Auf historischem Gelände in der Spandauer Siemensstadt soll bis 2030 ein neues, nachhaltiges Viertel entstehen. Foto: picture-alliance /dpa
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Siemens-Vorstand Cedrik Neike „Das Projekt Siemensstadt ist mein Baby“

Cedrik Neike ist selbst Berliner. Im Interview spricht er über seine Pläne für den Innovationscampus Siemensstadt 2.0, die Energiewende und CO2-freien Verkehr.

Cedrik Neike,1973 in Berlin geboren, hat bei Siemens gelernt und viele Jahre für das Telekommunikationsunternehmen Cisco gearbeitet. Seit 2017 ist er im Siemens-Vorstand für den Bereich Infrastruktur zuständig. Alfons Frese und Jens Tartler sprachen mit ihm über die Pläne für die Siemensstadt 2.0, die Energiewende und Verkehr ohne CO2-Ausstoß.

Herr Neike, bei der Präsentation des städtebaulichen Gewinners für die Siemensstadt 2.0 haben wir uns gefragt: Was hat Siemens gegen Hochhäuser?
Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, dass Siemens sich da ein Denkmal setzt. Hochhäuser wirken ja manchmal wie eine Demonstration der Macht. Aber wir haben uns überzeugen lassen und werden jetzt zeigen, dass wir in die Horizontale und die Vertikale energieeffizient bauen können. Das gesamte Areal wird ein großes Reallabor mit Produktionsstandorten, universitären Einrichtungen und Wohnungen.

Wann beginnen die Bauarbeiten?
2018 haben wir ja die Vereinbarung mit dem Land Berlin unterzeichnet. 2019 gab es den städtebaulichen Wettbewerb mit Verkündung des Gewinnerentwurfs Anfang 2020. Jetzt erfolgen die weitere Planung und Baurechtschaffung. Anfang 2022 sollen die ersten Bagger rollen. 2030 wollen wir weitestgehend fertig sein. Das Hochhaus wird in einer späteren Phase kommen, wir bauen ja von Osten nach Westen. Die Europaschule wird relativ früh fertig sein. Das ist wichtig, wenn man weltweit Mitarbeiter und internationale Partner anziehen will.

Wie viele Werkswohnungen wird es geben?
Das ist natürlich auch ein Argument, um gute Leute nach Berlin zu holen. Wir wollen ja auch eine Universität dort ansiedeln. Einige der Wohnungen könnte man auch Studenten zur Verfügung stellen. Leben, arbeiten und forschen in einem Kiez. Wir prüfen den Bau von Werkswohnungen im Rahmen des Projekts, entschieden ist dort aber noch nichts.

Bleiben Sie im Siemens-Vorstand zuständig für Siemensstadt?
Ja. Ich sitze ja in Berlin, und das Projekt ist sozusagen mein Baby. Ich bin Berliner und freue mich sehr darüber.

Welche Perspektive haben die fünf Berliner Produktionswerke von Siemens?
Wir sind weltweit die Nummer eins in der Automatisierung von Energiedienstleistungen. Und das größte Werk dafür steht in Berlin. Auch beim Thema Mittelspannungssysteme für Strom sind wir hier stark. Der große Charme der Siemensstadt wird sein, dass sie eben auch Produktion hat.

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Die Berliner Verwaltung hat einen schlechten Ruf. Insofern war es eine Überraschung, dass es mit der Siemensstadt so reibungslos geklappt hat. Lag das am Duo Cedrik Neike und Michael Müller?
Ich würde die Verantwortung der anderen beiden Parteien nicht unterschätzen. Auch Wirtschaftssenatorin Ramona Pop von den Grünen hat sich sehr stark für das Projekt eingesetzt. Michael Müller, Ramona Pop, Klaus Lederer und ich, wir haben uns in die Augen geschaut und gesagt: Wir wollen das machen.

