetzte Zucker stellt eine Hauptursache für den weltweit hohen Zuckerkonsum dar“, weiß Kolpatzik.

Der Zucker steckt in Softdrinks, Joghurts und Frühstückscerealien. Doch warum setzen Lebensmittelproduzenten so hohe Mengen an Zucker zu, wenn dieser als so schädlich gilt? Zucker ist wie Fett ein wichtiger Geschmacksträger. Er hat in der Lebensmittelproduktion noch andere Vorteile.

Zucker „ist dienlich für die Textur, Masse und Farbe und fungiert als Konservierungsmittel“, weiß Kolpatzik. Wissenschaftler haben zudem herausgefunden, dass Zucker süchtig macht, indem es unser Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Das macht sich die Nahrungsmittelindustrie gezielt zunutze.

Was die Politik tut

Weniger Zucker und weniger Salz im Essen – das will auch Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU). Vor gut einem Jahr stellte die Ministerin ihre Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie vor, die auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Branche setzt. Zum Start gab es das Versprechen, dass Frühstückscerealien für Kinder bis zum Jahr 2025 mindestens 20 Prozent weniger Zucker enthalten sollen, in Erfrischungsgetränken mindestens 15 Prozent, in Kinderjoghurts mindestens zehn Prozent Zucker gespart werden sollen.

Inzwischen gibt es neun Branchenvereinbarungen, darunter mit den Bierbrauern und Tiefkühlproduzenten. Für Klöckner sei gesunde Ernährung „ein zentrales politisches Anliegen“, heißt es aus dem Ministerium. Neben den konkreten Zielvereinbarungen zur Reduktion enthält die Strategie auch Maßnahmen zur Ernährungsbildung sowie ein Verbot von Zucker und anderen süßenden Zutaten in Kleinkind- und Babytees. Dieses ist bereits in Brüssel notifiziert.

Was Handel und Hersteller machen

Vor zwei Jahren hat der Lebensmittelhändler Rewe seine Kunden selbst entscheiden lassen, wie stark gesüßt der Schokopudding sein soll. Angeboten wurde das Produkt mit 20, 30 und 40 Prozent weniger Zucker. Die zuckerreduzierte Variante kam beim Verbraucher so gut an, dass sie später in den Läden erhältlich war. Rewe ist damit nicht allein. Nahezu alle Supermarktketten reduzieren bei ihren Eigenmarken Zucker, das gilt etwa für Frühstückscerealien oder Limonaden.

Kai Kolpatzik wünscht sich mehr solcher Aktionen, die zur Aufklärung beitragen und den Verbraucher einbeziehen. „Die AOK begrüßt, dass der Handel das Thema Zuckerreduktion aufgreift. So haben der Edeka-Verbund, die Rewe Group, Lidl Deutschland und Aldi Nord/Süd eine Reduktionsstrategie bezüglich ihrer Eigenmarkenprodukte und in dem Zuge schon Zucker in ihren Produkten reduziert.“

Markenhersteller reduzieren Zucker in Produkten

Markenhersteller wie Nestlé arbeiten ebenfalls an neuen Rezepturen. So wurde beim Schokoriegel Kitkat der Anteil an Milch und Kakao erhöht, zugesetzter Zucker jedoch um sieben Prozent reduziert. "Nestlé hat sich freiwillig dazu verpflichtet, den durchschnittlichen Gehalt an Zucker sowie weiteren Nährstoffen schrittweise zu reduzieren. Wir sehen hier unsere Verantwortung", berichtet Nora Bartha-Hecking von Nestlé Deutschland.

Haribo ist sich als Süßwarenhersteller ebenfalls seiner Verantwortung gegenüber den Verbrauchern bewusst und bietet zuckerreduzierte Produkte an, wie ein Sprecher des Unternehmens mitteilt. "Trotz 30 Prozent weniger Zucker können sich Haribo-Fans auch bei Haribo Fruitilicious auf den gleichen vollen Geschmack verlassen, den sie kennen und lieben."

Danone hat nach eigenen Angaben den Energiegehalt seiner Fruchtzwerge seit dem Markteintritt 1981 durch mehrmalige Reduktion des Fett- und Zuckergehaltes um über 35 Prozent gesenkt und auch Bahlsen bietet seit einigen Jahren den Leibniz Butterkeks zusätzlich zu der normalen Variante mit 30 Prozent weniger Zucker an.

"Mit dem Thema Reduktion von Zucker beschäftigen wir uns schon lange", sagt Kerstin Deike von der Bahlsen Group. Auch in Zukunft werde weiter an Produkten gearbeitet, die allgemein weniger süß sind. Die ersten beiden Produkte, zwei Varianten des Produktes Leibniz Zoo, kommen in diesem Jahr auf den Markt.

"Frei Von"-Produkte

Sogenannte „Frei-von“-Produkte werden Verbrauchern seit mehreren Jahren im Handel angeboten. Sarah Häuser von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch weist jedoch darauf hin, dass beispielsweise die Angabe „ohne Zuckerzusatz“ auf Produkten einen falschen Eindruck erwecken könnte, „da dies von den Verbraucherinnen und Verbrauchern häufig so verstanden wird, dass gar keine Süßungsmittel eingesetzt werden.“

Solche Produkte dürften aber mit Süßstoffen oder Zuckeraustauschstoffen gesüßt werden. Außerdem würden Hersteller sich gesund anhörende Beigaben wie Dattelpaste zum Süßen verwenden. Das gilt etwa für Kelloggs „No added Sugar Crunchy Müslis“. Häuser warnt, dass Dattelpaste trotz des guten Rufes aus bis zu 60 bis 70 Prozent Zucker besteht. Und dass laut der Europäischen Verordnung zu Gesundheitswerbung („Health Claims“) eigentlich nur mit dem Versprechen „ohne Zuckerzusatz“ geworben werden dürfe, wenn das betroffene Produkt keinerlei zugesetzte Zuckerarten enthält.

Zuckerreduktion - Schritt für Schritt

Kai Kolpatzik plädiert für eine Reduktion von Zucker und ist für ein schrittweises Vorgehen. „Wie beim Salz passen sich die Geschmacksnerven beim Zucker an die Dosis an“, sagt er.

Der Verbraucher könnte mit einer langsamen Abnahme des Zuckergehaltes in Lebensmitteln schrittweise an eine Zuckerreduktion herangeführt werden und würde dies kaum wahrnehmen. „Wenn die Hersteller innerhalb einer Produktgruppe zeitgleich den Zuckergehalt senken, lassen sich die Umsatzeinbußen bei einzelnen Unternehmen vermeiden.“

Zur Startseite