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Der Masterplan für das Tacheles-Areal, auf dem Wohn-, Handels- und Bürogebäude entstehen sollen, stammt vom Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron. Die zehn Gebäude werden sich um vier Höfe verteilen, die sich den Bereichen Wohnen, Handel, Kultur und Arbeiten zuordnen. Das gestalterische Gesamtkonzept von Herzog & de Meuron wird von einem Team aus Fachplanern und fünf Architekturbüros umgesetzt: Aukett + Heese, Grüntuch-Ernst Architekten, Brandlhuber+, Muck Petzet und Partner Architekten sowie RKW Architektur+. Dabei verantwortet BuroHappold Engineering die Tragwerksplanung von sechs Wohngebäuden, einem Bürokomplex und drei Höfen sowie der Untergeschosse mit insgesamt 90000 Quadratmeter Nutzfläche. © werk5 GmbH, Lukas Werlich
© © werk5 GmbH, Lukas Werlich

Stadtentwicklung Bauen für die Ewigkeit

Das Tacheles-Quartier hat Formen angenommen – nach zwei Jahrzehnten Alternativkultur entsteht Exklusivkultur.

Was kommt, was bleibt vom alten Tacheles, dem Kunst-, Kultur- und Veranstaltungszentrum der neunziger Jahre, dem Touristenmagneten und Anziehungspunkt der Off-Kultur? Ganz ungeschminkt gesagt: baulich wenig, ideell nichts. Berlin ist offenbar dazu verdammt, sich vor allem an dieser Stelle immer wieder neu zu erfinden.

1909 als Friedrichstraßenpassage eröffnet, war dies zunächst die zweitgrößte Einkaufspassage der Stadt. Sie wird heute als vergleichsweise dunkle Flucht von Büroräumen nachgestaltet. „Als Studentin habe ich 1995, im Jahr der Reichtstagsverhüllung, nähere Bekanntschaft mit dem Areal gemacht“, sagt Carla Bunt*, die hier ihren ersten Joint rauchte. „Wir sind durch Berlins Mitte gelaufen, haben das Tacheles gesehen, sind auf dem Hof gelandet, das war so frei, da herrschte Punk. Es war auch ein bisschen schmuddelig, das Treppenhaus war voller Graffiti und es roch ein bisschen streng. Viele sind bei Veranstaltungen auch eher gegangen oder später gekommen. So etwas hatten wir noch nie gesehen.“ Das dürfte nicht nur in der DDR sozialisierten Ostberlinern (und Ostberlinerinnen) so gegangen sein. Im Hof gab es eine Diskothek, erzählte die Pankowerin, da wurde jeden Abend aufgelegt: „Es war eine wilde Fantasiewelt, so etwas wie ein Kinderspielplatz für Erwachsene.“

Auf einer Fläche von 25000 Quadratmetern mit elf Gebäuden und drei öffentlichen Plätzen wird mit dem Quartier "Am Tacheles" eines der letzten Filetstücke in Berlin-Mitte neu bebaut. Bis 2023 soll zwischen Oranienburger Straße, Friedrichstraße und Johannisstraße ein lebendiger Stadtraum für Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Kultur entstehen. Grafik: Rita Böttcher/Tagesspiegel Vergrößern
Auf einer Fläche von 25000 Quadratmetern mit elf Gebäuden und drei öffentlichen Plätzen wird mit dem Quartier "Am Tacheles" eines der letzten Filetstücke in Berlin-Mitte neu bebaut. Bis 2023 soll zwischen Oranienburger Straße, Friedrichstraße und Johannisstraße ein lebendiger Stadtraum für Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Kultur entstehen. © Grafik: Rita Böttcher/Tagesspiegel

