Nichts als Baustelle. Berlin hat sich an den Anblick längst gewöhnt. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Berlin-Pankow Krankenhäuser der DDR-Regierung zum Abriss verurteilt

Im Wald an der Hobrechtsfelder Chaussee in Buch soll ein Quartier mit 3300 Wohnungen entstehen. Dafür muss alte DDR-Pracht weichen.

Was hier zu DDR-Zeiten hinter dem Schlagbaum an der Hobrechtsfelder Chaussee in Buch passierte, wussten Normalsterbliche im Norden Berlins nicht. „Das war früher so wie eine Black Box“, sagt eine Panketalerin: „Es wurde nur gemunkelt – natürlich.“ Wer hier behandelt wurde, war Diplomat, gehörte zur politischen Nomenklatur, war Regierungsmitglied – genoß privilegiert und bevorzugt die beste medizinische Behandlung und ein Schwimmbad. Oder genau das Gegenteil davon. Auch Feinde des Sozialismus – und die, die man dazu erklärte – wurden hier „behandelt“, im schlechtesten Falle irre gemacht. Wer im Regierungskrankenhaus und dem der Staatssicherheit aufnommen wurde, war nicht allein in Gottes und medizinischer Hand.

Es ist ein Jahrzehnt, dass die Häuser leerstehen: Dem Verfall und Vandalismus preisgegeben offenbarten sie vor wenigen Wochen nie entsorgte Patientenakten. Was aber ist, was wird mit dem riesigen Areal? 

Seit dieser Woche steht fest: Hier entsteht ein neues Wohn- und Gewerbequartier mit bester Anbindung an die A10 und den S-Bahnhof Buch. Um die 3300 Wohnungen könnten entstehen.

Bäume können nicht klagen

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen hat dem Bezirk Pankow und dessen Baustadtrat Vollrad Kuhn am Dienstag über  Staatssekretär Sebastian Scheel seine Entscheidung mitgeteilt: Der Flächennutzungsplan (FNP) wird geändert. Die Fläche zwischen Wiltbergstraße, S-Bahn-Trasse, der südlich gelegenen Autobahn und der Hobrechtsfelder Chaussee wird künfig nicht mehr als Krankenhausstandort, sondern als Wohn- und Gewerbestandort definiert. Mit der geplanen FNP-Änderung wird eine große Neubaufläche Berlins für die Entwicklung zu einem neuen Stadtquartier vorbereitet.

Ärger von Anwohnern und langwierige Partizipationsverfahren sind an diesem Standort nicht zu befürchten. Bäume können nicht klagen. Allein Waldliebhaber könnten sich hinter die örtlichen Fichten geführt fühlen: Sie hatten sich den Abriss der mit Äther- Odem behafteten Plattenbauten und eine Wiederaufforstung an diesem waldreichen Standort unweit der Försterei gewünscht. Immerhin wird nichts abgeholzt, eine Teilfläche in Richtung Wiltbergstraße soll neu mit Bäumen bepflanzt werden.

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Zur Vergrößerung die Graphik anklicken. © Tsp

„Die Vorstellungen des Bezirks sind nicht voll berücksichtigt worden“, gibt sich der grüne Baustadtrat Kuhn auf Anfrage zerknirscht. „Wir wollten hier keine Gewerbeinsel im Wald, sondern Begrünung.“ Und nun das: Busverbindungen müssen mittelfristig eingerichtet werden, und wie kommen die Menschen hier an der Peripherie Berlins einmal hin und wieder weg? Dass sie Auto fahren, ist politisch nicht gewollt. Mit dem Bus können sie nicht alle fahren und Buch hat nur einen S-Bahnhof. Bisher.

