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Tier-Chef Lawrence Leuschner wünscht sich geregelte Abstellflächen für seine Roller wie hier in Köln. Foto: imago images/Jochen Tack
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Exklusiv Im Tagesspiegel-Podcast Fast Lane Tier-Chef plädiert für Scooter-Parkplätze an jeder Ecke

Dieter Fockenbrock

Lawrence Leuschner ist sicher, dass Städte schon bald Autoverbotszonen einrichten werden. ÖPNV und Sharing-Angebote sollen stattdessen die Mobilität sichern.

Der Krieg in der Ukraine und die Folgen sind für die Mobilitätswende „ein Rückschritt“, befürchtet Tier-Mitgründer und CEO Lawrence Leuschner mit Blick auf „unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen“. „Wir sollten jetzt nicht versuchen, mit Tankgutscheinen den Status quo zu erhalten“, sagt Leuschner im Background-Podcast „Fast Lane“. Er habe Verständnis dafür, dass der Staat helfen wolle, aber „wir dürfen nicht den Klimawandel aus den Augen verlieren“.

Leuschner sieht in der aktuellen Krise auch eine „Gelegenheit, unser Verhalten zu hinterfragen“. Das Berliner Start-up vermietet elektrische Roller, Fahrräder und Elektromopeds in mehr als 500 Städten Europas und Nordamerikas. Das erst 2018 gegründete Unternehmen Tier Mobility wird von seinen Geldgebern schon mit zwei Milliarden Dollar bewertet.

Ende 2021 hatte Tier den traditionsreichen Sharing-Mobility-Anbieter Nextbike aus Leipzig übernommen. Nextbike betreibt seit 2004 stationsbasierte Leihradsysteme. Erst kürzlich schluckte Tier vom Automobilhersteller Ford dessen Scooter-Geschäft Spin und ist damit in großem Stil in Nordamerika eingestiegen. 

„Öffentlichen Straßenraum für alternative Mobilität nutzen“

Ziel des Unternehmens ist es, die „Abhängigkeit von Autos zu reduzieren“, sagt Leuschner. Er plädiert dafür, den öffentlichen Straßenraum für alternative Mobilität statt vornehmlich für Autos zu nutzen. An Straßenkreuzungen sollten Parkflächen für Scooter und Bikes ausgewiesen werden. „Dann wüsste jeder, dass es an der nächsten Ecke einen Mobilitätsservice gibt.“ Und es würde das in vielen Städten beklagte Chaos durch rücksichtslos abgestellte Scooter beenden. Leuschner selbst sieht das allerdings nicht als ein gravierendes Problem der Scooter-Branche. 

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Der Tier-Chef will den Menschen in der Stadt den Straßenraum zurückgeben, wie er sagt. „Wir brauchen nicht viel.“ In Berlin sei Platz genug für 20.000 bis 30.000 Scooter. In Deutschland werden Schätzungen zufolge derzeit etwa 100.000 elektrische Scooter zur Nutzung angeboten. Allein in der Bundeshauptstadt sind es schon jetzt nach Angaben des Senats 23.000.

Lawrence Leuschner sieht E-Tretroller als zentrales Element des zukünftigen Stadtverkehrs. Foto: Kevin P. Hoffmann Vergrößern
Lawrence Leuschner sieht E-Tretroller als zentrales Element des zukünftigen Stadtverkehrs. © Kevin P. Hoffmann

Der Landesregierung will das Angebot eindämmen und eine Sondernutzungsgebühr einführen. Andere Städte haben die Zahl der Scooter begrenzt. In Frankfurt dürfen seit Anfang April beispielsweise maximal 1000 Scooter pro Anbieter bereitgestellt werden. Sukzessive will die Stadt am Main feste Parkplätze für die Geräte ausweisen. 

Für welche Strecken werden Scooter genutzt?

Etwa 20 Prozent der Scooter- oder Fahrradfahrten ersetzen laut Leuschner eine Autofahrt. Andere Untersuchungen gehen von weit geringeren Zahlen aus. Eine nicht-repräsentative Studie der Versicherungswirtschaft sagt, dass nur 5,5 Prozent aller Scooter-Nutzungen eine Autofahrt ersetzen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam 2021 eine Civey-Umfrage für Tagesspiegel Background. 

Dennoch ist der Tier-Chef überzeugt, dass Scooter innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre zu mehr als 50 Prozent Autofahrten ersetzen werden. Sein Optimismus fußt auf der Kooperation mit den Kommunen. Tier habe ein Team von 30 bis 40 Mitarbeitenden, die gemeinsam mit Städten Ideen entwickelten, „wie kann man Mobilität neu denken“.

Zurzeit gehe jede zweite Autofahrt in den europäischen Städten nur über drei oder vier Kilometer. Distanzen also, die typischerweise auch mit einem Scooter oder Fahrrad zurückgelegt werden. Leuschner ist überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch überzeugte Autofahrer umsteigen werden.

Die infolge des Ukraine-Kriegs gestiegenen Spritkosten spielen der Branche in die Hände. Und wenn erst einmal alle externen Kosten eingerechnet werden, dann hat das „Auto in der Stadt außer im Sharing – Bereich nichts mehr zu suchen“, sagt Leuschner. Der Wandel werde aber nicht ohne staatliche Regulierung gehen. „Ich bin mir sicher, dass in den nächsten Jahren erste deutsche Städte Autoverbotszonen einrichten werden.“ So wie das Wien, Kopenhagen, Oslo oder Paris schon gemacht haben.

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