Das ist das Tacheles ohne Zweifel geblieben, nur auf anderen Ebenen. Im Keller hat die Bauaufsicht fünf Meter hohe Baumstämme in der unterirdischen Zufahrt zu den Versorgungsräumen aufstellen lassen, um die Decke abzustützen: Der Beton muss noch trocknen. Auch für die Architekten Herzog und de Meuron und die anderen an der Neugestaltung beteiligten Büros ist das Areal eine überdimensionierte Spielwiese. Die Schweizer Architekten haben dabei die künstlerische Oberleitung, gestalten die Gebäudeteile aber mit den Berliner Architekturbüros Grüntuch Ernst Architekten sowie Brandlhuber + Muck Petzet gemeinsam. Unterstützt werden sie bei der Planung durch Aukett + Heese, sowie RKW Architektur. Es gibt einen Gestaltungskanon, damit das Gesamtprojekt nicht an architektonischer Vielstimmigkeit zerbricht. „Herzog de Meuron sind so etabliert, dass sie sich den Freiraum des Konzeptionellen leisten konnten, jedes Projekt neu zu entwickeln“, sagt Sebastian Klatt, Geschäftsführer bei pwr development, die das Projekt betreibt und aus dem Filetgrundstück in Mitte Berlins neues Nobelviertel.

Alles eine Frage der Ehre – wie die Buchstaben auf dem alten Foto vom Tacheles aus den neunziger Jahren zu fragen scheinen? Erhalten wird auf jeden Fall ein Stück Streetart, die zu Recht oder zu Unrecht dem geheimnisvollen Straßenkünstler Banksy zugeschrieben wird. Foto: Carla Bunt Vergrößern
Alles eine Frage der Ehre – wie die Buchstaben auf dem alten Foto vom Tacheles aus den neunziger Jahren zu fragen scheinen? Erhalten wird auf jeden Fall ein Stück Streetart, die zu Recht oder zu Unrecht dem geheimnisvollen Straßenkünstler Banksy zugeschrieben wird. © Carla Bunt

Anders als von der Vorbesitzerin, der Jagdfeld-Gruppe, vorgesehen, wird der Torbogen der ehemaligen Ruine wieder ein Portal bekommen. Aufgenommen wurde das Projekt 2015, der Bauvorbescheid kam 2016. In jenem Jahr fanden auch die ersten Erdbauarbeiten statt, der Rohbau begann 2018 – inzwischen hat der Bau an Höhe gewonnen. Seit 2019 arbeitet man sich mit dem Unternehmen Hochtief an den oberirdischen Bauteilen ab. Bis dato gab es keinen Tag Verzögerung. Der Innenausbau begann vor vier Monaten; Ende 2022 soll der erste Teil des Baus eröffnet werden. Dann werden Teile der Front an der Friedrichstraße fertig und das Kunsthaus Tacheles.

Das schwedische Fotomuseum Fotografiska wird in das ehemalige Kunsthaus einziehen und soll den alten Kulturstandort mit neuem Leben füllen. Nach einer intensiven Planungsphase hat der Projektentwickler pwr development, im Auftrag eines mit Aermont Capital verbundenen Fonds, am 10. September 2020 einen langfristigen Mietvertrag unterzeichnet. Fotografiska wird das ehemalige Kunsthaus Tacheles mit insgesamt rund 5500 Quadratmetern Fläche für das Fotomuseum nutzen und auch Häppchen anbieten.

"Wir bauen für die Ewigkeit"

Das Thema Nachhaltigkeit spielte bei den Planungen zunächst nicht die Rolle, das es heute spielen würde: Geothermie schied aus, weil der Eingriff in das Grundwassermanagement angesichts der Gebäudemassen ähnlich massiv ausgefallen wäre; durch Photovoltaik ist die deutsche Hauptstadt ohnehin noch nicht auffällig geworden. „Aber wir bauen für die Ewigkeit“, sagt Amir Rothkegel, Executive Director / Managing Director Am Tacheles Residential Development bei einer Baustellenbegehung. Auch das ist ein schöner Nachhaltigkeitsgedanke und dazu passt, dass das neue Stadtquartier Am Tacheles weltweit das erste Immobilienprojekt ist, das als allergikerfreundlich durch die Allergy Friendly Buildings Alliance (AFBA) zertifiziert wird. Auch die Arbeitsräume sind zertifiziert und werden für eine nachhaltige Bauweise mit LEED Platinum ®, Core & Shell gelabelt.

Grün ist hier als Zierde auf Plätzen geplant – der Verwertungsdruck ist an dieser zentralen Stelle hoch. Zwei begrünte Stadtplätze sind also Teile des Projektes, ein Hofgarten ist für private Nutzer vorgesehen, die sich hier etwas leisten konnten – der einzige private Außenraum des Projektes, mitten in der Stadt und trotzdem mitten in der Ruhe. Die Baumschule Lorberg wird Ware anliefern, die Allergiker in Ruhe lässt. Die Vogt Landschaftsplaner GmbH erledigt den Rest.

