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Microsoft findet, seine Mitarbeiter in Japan sind produktiver, wenn sie nur vier statt fünf Tage pro Woche arbeiten. Foto: dpa
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Vier-Tage-Woche bei vollem Lohn Microsoft wagt Experiment in Japan - und ist begeistert

Die Produktivität der Mitarbeiter habe sich derart erhöht, dass eine zweite Testphase geplant ist. Auch in Deutschland wird dieses Arbeitszeitmodell beliebter.

Für viele Angestellte dürfte es wie ein Traum klingen: Microsoft hat seine 2300 Mitarbeiter in Japan im August testweise bei vollem Lohnausgleich nur vier statt fünf Tage pro Woche arbeiten lassen. Jeden Freitag hatten sie frei. Darüber hinaus wurden alle Besprechungen auf maximal 30 Minuten begrenzt, mehr als fünf Mitarbeiter durften nicht daran teilnehmen. Nun gab der Software-Konzern das Ergebnis des Experiments bekannt - und das war ausgesprochen positiv.

In der Vier-Tage-Woche haben die Mitarbeiter aus Sicht von Microsoft produktiver gearbeitet. Gemessen an den Verkäufen pro Mitarbeiter habe sich die Produktivität der Belegschaft im Versuchszeitraum um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat erhöht, erklärte das Unternehmen. Zudem seien die Betriebsausgaben gesunken: So habe sich der Stromverbrauch um ein Viertel reduziert, auch Papier sei nur halb so viel verbraucht worden. Microsoft ist von den Ergebnissen so begeistert, dass im Winter ein weiterer Versuch starten soll. Und 92 Prozent der Mitarbeiter gaben laut Microsoft ebenfalls an, dass ihnen die Vier-Tage-Woche gefallen habe.

Tatsächlich ist ein solches Projekt gerade in Japan wohl dringend nötig. Nicht umsonst gibt es dort sogar ein eigenes Wort für „Tod durch Überarbeitung“: Karoshi. In den vergangenen Jahren machten immer wieder derartige Fälle internationale Schlagzeilen. So erkannten die japanischen Behörden 2017 „exzessive Überstunden“ als Todesursache für den Selbstmord eines Bauarbeiters an. Er hatte binnen eines Monats 200 Überstunden angesammelt. 2013 hatte eine Reporterin 159 Stunden zu viel gearbeitet, als sie zusammenbrach und starb.

Uniqlo bot schon 2015 die Vier-Tage-Woche an

Erst kürzlich hatte die Regierung in Japan Unternehmen dazu aufgerufen, flexiblere Arbeitsmöglichkeiten anzubieten, um die Probleme der traditionellen Arbeitskultur zu lindern. Die japanische Modekette Uniqlo bot ihren Mitarbeitern schon 2015 die Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich an. Um Überstunden zu vermeiden, gibt es in Japan sogar Drohnen, die über den Köpfen der Angestellten kreisen, ihre Arbeitszeit messen und den Abschiedssong „Auld Lang Syne“ abspielen, sobald der Mitarbeiter seine vorgesehene Stundenanzahl erfüllt hat.

In anderen Ländern gibt es ebenfalls Forderungen nach der Vier-Tage-Woche oder entsprechende Projekte. So hat das neuseeländische Fondsunternehmen „Perpetual Guardian“ nach einer Testphase entschieden, seinen Mitarbeitern dauerhaft freizustellen, einen beliebigen Tag der Woche frei zu nehmen. In Großbritannien forderte zuletzt der 6,5 Millionen Mitglieder starke Gewerkschaftsbund TUC die 28-Stunden-Woche bei gleichem oder sogar höherem Lohn.

IG Metall handelt 28-Stunden-Woche aus

Auch in Deutschland bieten einige Unternehmen inzwischen flexible Arbeitszeitmodelle an. Der radikale Schritt, bei vollem Gehalt die Stundenzahl um ein Fünftel zu reduzieren, ist jedoch nach wie vor selten. Viele Start-ups bieten ihren Mitarbeitern beispielsweise eine 36-Stunden-Woche an, in der von Montag bis Donnerstag täglich neun bis zehn Stunden gearbeitet wird. „Vormittags arbeiten wir still, am Nachmittag gibt es Meetings. Und man reißt sich einfach stärker am Riemen“, erklärte Andreas Stückl, der Gründer des österreichischen Fahrrad-Start-ups BikeCitizens dem Digitalmagazin „Gründerszene“, nachdem er diesen Arbeitsrhythmus 2014 in seinem Unternehmen eingeführt hatte.

Die Gehälter, die bis dahin auf eine 38,5-Stunden-Woche ausgerichtet waren, wurden allerdings entsprechend angepasst. „Zurück zur normalen Arbeitswoche – das stand dann gar nicht mehr zur Debatte“, meint Stückl. Auch heute arbeiten die meisten seiner Mitarbeiter nach diesem Modell.

Sogar einige Tarifverträge sprechen den Arbeitnehmern das Recht auf eine Vier-Tage-Woche zu. So können Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie 2020 in „verkürzter Vollzeit“ arbeiten. Der von der IG Metall ausgehandelte Abschluss sieht vor, dass man die Arbeitszeit auf 28 Stunden – entsprechend allerdings auch das Gehalt – reduzieren darf. Der Arbeitgeber kann den Antrag nur in begründeten Fällen ablehnen, etwa wenn bereits 18 Prozent der Belegschaft in verkürzter Vollzeit und Teilzeit arbeiten.

Die Gewerkschaft Verdi sieht aber auch kritische Punkte. „Wenn die Arbeitstage lediglich von fünf auf vier Tage verkürzt würden ohne jegliche Reduzierung des Arbeitspensums, hätten die Arbeitgeber keinerlei Nachteile, die Beschäftigten aber mit einer höheren Arbeitsbelastung zu kämpfen“, warnt Tarifexperte Norbert Reuter. So könne die Gefahr von Burn-Out und andere psychischer Erkrankungen steigen.

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