Die beleuchtete Seebrücke von Sellin auf der Insel Rügen – in der Umgebung sollen bald Berliner nicht mehr nur urlauben, sondern wohnen. Foto: Jens Büttner/zb/dpa
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„Lasst uns Berlin größer denken“ 15 Bürgermeister aus Mecklenburg-Vorpommern bieten Hauptstädtern Wohnraum an

Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern wollen gezielt Berliner als neue Bewohner anlocken. Dabei helfen soll auch der Ausbau der Infrastruktur.

In Ballungsräumen wie Berlin können sich Mieter einen Umzug kaum noch leisten – von bezahlbaren Eigentumswohnungen oder gar einem (Reihen-)Häuschen ganz zu schweigen. Selbst wer in eine kleinere Wohnung wechseln will, muss das teuer bezahlen.

Während die Berliner Politik mit Deckelungen sowie Umwandlungsverboten reagiert und große Bauprojekte in der Hauptstadt nicht vorankommen, ist anderenorts Land in Sicht: 15 Bürgermeister des Landkreises Vorpommern-Greifswald rollen Berlinern den roten Teppich aus: „In Vorpommern gibt es reichlich, was in Berlin ein immer knapperes Gut wird: Entwicklungsräume, einen unverstellten Blick auf atemberaubende Landschaften, Wohnraum, Grundstücke“, schreiben die Bürgermeister in ihrem Aufruf „Lasst uns Berlin größer denken“, der dem Tagesspiegel vorliegt.

Die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern unter Manuela Schwesig (SPD) unterstützt den Vorstoß. „Wir würden uns freuen, wenn sich noch mehr Berliner entscheiden, zu uns nach Mecklenburg-Vorpommern zu kommen. Bei uns kann man da leben und arbeiten, wo andere Urlaub machen.“ Im Landesteil Vorpommern seien Welcome-Center aufgebaut, um die Zuzügler beim Start in Mecklenburg-Vorpommern zu unterstützen. Auch bei der Suche nach einer Wohnung, nach einem Kita- Platz oder dem richtigen Verein für das Hobby sei man gerne behilflich.

Mecklenburg-Vorpommern nimmt mit der Offerte einen Trend auf, der in Berlin – wie auch in anderen Großstädten – zu beobachten ist. Junge Familien sind gerne bereit zu pendeln, bzw. im Homeoffice zu arbeiten. In Berlin nimmt der Wanderungsgewinn derzeit ab, weil der Zuzug aus dem Ausland nachlässt und der Fortzug von Berlinern nach Brandenburg zunimmt. Warum also nicht noch einen Schritt weiter gehen und die Landesgrenze nach Mecklenburg-Vorpommern überschreiten?

Homeoffice auf dem Lande

„In Zukunft wird es für Arbeitnehmer mit Sicherheit eine Option sein, nicht mehr jeden Tag zu festen Zeiten in der Firma arbeiten zu müssen“, sagt auf Anfrage Peter Strunk, Sprecher der Wista Management GmbH in Adlershof, die im Kampf um die besten Köpfe vorne mitmischt.

Die Berliner Bevölkerung hat im bundesweiten Vergleich den größten Anteil hoch qualifizierter Einwohner: 42 Prozent der 25- bis 64-Jährigen haben studiert oder etwa eine Meister-, Techniker- oder Erzieherausbildung absolviert. Das geht aus einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden hervor. 

Land in Sicht: Bei sommerlichen Temperaturen steht eine Möwe auf einer Seebrückenbeleutung am Ostseestrand von Zinnowitz auf der Insel Usedom. Foto: dpa/Stefan Sauer Vergrößern
Land in Sicht: Bei sommerlichen Temperaturen steht eine Möwe auf einer Seebrückenbeleutung am Ostseestrand von Zinnowitz auf der Insel Usedom. © dpa/Stefan Sauer

Im Bereich Internationalität lagen Berlins Hochschulen nach den aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2017 vorne. Die attraktivste Großstadt verliert aber, wenn sie keinen Wohnraum anbieten kann. Eine eingeschränkte Mobilität kann schwere Folgen auch für die Wirtschaft haben. Deshalb der Vorstoß des Küstenlandes nach Berlin.

„Wir haben gerade zusammen mit der Techniker Krankenkasse das Gesundheitsverhalten der Beschäftigten bei uns am Hochtechnologiestandort Adlershof abgefragt“, sagt Strunk für die Wistas: „Fast die Hälfte der Mitarbeiter ist auf dem Weg zum Arbeitsplatz zwischen 31 Minuten und einer Stunde unterwegs, fast 20 Prozent sogar mehr als eine Stunde.“ Da kann man durchaus schon in „MeckPomm“ sein.

Eine künftig enge Koordinierung zwischen Mecklenburg-Vorpommern und dem Land Brandenburg sei eine beschlossene Sache und bereits unterschrieben, heißt es in einer Pressemitteilung der Förder- und Entwicklungsgesellschaft Vorpommern-Greifswald mbH. „Jetzt ist der Blick auf Berlin gerichtet“, sagt Patrick Dahlemann, Parlamentarischer Staatssekretär für Vorpommern in der Schweriner Staatskanzlei.