Ob Original Banksy oder fake, legitimiert oder nicht: das Bild am Tacheles hat aufgrund seiner Geschichte, dem Mythos und der Symbolik sowie der Bekanntheit einen öffentlichen Wert, der auch weiterhin schwellenlos zur Verfügung stehen sollte - wie in dieser unverbindlichen Visualisierung exemplarisch gezeigt. Es ist daher schön, dass die Architektur dieses historische Artefact der Street Art berücksichtigt und die Anschlussstelle des Nebengebäudes sozusagen vor der Kunst zurückweicht, sodass das Bild in Zukunft jederzeit, Tag und Nacht für alle Besucher:innen Berlins zu sehen und erhalten bleiben wird. Eine Art gebaute Verneigung vor dem Werk Banksys und seiner Strahlkraft. Ein Kommentar auf einer Facebook-Seite deutet an, dass dieses Motiv wohl von jemandem geschaffen wurde, der mit Zapata verbunden ist, der Bar, die zuvor den Teil des Gebäudes besetzt hat, auf dem es gemalt wurde. Foto: Bloomimages Vergrößern
Ob Original Banksy oder fake, legitimiert oder nicht: das Bild am Tacheles hat aufgrund seiner Geschichte, dem Mythos und der Symbolik sowie der Bekanntheit einen öffentlichen Wert, der auch weiterhin schwellenlos zur Verfügung stehen sollte - wie in dieser unverbindlichen Visualisierung exemplarisch gezeigt. Es ist daher schön, dass die Architektur dieses historische Artefact der Street Art berücksichtigt und die Anschlussstelle des Nebengebäudes sozusagen vor der Kunst zurückweicht, sodass das Bild in Zukunft jederzeit, Tag und Nacht für alle Besucher:innen Berlins zu sehen und erhalten bleiben wird. Eine Art gebaute Verneigung vor dem Werk Banksys und seiner Strahlkraft. Ein Kommentar auf einer Facebook-Seite deutet an, dass dieses Motiv wohl von jemandem geschaffen wurde, der mit Zapata verbunden ist, der Bar, die zuvor den Teil des Gebäudes besetzt hat, auf dem es gemalt wurde. © Bloomimages

„Ich hoffe, dass sie noch irgendetwas gelassen haben. Man erkennt es heute gar nicht wieder, die Seele fehlt. Zu DDR-Zeiten war dies ein Elektrowerk“, erinnert sich Clara Bunt, die zu den alten Zeiten ein- bis zweimal im Monat hier gewesen ist. „Toll war diese Metallwerkstatt unten, es gab eine Artistenschule, einen Hundesalon, dieses ganze Haus hat eine wunderbare Vergangenheit.“ Allerdings nicht zu allen Zeiten. Seit Anfang der dreißiger Jahre wurde das Tacheles vor allem von der NSDAP genutzt.

Dachterrassen lehnte der Bezirk Mitte ab - kategorisch

Was bringt die Zukunft? Zunächst keine der in Berlin so beliebten Dachterrassen. „Das hat der Bezirk kategorisch abgelehnt“, sagt Klatt. Es gibt Sicherheitsbedenken und Mitte möchte Lärmbelästigungen von ganz oben vermeiden. Die Pyramide über dem alten Bogen werde zwar öffentlicher Raum, doch auch eine Terrasse sei hier abgelehnt worden, sagt Klatt. Und wer wird im neuen Stadtquartier einziehen? Zu 45 Prozent Familien mit einem Bezug zu Berlin, zu 45 Prozent Kapitalanleger, die vermieten und 35 Prozent der Eigentümer nehmen hier ihren Erstwohnsitz, sagen die pwr-Verantwortlichen: „Und zwanzig Prozent sind die sogenannten Wohnungssammler, die hier und dort was haben.“

Durch viele Grundrissvarianten will man verschiedene Nutzer ansprechen und doch gab es bei der Vermarktung eine Überraschung, die Umplanungen nach sich zog: „Wir haben eine große Nachfrage von Kunden nach Wohnungen, die bereits ein Büro im Objekt haben.“ Auch so kann ein Quartier der kurzen Wege entstehen.

* Carla Bunt ist ein Künstlername.

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