Apple-Chef Tim Cook will mit Kampfpreisen den Serien-Markt aufmischen. Foto: AFP
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Update Masse statt Klasse So will Apple künftig Geld verdienen

Der Tech-Konzern vernachlässigt sein iPhone und will künftig lieber Serien-Abos verkaufen. Weil der Markt hart umkämpft ist, lockt Apple mit Billigpreisen.

Als Apple-Chef Tim Cook seine Präsentation am Dienstag noch einmal zusammenfasste, hofften Fans auf einen letzten Satz: Es gebe da noch eine weitere Sache, ein „one more thing“, so hätte er lauten sollen. Im Voraus gab es Spekulationen, Apple würde wieder ein innovatives Produkt aus dem Hut zaubern – etwa einen intelligenten Schlüsselanhänger. Doch Cook verabschiedete sich ohne einen solchen Satz und verschwand schnell hinter der Bühne. Es blieb dabei: Der US- Konzern will lediglich mit leicht veränderten iPhones und einem neuen iPad, dafür aber mit eigenen Serien und Spiele- Abos in das diesjährige Weihnachtsgeschäft starten.

Apples Produktschau am Dienstag im kalifornischen Cupertino hat gezeigt: Der vormals innovativste Konzern der Welt steckt in einem großen Umbruch. Das einstige Zugpferd, das iPhone, bekommt nur noch kleine Verbesserungen. So stattete Apple die jetzt vorgestellte elfte Generation mit einer besseren Kamera aus, die Geräte besitzen außerdem ein etwas leistungsstärkeres Innenleben.

Doch Apples Konkurrenten machen gerade vor, was auf dem Smartphone-Markt alles möglich ist. Samsung stellte zuletzt ein faltbares Handy vor. Huawei verbaute einen Fingerabdrucksensor im Display. Auf Innovationen wie diese warten Fans beim neuen iPhone seit Jahren vergeblich. Wohl auch deshalb sind die Geräteverkäufe bei Apple zuletzt drastisch gesunken, das iPhone hat einen immer geringeren Anteil an Apples Geschäft. Trug das Mobilgerät zu Spitzenzeiten mehr als 70Prozent zum Umsatz bei, ist der Anteil im vergangenen Quartal auf weniger als die Hälfte gefallen – und war so gering wie zuletzt im Jahr 2013.

Apple scheint sich damit abgefunden zu haben. Künftig sollen Dienstleistungen und Abonnements die Kassen füllen. Mit „Arcade“ will Apple noch im September den lukrativen Online-Spielemarkt aufmischen. Für fünf Euro im Monat können Zocker zunächst auf gut 100 Spiele zugreifen. Darunter finden sich Games von namhaften Entwicklern wie Konami.

Außerdem geht Apple im November mit einem eigenen Film- und Seriendienst namens „Apple TV+“ in rund 100 Ländern an den Start. Der Umfang ist zunächst jedoch übersichtlich. So stehen zu Beginn wohl weniger als zehn Serien zur Verfügung. Dafür hat sich der Konzern für seine Exklusivproduktionen die Schauspielleistungen von Weltstars eingekauft. Jennifer Aniston, Reese Whiterspoon und Steve Carell treten als Hauptdarsteller in einer Dramaserie auf, Starregisseur Steven Spielberg produziert eine Fantasy-Reihe. Laut „Financial Times“ investiert Apple mehr als sechs Milliarden Dollar in den Dienst.

Apple gegen Netflix, Amazon, Disney und HBO

Der Wettbewerb um die Serienfans ist schon jetzt hart. Das bekam zuletzt Platzhirsch Netflix zu spüren. Im zweiten Jahresquartal konnte der Dienst weltweit nur noch 2,7 Millionen neue Kunden gewinnen und blieb damit deutlich hinter den Erwartungen zurück. Der Konzern hatte sich fünf Millionen mehr Zuschauer gewünscht. Schlimmer noch: In den USA sank die Zahl der Abonnenten erstmals seit vier Jahren. Den Markt teilt sich Netflix derzeit vor allem mit dem US-Onlinehändler Amazon.

Im November startet in den USA auch der Disney-Konzern mit einem eigenen Dienst, im kommenden Jahr soll er nach Deutschland kommen. Die Filmfabrik kann dabei auf ihren großen Fundus an Klassikern zurückgreifen, darunter die Marvel-Filme oder unzählige Zeichentrickproduktionen. Für 2020 hat auch der Fernsehsender HBO eine eigene Plattform angekündigt, auf der dann beliebte Serien wie „Friends“ und „The Big Bang Theory“ exklusiv laufen dürften.

Kunden sind beim Streaming sparsam

Apple weiß um die Konkurrenz – und setzt deshalb Kampfpreise an. Für ein Familienabonnement mit sechs Lizenzen verlangt der Konzern aus Cupertino gerade einmal fünf Euro im Monat. Damit wäre der Dienst zum Start der gegenwärtig günstigste am Markt. Zum Vergleich: Eine einzige Lizenz kostet bei Netflix knapp acht Euro im Monat.

Viel mehr, als Apple verlangt, würde ein Großteil der Kunden aber ohnehin nicht ausgeben. Fast die Hälfte der Deutschen möchte einer Umfrage der Hamburger Standortinitiative „Nextmedia Hamburg“ zufolge maximal fünf Euro monatlich für Streamingangebote zahlen. Lediglich jeder Achte wäre demnach bereit, zwischen 15 und 25 Euro auszugeben. Umfragen in den USA kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Apple könnte sich mit Billigpreisen behaupten

Analysten glauben dennoch, dass sich Apple durchsetzen könnte: „Apple hat den Vorteil, ein gesamtes Ökosystem zu monetarisieren“, sagt Analyst Gene Munster von der US-Beratungsfirma „Loup Ventures“. Wer die exklusiven Serien sehen will, kommt nämlich um ein Apple-Gerät kaum herum. Darüber könne der Konzern die Billigpreise für seine Abos querfinanzieren, erklärt Munster.

Um jedoch neue Kunden in sein Ökosystem zu locken, muss Apple offenbar auch seine Geräte mit neuen Preisschildern versehen. Das Standardmodell der neuen iPhone-Reihe soll hierzulande 800 Euro kosten. Damit ist das Modell der elften Generation fast 350 Euro günstiger als der unmittelbare Vorgänger seinerzeit. Die Preise der älteren Gerätereihen hat Apple außerdem drastisch reduziert. Und auch das überarbeitete iPad verkauft der Techkonzern in Deutschland schon ab knapp 380 Euro. Masse statt Klasse scheint das neue Motto zu sein. Die Anleger sehen darin jedenfalls Potenzial. Die Apple-Aktien notierten am Mittwoch leicht im Plus. Die Papiere der neuen Konkurrenten wie Disney und Netflix sind hingegen gefallen.

Fans hoffen weiter auf das nächste große Ding

Apple-Fans der ersten Stunde haben die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben, der Konzern könnte an die Prestigeprojekte der Vergangenheit anknüpfen. Bereits jetzt spekulieren sie darüber, welche Überraschungen der US-Hersteller 2020 bereithalten wird. Hartnäckig halten sich die Gerüchte über ein eigenes E-Auto. Zumindest aber erwarten die Fans das erste Smartphone, das den neuen Mobilfunkstandard 5G unterstützt. Ob Apple die Hoffnungen seiner Fans erneut enttäuscht oder aber erfüllt, wird sich dann im kommenden Jahr zeigen.

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