Siemens-Vorstand Cedrik Neike. Foto: Siemens AG Vergrößern
Siemens-Vorstand Cedrik Neike. © Siemens AG

Was war die größte Kröte, die Siemens schlucken musste?
Gar keine „Kröten“. Von Anfang an haben wir gemeinsam mit dem Senat und dem Bezirk die Planungen mit der Zielsetzung „Urbanes Gebiet“ vorangetrieben. Dass es in einem solchen Konzept ein Geben und Nehmen gibt liegt auf der Hand. Ebenso liegt es auf der Hand, dass ein gewisser Anteil dem Wohnen gewidmet sein muss. Auch mit dem Denkmalschutz sind wir konstruktiv umgegangen.

Was sind jetzt noch die größten Hürden?
Als nächstes steht die Umwidmung an von einem Industrieareal hin zu einem urbanen Gebiet. Und natürlich brauchen wir dann auch Bauunternehmen, die uns im Zeit- und Kostenrahmen bei einer zügigen Umsetzung unterstützen. Wir brauchen auch ein Mobilitätskonzept. Die Siemensstadt soll ein CO2-neutraler Campus werden. Die Deutsche Bahn hat positive Signale gegeben. Das ist auch wichtig, weil wir die Zahl der Menschen auf dem Gelände verdoppeln wollen. Die sollen möglichst mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommen. Und wir brauchen natürlich gute Verbindungen zum Hauptbahnhof und zum neuen Flughafen.

Wie werden sich die Menschen auf dem Campus selbst fortbewegen?
Mit E-Tretrollern und elektrischen, autonom fahrenden Bussen. Wir haben schon Ideen: Zum Beispiel, dass die Menschen dort abgeholt werden, wo sie sich gerade befinden und sie können direkt an Ihrem Arbeitsplatz aussteigen.

Das neue Zentrum der Siemensstadt 2.0 bildet in dem Entwurf von O&O Baukunst das Hochhaus mit „Stadtplatz“. 60 Meter hohe Bauten markieren die Eingänge. Foto: Siemens AG Vergrößern
Das neue Zentrum der Siemensstadt 2.0 bildet in dem Entwurf von O&O Baukunst das Hochhaus mit „Stadtplatz“. 60 Meter hohe Bauten markieren die Eingänge. © Siemens AG

Die Verkehrswende kommt langsam, die Energiewende ist ins Stocken geraten. Wie sollte die Situation 2030 aussehen und was kann Siemens dazu beitragen?
Wir haben uns Simulationen für 40, 60 und 80 Prozent Erneuerbare Energien- Anteil am Strommarkt angeschaut. Natürlich wird die Stromerzeugung mit steigendem Erneuerbaren-Anteil schwankender. Deshalb brauchen wir Stromspeicher und auch Stromtrassen von den Erzeugungsgebieten im Norden nach Süden. Für die kurzfristige Speicherung arbeiten wir zum Beispiel mit Batterien. Im industriellen Anwendungsbereich gehören wir mit unserem Joint-Venture Fluence zu den führenden Anbietern. Für die mittelfristige Speicherung sehen wir viel Potenzial in der Sektorkopplung. In Hamburg läuft zum Beispiel ein Pilotprojekt für eine elektrothermische Energiespeicherung mittels Vulkangesteins.

Wie ist Siemens bei den Hochspannungsgleichstromtrassen involviert?
Da sind wir weltweit unterwegs, zum Beispiel bei Leitungen in China mit mehr als 1000 Kilovolt Spannung. Auch Offshore-Windanlagen binden wir an das Netz an, zum Beispiel in der Nordsee.