„Wir haben die einmalige Chance, die Wachstumsimpulse aus der beeindruckenden Dynamik Stettins mit der noch weitaus größeren Dynamik Berlins zu vereinen, weil wir genau in der Mitte beider liegen. Berlin, die Gründerhauptstadt Europas und einer der wichtigsten Hightech-, Wissenschafts- und Innovationsstandorte des Kontinents ist unser Nachbar, wie auch Stettin“, sagt Michael Sack, Landrat des Landkreises Vorpommern-Greifswald: „Berlinern muss man Vorpommern nicht erklären.“

Neues Bauland? Nicht hier in Dierhagen: Bei der Renaturierung der Fischlandwiesen zwischen Dierhagen und Wustrow auf der Ostseehalbinsel Fischland sind Bagger im Einsatz., um Moore nass zu halten. Andernorts kommen Bauprojekte und Gewerbeansiedlungen schnell in trockene Tücher. Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa Vergrößern
Neues Bauland? Nicht hier in Dierhagen: Bei der Renaturierung der Fischlandwiesen zwischen Dierhagen und Wustrow auf der Ostseehalbinsel Fischland sind Bagger im Einsatz., um Moore nass zu halten. Andernorts kommen Bauprojekte und Gewerbeansiedlungen schnell in trockene Tücher. © Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa

165 Kilometer trennen Berlin von Ueckermünde am Stettiner Haff; bis Pasewalk sind es „nur“ 135 Kilometer. „Wir sind bereit, mit Berlin alle Optionen zu besprechen und gemeinsam nach besten Lösungen für beide Seiten zu suchen“, sagt Sack: „Uns ist die Größe der Aufgabe vollkommen bewusst, aber wir wissen auch, dass die Chancen für Berlin und Vorpommern erheblich sind. Grund genug den Dialog zu beginnen und Zehntausenden Berlinern gezielt Entfaltungsräume in Vorpommern zu bieten.“

[Ein Impuls-Vortrag zum Thema Pendeln wird mit Bezug zu Adlershof am Montag, 30. September 2019 angeboten: 12 Uhr bis 12.30 Uhr im IGZ Innovations- und Gründerzentrum, Raum A101/102 Erdgeschoss, Rudower Chaussee 29, 12489 Berlin. Buchbar über die App „Gesund & Clever“.]

Manuela Schwesig verweist auf den geplanten Ausbau der Bahnstrecke Berlin – Pasewalk – Stralsund, die in den neuen Bundesverkehrswegeplan aufgenommen wurde. Auch der Ausbau des Regionalexpresses von Berlin nach Stettin stelle eine Attraktivierung der Bahnanbindung da, auch wenn die Strecke nicht direkt durch Mecklenburg-Vorpommern verlaufe. „Die gemeinsame Erklärung von verschiedenen Bürgermeistern und dem Landrat aus Vorpommern-Greifswald zeigt, dass es großes Interesse an einer engeren Zusammenarbeit gibt, was wir als Landesregierung unterstützen.“

Berlin ist faszinierend, aber es wird eng

Zu den Städten und Gemeinden, die sich an Berlin wenden, zählen unter anderem Pasewalk, Anklam, Greifswald, Wolgast, Usedom, Heringsdorf, Ueckermünde, Torgelow und Eggesin. „Berlin ist faszinierend, aber es wird eng“, schreiben die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, die mit Interesse die Diskussion um neue Siedlungsgebiete außerhalb der Hauptstadt verfolgt haben, „um Wohnraum für Berlinerinnen und Berliner zu schaffen“.

Falls das Angebot der Bürgermeister bei den Berliner aus Resonanz stößt, könnte ihre Auktion auch ein Vorbild für andere schwächelnde Regionen werden und damit ein gravierendes Problem lindern: Denn Deutschland ist nach einer neuen Studie weit von gleichwertigen Lebensverhältnissen in seinen verschiedenen Regionen entfernt. Das geht aus dem „Teilhabeatlas Deutschland“ des Berlin-Instituts und der Wüstenrot Stiftung für Bevölkerung und Entwicklung hervor, der im August vorgestellt wurde.

30 Jahre nach der Wiedervereinigung liegen die meisten ostdeutschen Regionen noch in vielen Bereichen zurück. In fast allen ländlichen Kreisen, aber auch in den meisten ostdeutschen Städten haben die Menschen mit weniger Einkaufsmöglichkeiten, weiteren Wegen zum Arzt oder langsamerem Internet zu kämpfen als anderswo. Für Vorpommern gilt das allerdings nur bedingt.

Gegenbewegungen im Sog der Großstadt

Gemessen wurde die Teilhabe anhand einer Reihe von Indikatoren wie der Quote von Sozialleistungsempfängern, der Höhe der Einkommen, der Verfügbarkeit schneller Internetzugänge und der Erreichbarkeit von Ärzten, Supermärkten und weiteren alltäglichen Dienstleistungen. Das Ergebnis zeigt, dass die Teilhabechancen in ländlichen Regionen des Südens oft besser sind als in manchem Ballungsraum im Norden – wie etwa Berlin.

Hier indes tut sich viel: Jüngere entziehen sich dem Sog der Großstadt. Auf sogenannten Meetups, in Coworking Spaces und auf Berliner Hinterhöfen planen Städter, wie sie ihren Traum vom gemeinschaftlichen Wohnen und digitalen Arbeiten auf dem Land umsetzen können.

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