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Studentinnen verdienen sich beispielsweise im sozialen Bereich ihren Lebensunterhalt. In der Coronakrise ist das schwieriger. Foto: imago images/Hans Lucas
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Vom Arbeitgeber im Stich gelassen Studierende und ihr Leiden in der Corona-Krise

Viele Studierende haben in der Krise ihre Einkünfte verloren. Das ist schlecht für die Bildungsgerechtigkeit.

Als im Frühjahr 2020 der erste Lockdown beginnt, arbeitet Gulnaz Garipowa als Werkstudentin bei einem Unternehmen, das sie als Einzelfallhelferin an Familien vermittelt. Sie betreut Kinder mit Behinderung oder Lernschwierigkeiten. Zum Schutz der Betroffenen möchte sie ihren echten Namen nicht nennen. Schon bald wird eines der von ihr unterstützen Kinder schwer krank. Es muss in die Klinik, wird positiv auf Sars-CoV-2 getestet.

Ab diesem Zeitpunkt kann Garipowa die Familie nicht mehr besuchen, berichtet sie. Kurz darauf wird sie selbst schwer krank, befürchtet eine Covid-Infektion. Wochenlang hat sie schwere Erkältungssymptome, isoliert sich in ihrer Wohnung. Sie möchte sich testen lassen, die Hausärztin lehnt dies ab.

Als die junge Frau wieder gesund ist, darf sie die Familie trotzdem nicht wieder besuchen. Das untersagt ihr Arbeitgeber. Die Einzelfallhilfe für das Kind fällt weiter aus. Der Grund: Niemand weiß, ob die Familie noch ansteckend ist. Der Arbeitgeber teilt Garipowa mit, sie müsse die Stunden später nacharbeiten. Am Ende hat sie den Schaden in dem Streit. „Für den letzten Monat habe ich gar kein Geld bekommen“, sagt sie. Aus Angst um ihre wirtschaftliche Existenz beantragt Garipowa Arbeitslosengeld. Bis heute ist unklar, ob sie es zurückzahlen muss.

Finanzielle Krise

Viele junge Menschen verdienen sich wie Garipowa als Werkstudierende Geld dazu, arbeiten in den verschiedensten Branchen. Oft sind sie viel mehr als Aushilfen. Isabella Rogner von der Gewerkschaft Verdi sieht die Studierenden durch die Pandemie in einer finanziellen Krise. Im ersten Lockdown hätten 35 bis 40 Prozent ihren Nebenerwerbsjob verloren. Für den aktuellen Zeitraum gebe es noch keine gesicherten Zahlen. Besonders trifft dieses Schicksal Menschen aus nicht-akademischen Haushalten, die im Vergleich deutlich weniger finanzielle Unterstützung von ihren Eltern erhalten. „Hier handelt es um eine in der Pandemie besonders vulnerable Gruppe“, schreibt Rogner.

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Neue Jobs sind ebenfalls rar: Das Stellenportal Indeed hat ermittelt, dass die Ausschreibungen für Praktika und Studierendenjobs deutlich stärker zurückgegangen sind als für sonstige Jobs. Im Zeitraum Februar bis September 2020 gab es um etwa ein Drittel weniger Praktika als im Vorjahreszeitraum. Bei den Anstellungen für Studierende sind es sogar um die Hälfte weniger. Bei den nichtstudentischen Anstellungen liegt der Unterschied nur bei gut 20 Prozent.

Immer mehr wetteifern um immer weniger Jobs

„Die Analyse verdeutlicht, dass Unternehmen zunächst dort neue Stellen streichen, wo es flexibel möglich ist“, schreibt Annina Hering von Indeed. Das geringere Angebot trifft auf eine viele höhere Nachfrage. Die Anzahl der Suchanfragen nach Praktika und Studentenjobs lag auf Indeed deutlich über dem Niveau der Jahre 2018 und 2019. Bei den Suchanfragen nach Praktika gab es einen Einbruch zu Beginn des ersten Lockdowns, der die Studierenden offenbar zögern ließ, Praktika zu suchen. Anschließend stiegen aber auch diese Anfragen rasant.

Die staatliche Unterstützung für Studierende in der Coronakrise sei unzureichend, findet Gewerkschaftssekretärin Rogner. „Von den im ersten Antragszeitraum bereitgestellten 100 Millionen Euro für die sogenannte Überbrückungshilfe für Studierende wurden bis Ende September nur 65 Millionen ausgezahlt.“

Dabei sei nach Angaben der Studierendenwerke unter den abgelehnten Anträgen eine hohe Zahl von Studierenden, die sich eindeutig in einer finanziellen Notlage befanden, „nur war diese leider nicht pandemiebedingt und entsprach damit nicht den Antragsrichtlinien“. Um die Hilfen erhalten zu können, durften die Studierenden nicht mehr als 500 Euro auf dem Konto haben. Wer also ein paar hundert Euro für die Miete angespart hatte, kam für das Programm schon nicht mehr infrage. Viele Studierende leihen sich deswegen Geld.

Teure Kredite

Bei der KfW ist eine enorme Nachfrage nach Studienkrediten zu verzeichnen. Von Mai bis September 2020 hatten die Anträge ein Volumen von fast einer Milliarde Euro, verteilt auf fast 31 000 Anträge. Das sind etwa viermal so viele wie in denselben Monaten 2019. Und sie zahlen bald einen hohen Preis, denn nur noch bis Ende 2021 sind die Zinsen auf null reduziert, das Bildungsministerium bezahlt sie. Ab Januar gilt wieder der reguläre Zinssatz.

„Grundsätzlich ist der KfW-Kredit der teuerste Kredit, den der Student derzeit zur Finanzierung des Studiums nehmen kann“, sagte Ulrich Müller vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der „Wirtschaftswoche“. Gewerkschafterin Rogner fügt hinzu: „Das bedeutet für Studierende, dass sie durch Corona nicht nur einen stark erschwerten Berufseinstieg erleben, sondern diesen auch noch mit einer deutlich erhöhten Schuldenlast meistern müssen.“

Gulnaz Garipowa hat ihr Studium zwischenzeitlich beendet. Sie arbeitet jetzt woanders, in Vollzeit. Auch hier gibt es Tage, an denen sie wegen der Corona-Maßnahmen nicht wie gewohnt arbeiten kann. Ihr Gehalt bekommt sie trotzdem.

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