Was passiert im Verkehrsbereich?
Ganz wichtig ist die Zugtechnik – mehr Elektrifizierung, weniger Diesel. Aber auch Verkehrssysteme. Die Technik für die Implementierung der Ultra Low Emission Zone in London kommt von uns. Da wird ja nach Schadstoffausstoß der Autos differenziert, was sehr sinnvoll ist. Und für die E-Mobilität bieten wir praktisch alles: von der Wallbox zu Hause über die Schnellladesäule bis zum Pantographen, mit dem Busse von oben geladen werden.
Wenn man an einer Stelle mehr als vier Gleichstromschnellladesäulen installiert, müsste man eigentlich den Boden aufreißen, um das Stromnetz zu ertüchtigen. Aber mit intelligenter Ladesoftware kann man das verhindern, genau das macht Siemens. Bisher sind die Stromverteilnetze, wenn man so will „dumm“, aber mit Sensorik und Software machen wir sie „schlau“.

Der Konzern bietet Ladeinfrastruktur für Privatleute und Unternehmen an. Lässt sich damit Geld verdienen?
Es geht nicht um einzelne Ladesäulen. Wir schauen auf das große Ganze. Wir wollen das Internet der Elektromobilität erschaffen. Dazu gehören Ladepunkte, Stromspeicher, Prosumer, die Netzinfrastruktur und die Software für eine intelligente Steuerung.

Es gibt Unternehmen wie SAP, die ihre Fuhrparks in Richtung CO2-frei umbauen. Kooperieren Sie mit denen?
Wir wissen von vielen Unternehmen, die wie Siemens angekündigt haben, bis 2030 oder zu einem anderen Zeitpunkt CO2-neutral werden zu wollen. Da helfen wir, zum Beispiel Lebensmitteldiscountern, die ihren Kunden Ladeinfrastruktur zur Verfügung stellen. Allein in Nordamerika haben wir bisher mehr als 100.000 Ladepunkte verkauft.

Welche Länder sehen Sie als Vorbild bei der Verkehrswende?
Es tut sich viel zum Beispiel in Großbritannien und Norwegen. China setzt sehr konsequent auf E-Mobilität, das sehen Sie an der Ladeinfrastruktur. Und Sie riechen es in Metropolen wie Peking. Da ist die Luft deutlich besser als vor fünf Jahren. Auch Vietnam setzt auf E-Autos, Indien will seine Tuc Tucs elektrifizieren. Ägypten startet erste Projekte mit Elektrobussen. Singapur schreitet nicht nur bei der Elektrifizierung voran, sondern auch beim autonomen Fahren.

Sie sind im Siemens-Vorstand für Indien verantwortlich. Warum wird dahin noch australische Kohle geliefert, unter anderem mit Zugsignaltechnik von Siemens?
Diese Frage muss ich weiterreichen. Wir bauen weder Rohstoffe ab, noch liefern wir diese. Weder nach Indien, noch sonst wohin. Aber ich verstehe schon, worauf Sie hinauswollen. Es geht hier um eine ganz grundsätzliche Frage, nämlich wie bekommen wir die Energiewende hin. Der Klimawandel ist Realität und wir müssen ihn bekämpfen. In der Diagnose sind wir uns also einig mit den Klimaschützern. Wir stehen da auf der gleichen Seite. Wie wir die Energiewende hinbekommen, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten.

Wäre ein kompletter Umstieg auf Photovoltaik (PV) möglich? Indien hat ja mittlerweile riesige PV-Anlagen.
Das muss die indische Regierung im Detail beantworten. Der Energiebedarf nimmt weltweit zu, insbesondere in den Schwellenländern. Rund 850 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu verlässlicher, bezahlbarer und nachhaltiger Energie. Unser weltweiter Bedarf kann aus Erneuerbaren allein noch nicht gedeckt werden, so wünschenswert das wäre. Sonst gehen die Lichter aus oder in manchen Gegenden gar nicht erst an. Unsere Technologie sorgt dafür, dass in der Übergangszeit, in der fossile Brennstoffe noch gebraucht werden, diese möglichst wenig Emissionen ausstoßen. Das ist die Aufgabe: Die Erneuerbaren ausbauen und in der Übergangszeit die CO2-Emissionen so weit wie möglich reduzieren.

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