„Wir brauchen einen Regionalbahnanschluss in Buch“, gibt Kuhn zu Protokoll. Die Senatsverwaltung für Verkehr müsse subito entsprechende Leistungen ausschreiben. Das neue Quartier könnte abgehängt werden, bevor es ans Netz geht. Zwar sei inzwischen ein Turmbahnhof am Karower Kreuz vorbereitet, erläutert Kuhn, doch Buch profitiere davon nicht: „Wir brauchen beide Regionalbahnhöfe.“

Land oder Bezirk

Das weitere Verfahren stellt sich aus Sicht der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erst einmal so dar: Nach einem entsprechenden Senatsbeschluss vom 8. Januar „ist der Vorgang von uns an das Abgeordnetenhaus (AGH) übergeben worden und wird dann ggf. in der nächsten Sitzung des AGH an den Ausschuss überwiesen, bevor der Änderung dann im AGH zugestimmt werden kann. Mit dem Abschluss des Verfahrens ist daher wahrscheinlich frühestens im März zu rechnen. Wirksam wird die Änderung mit Bekanntmachung im Amtsblatt“.

Die Frage steht im Raum, wer das weitere Vorgehen vorantreibt oder auch nicht: Land oder Bezirk? „Im Vorfeld sind für das Gesamtgebiet/Stadtquartier zahlreiche Abstimmungen sowie Planungs- und Entwicklungsschritte erforderlich“, sagt eine Sprecherin von Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) auf Anfrage sybyllinisch.

„Die Rahmenplanung würde ein knappes Jahr dauern“, rechnet Pankows Baustadtrat Kuhn. „2021 könnte man anfangen mit Bebauungsplänen. Es könnte auch ein Gebiet von besonderer Bedeutung sein, das von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung betreut wird.“ Der Rahmenplan schafft die gesetzliche Grundlage für die künftige Dichte der Bebauung und für die Verkehrsanbindung – eine Vorstufe des Bebauungsplans.

Abriss kostet Millionen

Noch werden die Gebäude, die auf dem besten Wege zum Ruinenstatus sind, von der landeseigenen BIM Berliner Immobilienmanagement verwaltet. Der Krankenhauskomplex in Buch – mit dem Regierungskrankenhaus und der Klinik des Ministeriums für Staatssicherheit – gehörte einst zu den größten und innovatisten Europas. Dann kam der Westen. Und heute findet er sich auf einschlägigen Internetportalen als einer der gruseligsten Orte in Berlin wieder: Lost Places.

Der nördliche Teil ist nun für Gewerbe vorgesehen, der südliche für Wohnungen. Platz ist hier jede Menge. Das Grundstück des ehemaligen Stasi-Krankenhauses misst zirka 55 000 Quadratmeter. Das Gebäude wurde bis 2008 noch als Helios-Klink genutzt und hat 20 000 Quadratmeter Nutzfläche, für die Berlin seit zehn Jahren keinen Bedarf hat. Gleiches gilt für das ehemalige DDR-Regierungskrankenhaus. Auch dieses wurde bis 2008 von Helios genutzt. Hier geht es um ein 45 000 Quadratmeter großes Gelände und eine Nutzfläche von 23 000 Quadratmetern, die Berlin offenbar ebenfalls für entbehrlich hielt.

Nun also geht es definitiv um Abriss und Schadstoffentsorgung. Kuhn weiß aus Gesprächen mit Vertretern der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und der BIM zu berichten, dass 2017 Zahlen für geschätzte Abrisskosten in Höhe von 430000 Euro für die Stasi-Klinik und 2,3 Millionen Euro für das Regierungskrankenhaus im Raum standen. Genaues aber weiß man nicht, sagt BIM-Sprecherin Johanna Steinke. Das seien damals Schätzungen einer Kollegin gewesen, keine Ergebnisse einer gutachterlichen Studie. Die muss nun erst einmal beauftragt werden. Eine Ausschreibung dazu aus dem Jahr 2016 wurde gestoppt. „Auslober/Bauherr“ damals: Das Bezirksamt Pankow von Berlin.

Erwiesen ist aber mit Blick auf diese Plattenbauten aus den siebziger Jahren, so Steinke heute: „In den beiden Gebäudekomplexen haben wir es mit verschiedenen Schadstoffen zu tun. Angeführt aber von Baustoffen mit künstlichen Mineralfaser (KMF) und Asbest. Eine Schadstoffsanierung würde Kosten im unteren siebenstelligen Bereich bedeuten.“

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