"Bei der Europacity hat man alles an große Investoren gegeben"

Christine Edmaier ist seit 2013 Präsidentin der Berliner Architektenkammer. Foto: Kirsten Ostmann/Architektenkammer Berlin
Präsidentin der Architektenkammer Berlin "Wohnungsbau ist eine 'Schwarzbrotaufgabe'"

Aber die Pläne gibt es doch schon! Das ist doch alles bereits abzusehen!

Das eine Problem bei der Europacity ist, dass man sich ohne Not an der Berliner Blockrandbebauung orientiert hat. Das schränkt die gestalterischen Spielräume ein und lässt kaum komplexere Bauformen mit innovativen Erschließungsmodellen und hoher Dichte zu, wie sie heute benötigt werden. Wenn Gebäude nur eine Vorder- und eine Rückseite haben, ist das für kleine Wohneinheiten eher ungünstig. Das zweite Problem ist, dass man alles an große Investoren gegeben hat. Etwas mehr Kleinteiligkeit und Vielfalt der Akteure wäre an diesem Ort sicher besser gewesen, und heute würde man das wohl anders planen, dichter und sozial ausgewogener. Damals war man froh, überhaupt Investoren zu finden.

Zudem kann man den Eindruck gewinnen, dass die Projektentwickler allein auf Wohn- oder Büroraum setzen und in den Erdgeschosszonen kaum Platz für Geschäfte oder kulturelle Nutzungen lassen. Muss hier die Politik nicht gegensteuern?

Die Beobachtung stimmt. Projektentwickler setzen aus finanztechnischen Gründen entweder auf das eine oder auf das andere. Hier hat die Politik wenig Zugriff. Wir hoffen aber auf das „urbane Gebiet“, das der Deutsche Bundestag vor einigen Wochen als neuen Baugebietstypus beschlossen hat. In solchen Gebieten soll Wohnen und Gewerbe unmittelbar nebeneinander Platz finden. Idealerweise können wir vielleicht eines Tages nutzungsneutrale Gebäude bauen, in denen man wohnen oder arbeiten kann.

Mit steigenden Immobilienpreisen werden im Neubau die Grundrisse immer mehr minimiert. Die deutsche Gesellschaft altert und die Haushalte werden kleiner. Gleichzeitig gibt es immer mehr Home Offices, die Arbeitskräfte werden mobiler und reisen ohne großes Gepäck durch die Welt, vor allem ohne Möbel. Wie müssten Wohnungen für diese Klientel heute aussehen und gebaut werden?

Ja, das fängt beim Städtebau an und das sind die Fragen die uns beschäftigen und für die wir Experimentierfelder brauchen. Da wird immer wieder gerne unsere Kreativität aufgerufen, meist ohne entsprechende Vergütung. Deshalb sind wir ja – unter anderem – auch so für Planungswettbewerbe, um Neues auszuprobieren, das dann aber auch in Pilotprojekten realisiert werden muss und nicht in der Schublade landet.

Es wird in Berlin immer wieder einmal der Wunsch nach einer neuen IBA geäußert, so von Hans Kollhoff, so von Klaus Theo Brenner, der vor allem die Entwicklung des Berliner Außenrings in den Blick nehmen will. Stimmen Sie hier mit ein?

Ja, die Architektenkammer Berlin war für eine IBA in Berlin, und wir haben die Absage sehr bedauert. Inzwischen gibt es in vielen Städten IBAs und der Name ist nicht wichtig, wir haben deshalb für Berlin eine LOBA vorgeschlagen – Lokale Bauausstellung. Es ist aber bislang leider nicht zu erkennen, dass diese Vorschläge gehört werden.

Wo hat Berlin denn ohne IBA oder LOBA Platz für Künstlerisches und Verspieltes? Oder brauchen wir das gar nicht?

Das müssen Sie eigentlich nicht die Architekten fragen. Die können dafür allenfalls Freiräume schaffen und erhalten, in denen Künstler und Bewohner sich entsprechend ausdrücken. Ich sehe es nicht so sehr als unsere Aufgabe, uns selbst zu verwirklichen oder gar auszutoben.

Aber ein offener Städtebau mit freien Zonen macht doch ihre Gebäude erst bewohnbar und lebenswert. Nicht umsonst streben doch viele Menschen im Sommer auf alte Industriebrachen an der Spree, um des puren Vergnügens willen. Was ist zum Beispiel mit Flaniermeilen?

Was meinen Sie mit Flaniermeilen?

Zum Beispiel eine Flaniermeile, wie die Straße Unter den Linden zu früheren Zeiten einmal eine war. Es gibt Menschen, die die Planung einer solchen Flaniermeile in der Europacity vermissen.

Ja, das stimmt natürlich. Jedes Gebiet, das in Berlin neu entwickelt wird, sollte eine Architekturmeile mit entsprechenden Freiräumen haben. Bei der Europacity wird das hoffentlich eines Tages die Promenade am Wasser. Die Menschen gehen gerne am Wasser, aber auch an Häusern entlang, deren Architektur individuell und abwechslungsreich ist, selbst wenn einem nicht alles gefallen muss. Schließlich gibt es dort etwas zu gucken und zu diskutieren – und das ist gut so.

Das Interview führte Reinhart Bünger.

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